Durchgelesen: Anthony Marra – „Die niedrigen Himmel“


Vom Kern des Krieges erzählt Anthony Marra in "Die niedrigen Himmel".

Vom Kern des Krieges erzählt Anthony Marra in „Die niedrigen Himmel“.

Autor Anthony Marra
Titel Die niedrigen Himmel
Originaltitel A Constellation Of Vital Phenomena
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Anthony Marra, Jahrgang 1984, kommt aus behüteten Verhältnissen. Beide Eltern sind Anwälte in Washington, sein Heranwachsen war katastrophenfrei, mittlerweile hat er einen Abschluss der Elite-Universität Stanford in der Tasche. Das muss man sich immer wieder klar machen, wenn man Die niedrigen Himmel liest, den phänomenalen Debütroman des Amerikaners.

Denn er erzählt darin vom Krieg in Tschetschenien, so eindrucksvoll, echt und bewegend, als sei er Augenzeuge, Betroffener, zumindest Leidensgenosse. Es ist „eine tiefgründige Geschichte, die ebenso zart wie schrecklich zu sein wagt, eine Geschichte über verzweifelte Leben in einem entfernten Land, das plötzlich unglaublich nah und relevant erscheint“, hat die Washington Post ganz richtig zusammengefasst.

Die erste und wichtigste Figur in diesem Buch ist die achtjährige Hawah. Ihr Haus in einem Dorf in Tschetschenien wurde gerade überfallen und niedergebrannt, ihr Vater verschleppt. Sie hat sich in den Wald geflüchtet und wird nun von ihrem Nachbarn Achmed in Obhut genommen, dem talentlosen Arzt des Dorfes, der gut mit Hawahs Vater befreundet war. Er bringt sie ins Krankenhaus der nächsten Stadt, denn er hat von einer sagenhaft mutigen Ärztin namens Sonja gehört, die er als ideale Beschützerin für Hawah betrachtet. Sonja hat in England studiert, ist dann aber in ihre Heimat zurückgekehrt, um ihrer Schwester Natascha beizustehen. Jetzt kümmert sie sich um die Verletzten des Krieges, egal ob Föderale oder Rebellen, als letzte verbliebene Ärztin und unter abenteuerlichen Arbeitsbedingungen in einer riesigen Klinik.

Das fragile Miteinander dieser (und vieler weiterer) Personen nutzt Marra, um von Tschetschenien zu erzählen (er hat als Student in Russland gelebt und eine Weile in Tschetschenien recherchiert), vor allem aber vom Krieg an sich. Der Autor zeigt, wie nachhaltig der Krieg zerstört, auch wenn er vorgeblich für eine gute Sache geführt wird und auch wenn er in einem Land stattfindet, in dem die Menschen zuvor jahrzehntelang miteinander ausgekommen sind. Diese Menschen könnten auch in Afghanistan sein, im Irak, in Syrien, auf dem Balkan oder, ganz aktuell, in der Ukraine. Manches könnte man, auf Papier zwischen Buchdeckeln, für sentimental halten, wüsste man nicht aus den Nachrichten, dass es so möglich und wirklich ist.

Es ist auch dieser Hintergrund, der Die niedrigen Himmel so bedeutend macht und der dazu führt, dass man am liebsten jeden, den man kennt, dazu zwingen möchte, dieses Buch zu lesen. Alle Figuren in diesem Roman sind Opfer des Krieges, sie haben amputierte Körperteile oder, wie es an einer Stelle heißt, „amputierte Erwartungen“. Alle sind Veteranen, selbst wenn sie niemals in einer Uniform gesteckt oder an der Front gekämpft haben. Sogar achtjährige Mädchen wie Hawah tragen schon die Wunden dieses Krieges und werden sie ein Leben lang zu tragen haben. Anthony Marra zeigt das Leiden, die Sinnlosigkeit, die Willkür des Krieges. „Angreifer wie Angegriffene klammerten sich an ihre Handvoll Erde, aber am Ende lebte die Erde länger als die Hände, die sie umschlossen“, schreibt er an einer Stelle über das Hin und Her der Kampfhandlungen und Frontverläufe.

