Draufgeschaut: Boyhood


Film Boyhood

Boyhood Film Kritik Rezension

Mason (Ellar Coltrane, links) und Samantha (Lorelei Linklater) sehen ihren Vater (Ethan Hawke) nur selten.

Produktionsland USA
Jahr 2014
Spielzeit 163 Minuten
Regie Richard Linklater
Hauptdarsteller Ellar Coltrane, Patricia Arquette, Zoe Graham, Ethan Hawke, Lorelei Linklater
Bewertung

Worum geht’s?

Der sechsjährige Mason ist gar nicht begeistert von der Idee, die seine Mutter hat: Olivia will nach Houston ziehen, damit sie dort studieren und dann einen Job annehmen kann, der ihr als alleinerziehende Mutter ein besseres Auskommen ermöglicht, von dem nicht zuletzt auch die Kinder profitieren sollen. Ihr Sohn trotzdem will ungern den Schulanfang in einer völlig fremden Stadt erleben, außerdem befürchtet Mason, dass er seinen Vater nach einem Umzug noch seltener sieht als ohnehin schon. Die kleine Familie packt trotzdem die Sachen, und der Film begleitet Mason schließlich beim Aufwachsen, zwöf Jahre lang.

Das sagt shitesite:

„Das ist wie Zeitrafferfotografie eines menschlichen Wesens“, hat Ethan Hawke die Wirkung dieses Streifens treffend zusammengefasst. Heute würde da vielleicht zuerst der Datenschutz aufschreien: Ein Kind wird gefilmt, jedes Jahr ein paar Wochen lang – und daraus wird dann ein Film über sein Erwachsenwerden gemacht. Dass dies beim Start der Dreharbeiten zu Boyhood im Jahr 2002 nicht passierte, hatte wohl zwei Gründe: Erstens war die Idee der medialen Omnipräsenz des Privaten noch nicht allzu verbreitet (es gab damals weder Facebook noch YouTube). Zweitens handelt es sich bei Mason natürlich nicht um eine reale Person, sondern um eine Filmfigur. Das Langzeit-Experiment von Richard Linklater ist eben nicht Big Brother und Truman Show.

Gerade aus der Tatsache, dass der Film allerdings auch nicht rein fiktional ist, gewinnt er einen großen Teil seiner Anziehungskraft. Die Schauspieler wirkten in Echtzeit am Drehbuch mit, immer wieder wurde die Handlung den tatsächlichen Ereignissen im Leben der Darsteller, ihren Vorlieben und Empfehlungen angepasst. Auch deshalb bekommt Boyhood eine manchmal fast dokumentarische Anmutung, die für eine enorme Identifikation mit den Figuren sorgt und das Geschehen auf sehr unaufdringliche Weise authentisch wirken lässt.

Mehr noch als dieser emotionale Appeal und der nicht zu unterschätzende Fakt, dass hier in Zeiten der „Krise der Männlichkeit“ und des Bedarfs nach einer neuen Definition klassischer Geschlechterrollen ein sehr warmherziges, sensibles Porträt eines Kindes, Jungen und schließlich jungen Mannes gezeichnet wird, ist es aber die Form, die an diesem Film beeindruckt: Boyhood ist nichts weniger als visionär, mutig und einzigartig. Die beträchtlichen Herausforderungen, von der Vertragsgestaltung bis zum Wandel der Aufnahmetechnik über einen so langen Entstehungszeitraum, merkt man dem Werk in keinem Moment an. Dafür aber die Leidenschaft und Entschlossenheit, die es für die Umsetzung einer solchen Idee braucht.

Bestes Zitat:

„Ich will einfach das machen können, was ich will, weil ich mich dadurch lebendig fühle – anstatt den Eindruck zu wecken, ich wäre normal.“

Der Trailer zum Film.

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