Draufgeschaut: Elvis ’68 Comeback Special 4


Film Elvis ’68 Comeback Special

Im "68 Comeback Special" ist Elvis vom ersten Moment an eine Ikone.

Im „68 Comeback Special“ ist Elvis vom ersten Moment an eine Ikone.

Produktionsland USA
Jahr 1968
Spielzeit 76 Minuten
Regie Steve Binder
Hauptdarsteller Elvis Presley
Bewertung

Aufmerksamkeit ist „die stärkste aller Drogen. (…) Ihr Bezug sticht jedes andere Einkommen aus. Darum steht der Ruhm über der Macht, darum verblasst der Reichtum neben der Prominenz.“

Georg Franck, Die Ökonomie der Aufmerksamkeit

Man kann sich lange fragen, warum Elvis Presley es im Jahre 1968 noch einmal wissen wollte. Er war gerade 33 geworden, und er hätte eine Menge Gründe gehabt, sich zur Ruhe zu setzen. Er war seit 14 Jahren im Geschäft, seine Tochter Lisa Marie war gerade geboren worden – und seine Karriere lag in Trümmern. „Elvis was viewed as a joke by serious music lovers and a has-been to all but his most loyal fans“, schreiben Connie Kirchberg und Marc Hendrickx in Elvis Presley, Richard Nixon, And The American Dream. Zehn Jahre lang hatte er nicht mehr live gespielt, keine seiner letzten 30 Singles hatte es in die Top10 geschafft.

Trotzdem kam dieses aufwendige Spektakel zustande. Die banale Erklärung: Elvis war ein Filmstar, aber für die horrenden Gagen, die sein Manager verlangte, wollte niemand mehr Filme mit ihm drehen – zumal auch auf der Leinwand seine Kraft als Publikumsmagnet nachließ. Deshalb einigte sich der Colonel mit NBC auf einen abgewandelten Deal: ein Fernseh-Special mit anschließendem Film. Elvis war zunächst wenig glücklich darüber, erinnert sich Pricilla Presley, damals seit einem Jahr mit dem King Of Rock’N’Roll verheiratet: „He felt like Colonel was turning him into a joke.“

Elvis ließ sich trotzdem auf die Idee ein. Nicht, weil er nicht imstande gewesen wäre, seinem Manager zu widersprechen. Auch nicht, weil er das Geld gebraucht hätte. Elvis war schlicht süchtig nach Aufmerksamkeit. Und er hatte das Gefühl, der Welt noch längst nicht alles von sich gezeigt zu haben. Den echten, wahren, kompletten Elvis hatten seine Fans noch gar nicht kennen gelernt, meinte er. „This was Elvis chance to proclaim, through his music, who he really was“, sagt Regisseur Steve Binder über das ’68 Comeback Special. Diesen Titel erhielt das Werk freilich erst im Nachhinein. Der ursprüngliche Titel war noch viel aussagekräftiger für das Projekt, den größten Solokünstler der Welt neu zu erfinden: Das TV-Special sollte schlicht Elvis heißen.

Schon während der ersten Tage fängt Elvis Feuer für das Projekt. Auch bei Proben im Studio ist alles schon wie eine echte Show, mit Tanzen, sogar mit wechselnden Outfits. Ganz viel entsteht spontan und intuitiv – obwohl am Anfang noch in Las Vegas geprobt wird, der Hochburg des Professionalismus. Alle Beteiligten sind begeistert vom Enthusiasmus, den Elvis in seine Performance legt. „He loved to sing for people, he loved to knock people out“, erinnert sich Jerry Scheff, der Bassist von Elvis, der schon zur Band der Las-Vegas-Auftritte gehört hatte. Je näher der Termin der Aufzeichnung rückt, desto klarer wird allen Beteiligten: Dies ist für Elvis die vielleicht letzte Chance „to depart completely from the pattern of his motion pictures and from everything else he has done“, wie Peter Guralnick in seiner Elvis-Biografie Careless Love schreibt.

