Draufgeschaut: Die Auserwählten


Film Die Auserwählten

Die Auserwählten Kritik Rezension

Simon Pistorius (Ulrich Tukur) missbraucht Schüler in seinem Internet.

Produktionsland Deutschland
Jahr 2014
Spielzeit 90 Minuten
Regie Christoph Röhl
Hauptdarsteller Ulrich Tukur, Julia Jentsch, Leon Seidel, Rainer Bock, Lena Stolze, Adam Bousdoukos
Bewertung

Worum geht’s?

Für Petra Grust ist es eine zweite Chance – und vielleicht ihre letzte. Ihre erste Stelle als Biologielehrerin musste die junge Frau aufgeben, weil sie beim Kiffen erwischt wurde. Für die 29-Jährige war das schlimm genug, für ihren Vater, Staatssekretär im Bildungsministerium, war es erst recht peinlich. Nun will sie beweisen, dass sie eine zuverlässige, engagierte und gute Lehrerin ist. Ihr neuer Job bietet dazu scheinbar perfekte Rahmenbedingungen: Sie wird an der Odenwaldschule eingestellt, die als Paradebeispiel der Reformpädagogik gilt und für ihre modernen Erziehungsmethoden schon etliche Preise gewonnen hat. Nur das Wohl des Kindes soll hier im Mittelpunkt stehen, betont Schuldirektor Simon Pistorius. Doch Petra merkt schon bald, dass im Kollegium seltsame Sitten herrschen und auch einige Schüler sich keineswegs wohl fühlen. Als der zunehmend verstörte Frank ihr gesteht, dass er vom Schuldirektor sexuell missbraucht wird, will Petra die Missstände ans Licht bringen – aber niemand glaubt ihr.

Das sagt shitesite:

Die Perspektive der Hauptfigur, einer jungen und motivierten Lehrkraft, die nichtsahnend in ein scheinbares Idyll mitten im Märchenwald gerät, das sich dann als System von Missbrauch, Manipulation und Machtkämpfen erweist, war für Regisseur Christoph Röhl wohl nicht allzu schwer zu erfinden: Der Filmemacher war zwischen 1989 und 1991 selbst als Tutor an der Odenwaldschule tätig.

Nicht die Täter und nicht die Opfer – auf beide trifft auf jeweils eigene Weise der Titel Die Auserwählten zu – in den Mittelpunkt des Plots zu stellen, sondern eine Außenstehende, die dann zur Eingeweihten wird und schließlich zur Whistleblowerin werden möchte, ist dennoch der vielleicht entscheidende Pluspunkt an diesem Fernsehfilm. Denn durch ihre Augen können die Zuschauer selbst dahinter kommen, wie das Ideal von liberalem Zeitgeist, Toleranz und antiautoritärer Erziehung kippt in Richtung Selbstbetrug, Einschüchterungen und Korpsgeist. Und wie Schulleiter Pistorius, der die freie Entfaltung des eigenen Wesens propagiert, diese Entfaltung so weit treibt, dass sie auf Kosten der Würde und Unschuld von Kindern geht.

Julia Jentsch spielt den unbedarften Enthusiasmus der jungen Lehrerin ebenso stark wie ihre späteren Zweifel, ihren Schock und ihren verzweifelten Versuch, das schändliche Treiben in der Schule ans Licht zu bringen. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen: Das Establishment will vor allem seine Kinder, zu denen es kaum einen emotionalen Zugang findet, abschieben – und keinen Skandal.

Noch besser ist in Die Auserwählten Ulrich Tukur in der Rolle des Kinderschänders. Wie er seine Opfer umgarnt, seine Kollegen manipuliert, selbst misstrauisch gewordene Eltern täuscht und dafür auch noch von den Honoratioren der Bildungspolitik hofiert wird, ist schaurig gut gespielt. Auch das ist eine Stärke dieses Films: Er ist erschütternd, aber nicht melodramatisch. Er klagt an, aber verteufelt nicht. Er leidet mit den Opfern, inszeniert sie aber nicht.

Die Auserwählten ist damit viel mehr als die filmische Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, die sich von den 1960er bis 1990er Jahren tatsächlich an der Odenwaldschule ereignet haben. Regisseur Christoph Röhl führt die Rituale von Rechtfertigen, Leugnen und Verschweigen vor, die auch jene mit dieser Thematik konfrontieren, die nicht unmittelbar betroffen sind. Sein Film zeigt, wie Missbrauch passiert und wie er sich tarnt.

Bestes Zitat:

„Wer schweigt, macht sich schuldig.“

Ausschnitte aus dem Film.

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