Mit einer beeindruckenden Konstruktion schafft er es, den Verlauf des Krieges in Tschetschenien nachzuzeichnen und in die Geschichte des Landes einzubetten. Figuren, die erst wie Randfiguren wirken, werden wichtig, Bösewichte werden anständig, Verrückte werden weise. Dazu kommen viele verschiedene Zeitebenen; um einen Überblick zu geben, beginnt jedes Kapitels mit einem Zeitstrahl, in dem die aktuell erzählte Zeit hervorgehoben ist. Das wirkt erst wie eine arg lieblose Behelfslösung, schließlich könnte der Autor auch mit dichterischen Mitteln diese Orientierung liefern. Aber genau das gelingt ihm dann ohnehin mühelos – zudem geht es ihm ohnehin um das Ewige des Krieges, den Kern jenseits der Aktualität. Als „ein Krieg und Frieden des 21. Jahrhunderts“ (ein Zitat von Tolstoi, allerdings aus Hadschi Murat, steht tatsächlich am Beginn von Die niedrigen Himmel) hat die New York Times vielleicht auch deshalb diesen Roman gepriesen.

Mehr noch als die intellektuelle Raffinesse der Konstruktion ist es aber die emotionale Kraft, die diesem Buch so viel Tiefe verleiht. Anthony Marra zeigt sich einfühlsam wie Jonathan Safran Foer in Alles ist erleuchtet. Er beherrscht die vulgäre Sprache der Militärs, die kindliche Fantasie von Hawah, die belesene Entrücktheit eines zuckerkranken Hobby-Historikers; seine Prosa ist poetisch, geistreich, virtuos. Zum Empathievermögen des Autors gehört auch, dass es in diesem Roman keine Vorwürfe gibt, auch nicht gegen Verräter, Folterer, Vergewaltiger oder Profiteure. Marra verdeutlicht, dass es für seine Figuren nur eine Richtschnur gibt: die Notwendigkeit.

Der Autor legitimiert die Alleinherrschaft dieses Prinzips nicht, doch er konstatiert, wie sehr die Notwendigkeit im Krieg mit der Frage der Humanität konkurriert. Auch die Träume, Sehnsüchte und Erinnerungen seiner Figuren verdeutlichen das. Sie streben gar nicht hochfliegend nach Freiheit oder Reichtum oder Glück, sondern bloß nach dem Menschlich-Allzumenschlichen: Frieden, Normalität, Ruhe, Vertrauen, Zukunft. Womöglich sind genau diese Sehnsüchte Die niedrigen Himmel, die für die Menschen im Krieg dennoch unerreichbar hoch bleiben. Das Menschliche geht in diesem Konflikt für die Gesellschaft als Ganzes rasant zugrunde, in vielen individuellen Beziehungen überdauert es hingegen und wird zum Rettungsanker.

Die kleine Hawah personifiziert diesen Konflikt: Als Waise ist sie auf die Hilfe ihrer Mitmenschen angewiesen. Zugleich hat sie schmerzhaft erfahren, wie schnell solche Bindungen in Verlust und Enttäuschung münden können. In einer vollkommen kaputten Welt ist sie die einzig Unschuldige. In ihr steckt ein riesiger Hunger auf Leben, eine überbordende Bewunderung für die Wunder der Welt. Das verleiht ihr eine große Tragik, denn der Roman macht deutlich, wie weit sie davon entfernt ist, diesen Hunger eines Tages sättigen zu können.

Marras Figuren leben in einer Welt von Tod und Zerstörung, in der sie jeglichen Halt verloren haben, in dem Gebäude zerbombt, Familien zerrissen, Freundschaften korrumpiert werden. Manches ist grausam und tief wie Geschichten aus dem Alten Testament, doch die wirklich brutalen Szenen deutet Marra stets nur an. Er ist nicht auf Skandalisierung aus oder auf Effekthascherei, und er hat das auch nicht nötig. Man spürt, dass er diesem Land und den Menschen mit Respekt begegnet, mit Sympathie, mit Bewunderung – soviel Mitleid es auch verdient hat.

Bestes Zitat: „In Achmeds Kopf dröhnte der Schock darüber, wie wenig schockiert er war. Was Ramsan gesagt hatte, leuchtete ihm ein. Er verstand, warum die Föderalen ein Kind umbringen wollten. Diese Erkenntnis wurde begleitet von einer zweiten, ebenso beschämenden: Dieser unbegreifliche Krieg würde ihm selbst die Menschlichkeit nehmen, das unbegreiflich zu finden.“

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