Die Show, die Ende des Jahres 1968 ausgestrahlt wurde und mit 42 Prozent Marktanteil den dritten Frühling von Elvis einläutete, mischt große Show-Einlagen mit Passagen, in denen Elvis auf einer kleinen Bühne ganz ohne Brimborium mit seiner Band spielt. Den Auftakt machen die legendären Zeilen von Trouble: „If you’re looking for trouble / You came to the right place / If you’re looking for trouble / You can look right in my face.“ Der Text wirkt noch gewagter, weil Elvis leicht von unten in die Kamera schaut, seine Drohung also scheinbar an einen größer gewachsenen Gegner richtet. Er trägt ein schwarzes Hemd, pechschwarz gefärbte Haare, ein rotes Halstuch und eine rote Gitarre – von der ersten Einstellung an ist er eine Ikone.

In der kompletten Anfangssequenz gibt er die Gitarre nicht her, als wollte er auch dem letzten Zweifler klar machen: Ich bin nicht nur ein Sänger, erst recht nicht nur ein hübscher Junge, der mit der Hüfte wackelt. Ich bin ein Musiker. Trotzdem: Erst, als Heartbreak Hotel unmittelbar in Hound Dog übergeht, er die Gitarre ablegt und ein paar Karate-Moves macht, wirkt er wie befreit.

Elvis Presley schüttelt beim Tanzen die Geister ab, findet in seinem Lederanzug mit jedem Lied ein Stückchen weiter zu sich. Er wird förmlich mitgerissen von der Kraft seiner eigenen Hits. Das gilt auch für das Publikum, aber bei Elvis hat es noch eine andere Dimension: Er wird von diesen Liedern zugleich auch gereinigt, emporgehoben, wiederbelebt. Der Mann trägt einen Kampf aus, der ihm ebenso große Mühen wie unbändigen Spaß bereitet. Mit dem Schweiß scheint ihn auch die Unsicherheit zu verlassen, die Unzufriedenheit mit seinem Image und dem Werk der letzten Jahre.

Passend dazu sieht die kleine Bühne wie ein Boxring aus. Elvis spielt darauf mit den Texten, ist unschlagbar charmant in den Ansagen, sexy und souverän. Er liefert eine Hammer-Version von Jailhouse Rock. Ebeso irre gerät Tryin To Get To You, das fast die Magie hat, die 14 Jahre zuvor in den ersten Sessions in den Sun-Studios geherrscht haben muss. Baby What You Want Me To Do, auf dem Soundtrack eher ein Schwachpunkt, wird mit der dazugehörigen Optik und Elvis als Gitarrist mit mächtig Spaß am Instrument plötzlich schlüssig. Als das Gospel-Medley mit reichlich Ballett-Tänzern und auch sonst allerlei Opulenz hart in eine rohe Version von Lawdy Miss Clawdy übergeht, da zeigt das innerhalb von nur ein paar Sekunden seine ganze künstlerische Bandbreite.

Dabei ist er keineswegs unantastbar. Elvis schwitzt, er vergisst den Text, er lacht über sich selbst. Er schaut immer wieder ins Publikum: Gefalle ich euch noch? Seid ihr noch mein? Egal, wie frenetisch der Applaus ausfällt, für seine Songs oder seine Stunt-Einlagen: Elvis Presley bleibt für die ganze Dauer des ’68 Comeback Special ein Mann auf der Suche nach Bestätigung.

Am Schluss liefert er in If I Can Dream den Schlüssel zu dieser triumphalen Rückkehr: “As long as a man has the strength to dream / He can redeem his soul and fly.” Diese Erlösung hat er im ’68 Comeback Special gefunden, und die Show sollte ihm noch einigen Rückenwind geben. Direkt nach der TV-Sendung nimmt er die American Sessions auf, die unter anderem In The Ghetto und Suspicious Minds hervorbringen. Elvis hatte das wiederentdeckt, was ihn ausmacht, und was Session-Musiker Norbert Putnam einmal wunderbar auf den Punkt gebracht hat: „He was the greatest communicator of emotion that I ever knew.“

Elvis konzentriert, engagiert und gut gelaunt: Outtakes aus dem ’68 Comeback Special:


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