Draufgeschaut: Sicko


Film Sicko

Sicko Film Kritik Rezension Michael Moore

Maximal plakativ agiert Michael Moore auch in „Sicko“.

Produktionsland USA
Jahr 2007
Spielzeit 123 Minuten
Regie Michael Moore
Hauptdarsteller Michael Moore
Bewertung

Worum geht’s?

Der Film zeigt die Defizite des US-amerikanischen Gesundheitssystems. Der Fokus liegt dabei zunächst nicht auf dem Fehlen einer allgemeinen gesetzlichen Krankenversicherung, sondern zeigt Fallbeispiele (auf einen Internet-Aufruf, ihm solche Geschichten zu senden, hatte Regisseur Michael Moore 25.000 Antworten erhalten) von Menschen, die zwar versichert waren, dann aber von ihrer Versicherung kein Geld bekamen, als eine Behandlung notwendig wurde. Danach werden die Prinzipien aufgezeigt, nach denen amerikanische Krankenversicherungen arbeiten, sowie die historischen Ursachen dieser Entwicklung in den USA aufgezeigt, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten das einzige Land der westlichen Welt waren, in dem es keine flächendeckende staatliche Gesundheitsversorgung gab. Ein internationaler Vergleich mit der Situation in Kanada, Großbritannien und Frankreich zeigt schließlich auf, welche Vor- und Nachteile eine allgemeine gesetzliche Krankenversicherung mit sich bringt.

Das sagt shitesite:

Es gibt eine Menge, das man Sicko vorwerfen kann. Der Film ist – so kennt man das bei Michael Moore – nicht dokumentarisch, sondern agitatorisch. Sein Blick auf das US-Gesundheitssystem ist pathetisch, polemisch und subjektiv. Er wählt ausschließlich Statements und Fakten aus, die zu seiner Botschaft passen, und vernachlässigt alles, was ein bisschen komplexer als seine Gut-Böse-Logik ist. So wird in Sicko immer wieder die Lebenserwartung der Einwohner als Kenngröße herangezogen. Dass dafür aber neben der Qualität der Gesundheitsversorgung auch Fragen wie Prävention und vor allem Umweltbedingungen wie Einkommen und Ernährung eine entscheidende Rolle spielen, ignoriert er. Auch die Tatsache, dass ein guter Teil der medizinischen Forschung vom Gesundheitssystem finanziert wird, ein Bereich, in dem die USA weltweit führend sind, blendet er aus. Man muss anmerken: Mit einer so selektiven Herangehensweise hätte man wohl auch einen ähnlich eindrucksvollen Film über die skandalösen Zustände in Ländern mit staatlich finanzierten Gesundheitssystemen machen können.

Moore nimmt seine eigene Rolle im Vergleich zwar etwas zurück, die Umsetzung von Sicko ist dennoch genauso plakativ und populistisch wie in früheren Filmen. Die Verquickung von Geschichte, Politik und Schicksalen sorgt in erster Linie für melodramatische Effekte, auch die Wahl des (im Abspann leider nicht benannten) deutschen Sprechers passt zu dieser Herangehensweise: Seine Stimme aus dem Off klingt wie in einem Verkehrserziehungsfilm, sie ist zugleich maximal staatstragend und bringt zudem sofort die zwischen den Zeilen mitschwingende Aussage mit: „Dass dies alles korrekt ist, sollte doch selbstverständlich sein, oder?“ Trauriger Höhepunkt in dieser Hinsicht ist die Idee, Rettungskräfte des 11. September 2001, die mit Folgeschäden ihres Einsatzes zu kämpfen haben, für deren Behandlung niemand aufkommen will, nach Guantanamo zu bringen, weil dort sogar die mutmaßlichen Täter der Terroranschläge von der US-Regierung eine kostenlose Rundum-Gesundheitsversorgung bekommen.

Das führt zum größten Problem des Films: Michael Moore drückt in Sicko dieselben Knöpfe wie die rechte Propaganda, die man im US-Fernsehen jahrelang (und auch heute noch) gegen Obamacare oder vorangegangene Reformversuche sehen konnte. In vielen Momenten ist sein Film genauso sehr eine Karikatur wie die sowjetischen Propaganda-Filme, die er ironisch integriert, oder die Verteufelung von Fidel Castro, über die er sich lustig macht. Er spricht nicht die Vernunft an und nicht universelle Werte, sondern Patriotismus, Nationalstolz und Neid. Sein Appell lautet nicht: Es kann doch nicht sein, dass wir so mit anderen Menschen umgehen! Stattdessen heißt es: Es kann doch nicht sein, dass wir so mit anderen Amerikanern umgehen!

Passend dazu hat er Betroffene ausgewählt, die nicht jammern. Manche von ihnen sind zwar resigniert, es fließen auch reichlich Tränen, aber die meisten geben sich dennoch tapfer und kämpferisch wie ordentliche Amerikaner. Sie wollen nicht die Empfänger von Almosen sein und anderen auf der Tasche liegen. Sie sind keine Radikalen, sondern Enttäuschte: Immer wieder ist der Satz „Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in Amerika möglich ist“ zu hören.

Genau darin liegt freilich auch das große Plus von Sicko: Es ist in der Tat erbärmlich und schockierend, dass ein so reiches Land sich ein so menschenunwürdiges System gefallen lässt. Wenn Moore die Bilder von Demonstrationen gegen Sozialabbau in Paris zeigt, ist das natürlich der Versuch, seine Landsleute aufzurütteln. Man kann kritisieren, dass er dabei Gegenargumente ausblendet oder beispielsweise die Situation in Großbritannien hochgradig beschönigt. Aber die Fakten, die er liefert, machen zumindest die Leidenschaft seiner Propaganda nachvollziehbar. 50 Millionen Amerikaner waren nicht krankenversichert, als Sicko entstand, in Washington gab es viermal mehr Gesundheits-Lobbyisten als Senatoren. Gefährlicher als viele Krankheiten sind in diesem System eindeutig die zynischen Gutachter, Manager und auch Ärzte, die über Bezahlung und Behandlung entscheiden und dabei viel mehr die Rendite der Versicherung als das Wohl des Patienten im Blick haben.

Bei allen handwerklichen Fragwürdigkeiten (die auch dann bestehen bleiben, wenn man Sicko nicht als journalistische Dokumentation, sondern als unterhaltsamen Aufklärungsfilm begreifen möchte) bleiben diese Fakten unbestreitbar und die Folgen verheerend. Dass Michael Moore für diesen Film selbst in den USA ausnahmsweise fast einhellig gelobt wurde, liegt wohl einfach daran, dass er Recht hat.

Bestes Zitat:

„Wer sind wir? Ist das aus uns geworden? Eine Nation, die ihre Bürger wie Müll an den Straßenrand wirft, weil sie ihre Krankenversicherung nicht bezahlen können?“

Der Trailer zum Film.

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