Draufgeschaut: Control


In Ian Curtis (Sam Riley) tobt ein Kampf zwischen Geist und Seele.

In Ian Curtis (Sam Riley) tobt ein Kampf zwischen Geist und Seele.

Film Control
Produktionsland Großbritannien
Jahr 2007
Spielzeit 117 Minuten
Regie Anton Corbijn
Hauptdarsteller Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara, Craig Parkinson, Joe Anderson, Toby Kebbell, James Pearson, Harry Treadaway, Herbert Grönemeyer
Bewertung ****

Worum geht’s?

Raus aus Macclesfield: Das ist der größte Wunsch von Ian Curtis. Er hat zwar die sicherste Stelle der Welt als Jobvermittler im Arbeitsamt, ein bisschen Ablenkung mit Kumpels, Fußball und Kneipen, und er hat gerade geheiratet. Dennoch findet er das Graue, die Enge der Gegend rund um Manchester erdrückend. Als er als Sänger in die Band seiner Freunde Bernard Sumner und Peter Hook einsteigt, scheint er einen Weg gefunden zu haben, all dieser Tristesse zu entkommen. Als Joy Division sorgen sie schnell für Furore. Doch Ian Curtis wird bald wieder von Problemen eingeholt: Als bei ihm Epilepsie diagnostiziert wird, wirft ihn das völlig aus der Bahn. Seine Ehe kriselt, und auch die Erwartungen an ihn als Musiker machen ihm zu schaffen.

Das sagt shitesite:

Als Fotograf hat Anton Corbijn Ende der 1970er einen großen Teil dazu beigetragen, aus Ian Curtis (auch für die Nachwelt) eine Ikone zu machen. Als Regisseur zeichnet er ein differenzierteres Bild des Joy-Division-Sängers: Curtis erscheint in Control ebenso charismatisch wie in den legendären Fotos, aber der Film zeigt auch seine weniger vorzeigbaren Seiten.

Sehr hilfreich ist dabei, wie große die Rolle seiner Ehefrau Debbie hier ist und wie viel Zeit sich der Film für die Vorgeschichte nimmt: Curtis wird als David-Bowie-Bewunderer gezeigt, als pflichtbewusster städtischer Angestellter, und vor allem als junger Mann, der schon sehr früh auf Sinn- und Identitätssuche ist, und der Lyrik, Drogen und Musik dabei als Wegweiser nutzt. Er ist ein Grübler, und dennoch selbstbewusst bis an die Grenze zur Arroganz. Er ist: alles oder nichts.

Es ist genau dieser Mix aus ganz viel Kompromisslosigkeit und ein bisschen Naivität, die ihm dann zu schaffen macht, als Joy Division erste Erfolge feiern. Als Curtis plötzlich ein kleines Kind zuhause hat, Geldsorgen und auch noch die Verantwortung für die Bandkollegen, ist er dem nicht mehr gewachsen. Dazu kommt seine Krankheit, die ihm selbst dann zum Opfer macht, wenn es gerade keine Symptome gibt. An die Stelle von Macht und Entschlossenheit treten Todesangst und Ausgeliefertsein.

Er ist unfähig, in dieser Situation Entscheidungen zu fällen und Konflikte zu bewältigen, bis er in seinem Kampf zwischen Geist und Herz nur noch einen Ausweg sieht. Curtis wird dabei fast im gleichen Maße zum Täter wie zum Opfer, denn man sieht, wer alles unter seinem Ringen mitzuleiden hat. Das ist die deutlichste Botschaft von Control: Verzweiflung fühlt sich noch ein bisschen schlimmer an, wenn man ein unreifer Egomane ist wie Ian Curtis.

Mit den Schwarz-Weiß-Aufnahmen findet Control eine tolle Form für diese bedrückende Atmosphäre. Auch sonst gibt es grandiose Bilder: Als die Bandmitglieder das erste Konzert der Sex Pistols in Manchester erleben, kann man allein an ihren Gesichtern ablesen, welch Offenbarung dieser Gig für sie ist. Als Joy Division ihren ersten TV-Auftritt absolvieren, entsteht ein äußerst wirkungsvoller Kontrast zwischen dem wahnsinnigen Geschehen im Studio und den spießigen Eltern der Bandmitglieder, die das Geschehen eher fassungslos als stolz auf der Couch verfolgen.

Natürlich gehören in diese Reihe auch die packenden Live-Performances von Joy Division, die in Control nachgestellt werden und dank des großartigen Sam Riley in der Hauptrolle noch immer ähnlich intensiv und irritierend wirken wie wohl damals für die Zeitgenossen. Riley spielt den Ian Curtis wie einen Jim Morrison ohne Hang zur Extrovertiertheit, wie einen Mann, der all seine Energie, Poesie, Dämonen nicht herauslässt, sondern in sich hineinfrisst und dann auf der Bühne dagegen ankämpft, dass sie sich ihren Weg nach außen bahnen. Dieser Ian Curtis ist letztlich ein Mann, der um Beherrschung kämpft, obwohl er längst ahnt, dass andere Kräfte in ihm (inklusive der Musik) stärker sind als sein Wille.

Bestes Zitat:

“Ich stehe da oben und singe. Aber niemand hat eine Ahnung, wie viel mich das kostet.”

Der Trailer zum Film:

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