Draufgeschaut: Das Hotelzimmer


Film Das Hotelzimmer

Das Hotelzimmer Filmkritik Rezension

Lukas ( Godehard Giese) trifft Agnes (Mina Tander) zum Interview.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2014
Spielzeit 88 Minuten
Regie Rudi Gaul
Hauptdarsteller Mina Tander, Godehard Giese
Bewertung

Worum geht’s?

Agnes Lehner ist gerade auf Promotion-Tour für ihr neues Buch. Bisher war die Schriftstellerin vor allem beim Publikum beliebt, von ihrem neuen Roman sind nun auch die Kritiker angetan. Sogar einen Literaturpreis hat sie diesmal erhalten. In ihrem Hotelzimmer empfängt sie Lukas, einen Reporter des Regionalfernsehens, für ein Interview. Die Situation nimmt allerdings bald eine ungewöhnliche Wendung: Der Journalist behauptet, ein ehemaliger Schulfreund der Autorin zu sein – und er meint auch, die wahre Inspirationsquelle für ihr neues Buch zu kennen.

Das sagt shitesite:

Zwei Menschen in einem Raum, sonst nichts. Fast anderthalb Stunden lang. Man mag kaum glauben, wie aufregend das sein kann. Aber Das Hotelzimmer macht daraus ein eindrucksvolles Filmerlebnis. Das Kammerspiel ist nicht hundertprozentig plausibel, aber temporeich bis hin zur Atemlosigkeit, voller kluger Dialoge und gnadenlos gut gespielt. In keinem Moment kann man ahnen, welches Ende diese Begegnung nehmen wird.

Die Intensität dieses Films erwächst zum einen aus der Intensität der Beziehung zwischen Agnes und Lukas. Sie entwickelt sich vom banalen Interview zum verklemmten Flirt, zum gnadenlosen Verhör und zur amateurhaften Geiselnahme. Die beiden einzigen Figuren kommunizieren über Befehl und Gehorsam, sie setzen auf Einschüchterung und Manipulation. Zwischen ihnen herrscht, das wird in Das Hotelzimmer früh deutlich, eine Verbundenheit, die von ihm überhöht und von ihr geleugnet wird.

So wie die Situation sich verändert, entwickeln sich auch die Rollen, die Agnes und Lukas einnehmen beziehungsweise aufgedrängt bekommen oder spielen: Star und Fan, Inquisitor und Opfer, Gast und Gastgeberin, Erpresser und Geisel, Verführerin und Verführter. Egal, ob sie Freunde, Gegner, Komplizen oder Liebhaber sind, stets herrscht eine eklatante Diskrepanz in dieser Beziehung: Er ist ein Niemand für sie, sie war ein halbes Leben lang die alles dominierende Figur für ihn.

Agnes, und mit ihr der Zuschauer, weiß schon bald nicht mehr: Soll sie sich mehr vor der Gegenwart fürchten, mit einem womöglich unberechenbaren Fremden in ihrem Hotelzimmer, oder mehr vor der Vergangenheit, über die er sprechen möchte? Lukas will sie zwingen, das unterbewusst Verdrängte in ihr Bewusstsein zu bringen. Sie erhofft sich selbst vielleicht auch eine Befreiung davon, merkt aber, dass die Angst vor Lukas allein nicht ausreicht, um diesen Schritt zu gehen, der eigentlich Mut erfordern würde, nicht Furcht.

Zusätzlich zu der beklemmenden Atmosphäre und dem Reichtum an Volten bietet Das Hotelzimmer ein perfides Spiel mit den Medien. Lukas steht mit seiner Kamera, die das Interview filmt, vorgeblich für das Dokumentarische, Authentische. Agnes scheint als Romanautorin die Verkörperung von Kunst und Inszenierung zu sein. Doch auf sehr geschickte Weise vermischt Regisseur und Drehbuchautor Rudi Gaul diese Ebenen und hinterfragt sie. Das Hotelzimmer heißt nicht nur dieser Film, sondern auch der fiktive Roman, den Agnes promoten will – und er handelt von einer Frau, die in ihrem Hotelzimmer gegen ihren Willen von einem Mann heimgesucht wird.

„Das Schöne am Schreiben ist doch, dass Sie sich nicht entscheiden müssen. Ich kann gleichzeitig ich selbst sein und jemand anders“, sagt Agnes zu Beginn des Films. „Wenn ich weiß, wer du bist, dann weiß ich auch, wer ich bin“, erklärt Lukas später seinen Antrieb für das angebliche Interview – und so wird klar, dass beide zwar vorgeben, klare Rollen auszufüllen, sich ihrer Identität aber eigentlich nicht sicher sind. Mehr noch: Sie sind aufeinander angewiesen, um eine entscheidende Leerstelle ihrer Biographie zu füllen – und jeder von ihnen läuft dabei Gefahr, das sorgsam und mühevoll konstruierte Selbstbild unwiederbringlich zu zerstören.

So wird Das Hotelzimmer mit jeder Minute ein bisschen fesselnder, und zugleich immer mehr zu einer Reflexion über Wahrheit – als irgendetwas, das zwischen Erkenntnis und Erinnerung, Fakt und Fiktion schwebt.

Bestes Zitat:

„Vielleicht gibt es nicht nur die eine Wahrheit. Vielleicht gibt es nur das, was unsere Erinnerung daraus macht – und erst wenn sie erzählt wird, wird sie zur Wahrheit. Und erzählen tut immer der, der übrig bleibt.“

Der Trailer zum Film.

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