Der Manchurian Kandidat

Film Der Manchurian Kandidat

Major Marco (Denzel Washington, links) glaubt, ein Komplott um seinen Ex-Kameraden Raymond Shaw (Liev Schreiber) aufgedeckt zu haben.
Major Marco (Denzel Washington, links) glaubt, ein Komplott um seinen Ex-Kameraden Raymond Shaw (Liev Schreiber) aufgedeckt zu haben.
Produktionsland USA
Jahr 2004
Spielzeit 125 Minuten
Regie Jonathan Demme
Hauptdarsteller Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz
Bewertung

Worum geht’s?

Raymond Shaw ist ein politischer Wunderknabe. Er kommt aus einer reichen und mächtigen Familie. Seine Mutter ist bereits Senatorin, und mit ihr als Mentorin soll er nun zum Vizepräsidenten der USA werden. Besonders hilfreich im Wahlkampf ist die Tatsache, dass Shaw ein Kriegsheld ist: Er hat 1991 in Kuwait eine ganze Kompanie von Gegnern ausgeschaltet und damit seine Einheit aus einem Hinterhalt gerettet. Doch einer der Kameraden von damals bezweifelt, dass dies wirklich so geschehen ist. Major Marco findet heraus: Die Soldaten wurden erst einer Gehirnwäsche unterzogen, dann wurden ihnen mysteriöse Chips in den Körper implantiert. Auch der künftige Vizepräsident wird womöglich von den Hintermännern dieser Aktion kontrolliert.

Das sagt shitesite:

Die Neuverfilmung von Botschafter der Angst (1962), basierend auf dem Roman von Richard Condon aus dem Jahr 1959, schafft es eindrucksvoll, die Verschwörungstheorie in die Gegenwart zu verlagern. Das gelingt vor allem, weil Der Manchurian Kandidat auf die amerikanische Angst nach 9/11 setzen kann. Regisseur Jonathan Demme (Das Schweigen der Lämmer) reichen kleine Details, um das deutlich zu machen: Radionachrichten über den Verteidigungsetat, schwerbewaffnete Armee an den Eingängen von U-Bahn-Stationen, eine Rede über die Bedrohung der Bürgerrechte im Fernsehen, Schlagzeilen in der Zeitung. All das zeigt: Die Angst ist omnipräsent, und nicht selten schlägt sie in Der Manchurian Kandidat in Paranoia um.

Genauso perfekt funktioniert die zweite Modernisierung: Die Strippenzieher sind diesmal nicht fiese Kommunisten, sondern skrupellose Finanzinvestoren. Sie schüren Konflikte auf der ganzen Welt, weil sie bestens daran verdienen, instrumentalisieren dazu die Politik und schaffen kurzerhand die Nachrichten selbst, die für ihre Geschäfte oder den Aktienkurs gerade günstig sind. Dass bei diesem Film, der vier Jahre vor der Lehman-Brothers-Pleite in die Kinos kam, an der Spitze der Verdorbenheit mit der fiktiven Firma Manchurian Global ein Private-Equity-Fonds steht, kann man beinahe visionär nennen.

Gut vierzig Jahre nach Botschafter der Angst funktioniert aber auch die Verschwörungstheorie an sich noch besser. Hypnose wird hier mit neuster Medizintechnik und den Möglichkeiten des modernen Überwachungsstaats kombiniert, und immer wieder werden Symptome dessen thematisiert, was spätestens seit den Kriegen im Irak und Afghanistan auch Laien als posttraumatisches Belastungssyndrom kennen.

Selbstgerechte Politiker, die von der Unfehlbarkeit ihrer Entscheidungen überzeugt sind (grandios: Meryl Streep als Senatorin und Übermutter, die hier quasi schon ihre Rolle in Die Eiserne Lady vorwegnimmt) stehen in Der Manchurian Kandidat Helden gegenüber, die sich ihrer eigenen Zurechnungsfähigkeit nicht sicher sein können. Major Marco leidet an Halluzinationen – und genau deshalb ist es so schwer für ihn, andere von seinem Verdacht zu überzeugen. Raymond Shaw erscheint als Fiesling und Profiteur eines perfiden Komplotts. Erst nach und nach wird deutlich, dass er ebenso wie sein Kamerad ein Opfer ist. Sofort stellt sich die Frage: Welche der Figuren sind noch ferngesteuert?

Zum Schluss kommt dazu auch noch die Frage, ob es etwas in uns gibt, das stärker sein kann als Hypnose, Synapsen und elektrische Impulse – eine Seele, eine Moral? Trotz all dieser Ebenen wirkt der Film aber in keiner Phase verkopft oder überambitioniert.  Der Manchurian Kandidat bleibt immer spannend und weitgehend schlüssig – ein sehr intelligenter, relevanter und komplexer Thriller.

Bestes Zitat:

“Würde Manchurian Global von seinen Anteilseignern eine Liste veröffentlichen, was niemals geschehen wird, fände man darunter Ex-Präsidenten, gestürzte Monarchen, Treuhandfondsbetrüger sowie kommunistische Diktatoren, Ayatollahs, afrikanische Kriegsherren und pensionierte Premierminister.”

Der Trailer zum Film:

httpv://www.youtube.com/watch?v=kR8WYO9Lj9g

Michael Kraft

Michael Kraft ist Diplom-Journalist und lebt in Leipzig. Auf shitesite.de schreibt er seit 1999 als Hobby über Musik, Filme, Bücher und ein paar andere Dinge, die ihn (und vielleicht auch den Rest der Welt) interessieren.

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