Durchgelesen: Alexander Osang – „Comeback“


Autor Alexander Osang

Die Geschichte einer DDR-Band erzählt Alexander Osang in "Comeback".

Die Geschichte einer DDR-Band erzählt Alexander Osang in „Comeback“.

Titel Comeback
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Emma ist in Thüringen geboren, lebt nun mit ihrem Freund in Kalifornien und will nichts wie weg. „Das Einzige, was sie in Los Angeles festhielt, war die Angst vor zu Hause. Sie hatte keine Ahnung, was sie noch machen sollte. Sie hatte aufgehört zu rauchen, dabei war Los Angeles die perfekte Stadt zum Rauchen. Es gab so viel Zeit und so wenig Gelegenheit zum Reden. Sie ging noch immer zum Meer, aber oft hatte sie das Gefühl, auf eine tapezierte Wand zu starren.“

So stellt Alexander Osang am Beginn seines neuen Romans Comeback seine Hauptfigur vor. Die 27-jährige Emma ist eine junge Frau, mit der man sofort mitfühlen kann – und eine Frau mit einer interessanten Geschichte. Ihr Vater hat in einer Band gespielt, die in der späten DDR eine große Nummer war. Die Steine waren allerdings kein angepasster Radiopop, sondern eine Rockband, deren Lieder schon einmal auf dem Index landete und die bei Konzerten gegen das SED-Regime wetterte. Emma hört diese Musik noch ab und zu und stellt dann fest: „Die Steine sangen ihre Lieder aus einer Zeit, die Emma nicht kannte. Eine Zeit aber, in der sie immer noch zu leben schien.“

Es ist ein Zitat, das die Richtung für Comeback vorgibt. Osang, der in den letzten Jahren der DDR in Leipzig Journalistik studiert hat und dann mit seinen vielfach ausgezeichneten Reportagen zum Chronisten des Berlins der 1990er Jahre geworden ist, blickt auch hier auf das untergegangene andere Deutschland und auf die Strudel und Wellen und Bläschen, die dieser Untergang bis heute auf der Wasseroberfläche hinterlassen hat. Er stellt damit auch „die universellen Fragen nach dem Woher und dem Wohin“, wie es Anja Maier in der taz formuliert hat.

Als man sich gerade mit Emma identifiziert hat und wissen möchte, wie ihre Flucht aus L.A. verlaufen könnte, wird allerdings klar, dass sie keineswegs die Hauptfigur in diesem Buch ist. Mehr noch: Es gibt in Comeback überhaupt keine Hauptfigur. Alexander Osang entwickelt stattdessen ein Panoptikum an Charakteren, von denen jeder so einfühlsam, reflektiert und respektvoll behandelt wird, als sei er der Titelheld dieser Geschichte. Er stellt diese Protagonisten mit Worten vor, die sie sofort enorm vertraut erscheinen lassen und ihnen doch einen Rest von Geheimnis bewahren. Jede Figur ist wichtig für diesen Erzähler, und vielleicht ist das die Botschaft dieses Romans: Jeder Mensch ist wichtig.

Die frühesten Szenen spielen 1982, die spätesten 2014, und alles kreist um Die Steine. Die Geschichte von Nora (Sängerin), Alex (Gitarrist), Vonnie (Keyboarder), Schwenni (Roadie), Conny (Manager) und Paul (Bassist und Vater von Emma) wird in diesem Roman erzählt, vom vorsichtigen Protest der DDR-Zeit über die Ratlosigkeit, als die Wende plötzlich alle Türen aufgestoßen, aber das bisherige Feindbild pulverisiert hat, bis hin zum Comebackversuch, der ausgerechnet mit einem höchst pikanten Lied gelingen soll: Emma hatte eine Affäre mit Alex, dem Gitarristen in der Band ihres Vaters, und daraus hat er „ein Lied von Liebe und Verrat und der gnadenlosen Zeit“ gemacht.

Du hast mich wachgeküsst heißt der Song, Osang zitiert ein paar selbst verfasste Zeilen daraus und baut immer wieder auch andere Songtexte der Steine ein, die so gut sind, dass man sie sich wirklich vertont wünscht. Einzige Ausnahme ist das Kiefernlied, das von Pankow stammt, also genau jener Band, die der Autor (Jahrgang 1962, und damit ungefähr im Alter der fiktiven Steine-Sängerin Nora) für seine Recherchen eine Weile begleitet hat. Wenn er den Lagerkoller im Tourbus, die deprimierend unglamouröse Atmosphäre eines Provinzhotels bei Jena oder die peinliche Anmache einer nicht mehr ganz jungen Bewundererin schildert, die ihre Hand dreißig Jahre zu spät auf den Oberschenkel des Schlagzeugers legt, dann profitiert das Buch am meisten von diesen Erfahrungen.

Es ist diese Authentizität, die Comeback auszeichnet, ebenso wie der Glaube an die subversive, vereinende, befreiende Macht eines noch so verklausulierten Rocksongs, der für den Ostrock so prägend war. Zwar hat bei den Steinen praktisch keiner eine typische DDR-Biographie, trotzdem stecken alle in der Band in all den typischen Zwängen des Arbeiter- und Bauernstaats – und besingen sie. Comeback handelt von Angepasstheit und Solidarität, von Träumen und Traditionen, in denen man sich so leicht verheddert; nicht zuletzt von Utopien, die vielleicht das wichtigste Thema überhaupt in der Rockmusik (und in diesem Buch) sind.

Egal ob der Manager oder der Gitarrist, der Stasi-Führungsoffizier, der die Band bespitzelt, oder das Groupie, das dann zur Reporterin wird: Sie alle sind in Comeback lebendig, wie es ein großartiger Rocksong noch nach 50 Jahren sein kann, sie alle treffen bei diesem Autor auf ein großes Verständnis für ihre Motive, Träume und Schwächen, ohne dass daraus ein großes Egal würde. Vielmehr entsteht eine Empathie, die den einzelnen Menschen herausnimmt aus dem Lauf der politischen Geschichte und ihn von seiner Biographie her betrachtet, nicht von seiner Position im Moment, als sich alles in seiner Welt ändert.

Osang sei „vielleicht jener DDR-Journalist, der sich am dichtesten mit seiner DDR-Vergangenheit beschäftigte, öffentlich und wohl auch im privaten Denken“, hat Uwe Kreißig einmal festgestellt, und diese Einschätzung bestätigt sich auch hier. Wenn dies eine Geschichte mit der Botschaft „Es war nicht alles schlecht“ sein sollte, dann ist diese Moral in Comeback jedenfalls brillant verpackt.

Das beste Zitat ist der Rückblick eines Stasi-Offiziers: „Ihn hatte nie der Fall interessiert, immer nur der Mensch, verstrickt im Fall. Das Verhalten der Menschen unter Druck. Was machten sie, wenn sich die Schlinge zuzog? Ein Experiment. Wie das ganze System. Ein Menschenexperiment. Waren sie gut genug für den Versuch? Darum ging es doch. Er sah auf sein Volk wie auf Hamster in einem Käfig.“

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