Durchgelesen: Aldous Huxley – „Schöne neue Welt“


Autor Aldous Huxley

Aldous Huxley Schöne neue Welt Kritik Rezension

Der Klassiker von Aldous Huxley liegt in neuer Übersetzung vor.

Titel Schöne neue Welt
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 1932
Bewertung

„Tugend ist eine Neigung zur Pflicht“, wusste schon Friedrich Schiller. In Aldous Huxleys Schöner neuer Welt wird dieser Gedanke auf die Spitze getrieben: Den Menschen wird es bequemerweise abgenommen, diese Neigung selbst entwickeln zu müssen. Sie kommen schon mit größtem Willen zur Pflichterfüllung zur Welt und werden als Heranwachsende stets daran erinnert, dass es kein größeres Glück für sie gibt, als stets den Erwartungen zu entsprechen.

Gammas, Deltas und Epsilons stehen in diesem Buch am Fuß der sozialen Hierarchie. Sie erfüllen Hilfsarbeiten oder sind für anstrengende körperliche Tätigkeiten vorgesehen. Die Alphas an der Spitze der Gesellschaft sind ihnen intellektuell deutlich überlegen, dank guter Gene und einer entsprechenden Aufzucht. Und niemand meckert über dieses System. „Genau das ist das Geheimnis von Tugend und Glück – zu lieben, was man tun muss. Darauf zielt alle Konditionierung ab: den Menschen ihre unentrinnbare soziale Bestimmung genehm zu machen“, erklärt der Direktor der größten Babyfabrik im London der 2540er Jahre, wo ein Großteil der Handlung spielt.

Damit das funktioniert, werden geeignete Embryonen massenhaft geklont und beim Heranwachsen manipuliert. Später werden Babys und Kinder einer Gehirnwäsche ausgesetzt, die sie stets an die für sie vorgesehene Rolle und an das gesellschaftlich einzig opportune Verhalten erinnert. Wer das zu langweilig findet, der nimmt eine der von der Regierung gratis verteilten Pillen, die für eine kurze Auszeit von der Realität sorgen. Ergebnis ist eine Welt, in der es keinen Kummer, keine Schmerzen und keine Angst gibt, und wo der einzige Ehrgeiz darin besteht, maximal assimiliert zu sein.

Was Aldous Huxley in seinem bekanntesten Roman ins Zentrum stellt, ist „das Prinzip der Massenproduktion, übertragen auf die Biologie“, wie es an einer Stelle heißt. Frappierend ist dabei einerseits, wie viele Entwicklungen er in diesem Buch, das 1931 entstanden ist, vorweg nimmt: künstliche Befruchtung, Klonen und Gendiagnostik gehören ebenso dazu wie Beeinflussung durch Marketing und elektronische Massenmedien. Der Autor findet dafür immer wieder eine fast schockierend kalte Terminologie mit vielen Begriffen aus Botanik, Tierzucht und Industrie.

Andererseits überrascht die Konzeption dieses letztlich totalitären Staates. Die Kontrolle über das Volk wird hier viel subtiler ausgeübt als beispielsweise in George Orwells 1984. Sie erfolgt nicht durch Sanktionen und Repressionen, sondern durch das Vorgaukeln eines permanenten Glücks und das Propagieren von Anspruchslosigkeit als erster Bürgerpflicht. „Gefühle lauern in der Zeitspanne zwischen Bedürfnis und Befriedigung. Diese Spanne gilt es zu verkürzen“, ist eine der Erkenntnisse und Maximen in diesem System.

In Schöne neue Welt bloß eine Dystopie zu sehen, greift dabei zu kurz, wie diese neue Ausgabe mit einem Vorwort des Autors aus dem Jahr 1946 und einer Nachbetrachtung von Tobias Döring zeigt. Nicht zuletzt weisen darauf die zahlreichenden erhellenden Anmerkungen hin, die diesen Roman auch als „Gesellschaftssatire, Konsumkritik, biowissenschaftliche Horror-Vision, Kommentar zur Rolle von Forschung und Forschern, Reformutopie“ charakterisieren.

Huxley, der beim Verfassen von Schöne neue Welt als Thirtysomething bereits ein renommierter Autor (und übrigens den Ideen der Eugenik nicht vollständig abgeneigt) war, wählt dabei auch eine faszinierende Form. Sein Buch hat keine klare Hauptfigur. Am ehesten kann noch der Abweichler Bernhard Marx als solche gelten, bei dessen Produktion in der Embryo-Fabrik ein Fehler unterlaufen ist und der sich auch deshalb herausnimmt, ein Individuum zu sein. Er gönnt sich etwas, das man in dieser Welt nur aus längst vergangenen Zeiten kennt, nämlich „die Freiheit, unfähig und unglücklich zu sein. Die Freiheit, ein Störfaktor zu sein“, wie es an einer Stelle heißt.

Später rückt John Savage in den Mittelpunkt des Geschehens. Er wurde in einem Reservat geboren, wo es noch „echte“ Menschen gibt, die auf natürliche Weise gezeugt und geboren werden und bei deren Erbgut der Zufall mitspielen darf. Seine Mutter hatte dieses Reservat einst als Touristin besucht, verunglückte dann in der Wildnis, musste dort bleiben und brachte schließlich den kleinen John zur Welt, dem sie fortan immer von den Segnungen der klinischen Welt in London vorschwärmte. John bietet sich schließlich die Gelegenheit, mit ihr dorthin zurückzukehren (dank der Hilfe von Bernhard Marx), doch natürlich endet diese Idee in einem Kulturschock.

Erstaunlicherweise ist dieser edle Wilde gerade nicht als Gegenmodell zur Schönen neuen Welt konzipiert: Die übersteigerte Romantik seiner vermeintlichen Ursprünglichkeit wird genauso kritisch betrachtet wie die überzüchtete Zivilisation. Vor lauter Shakespeare-Poesie und archaischen Idealen ist er weltfremd und letztlich genauso unfähig, sein Glück zu finden, wie die Retortenmenschen.

Was den Roman so aktuell macht, ist der Blick auf eine Welt, die durch die völlige Abwesenheit von Ethik bei totalem Glauben an Technologie geprägt ist. Die Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse (und nur dieser) ist hier perfektioniert und wird im industriellen Maßstab betrieben: Nahrung, Sex, Zugehörigkeit. Was hingegen unbefriedigt bleibt und nicht einmal gedacht wird, ist ein weiteres Grundbedürfnis: die individuelle Entfaltung als Ausdruck der Suche nach Lebenssinn. Es gibt für die Alphas und Epsilons ein politisch, genetisch oder pharmazeutisch verordnetes Glück, aber kein Glück, dessen Parameter sie selbst definiert haben – und das sich deshalb erst wirklich erfüllend anfühlen könnte.

Gerade darin liegt der Kern der Schönen neuen Welt. Huxley zeigt uns: Die Möglichkeit, verzweifelt, ausgestoßen und unterlegen zu sein, ist letztlich die Voraussetzung dafür, dass wir frei und glücklich sein können.

Bestes Zitat: „Die Zivilisation hat keine Verwendung für Edelmut und Heldentum.“

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