Durchgelesen: Ben Fountain – „Die irre Heldentour des Billy Lynn“


Autor Ben Fountain

Von einem Kriegsheld wider Willen erzählt "Die irre Heldentour des Billy Lynn".

Von einem Kriegsheld wider Willen erzählt „Die irre Heldentour des Billy Lynn“.

Titel Die irre Heldentour des Billy Lynn
Originaltitel Billy Lynn’s Long Half Time Walk
Verlag DTV
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Es dürfte nicht allzu häufig vorkommen, dass ein Football-Spiel zur Inspiration für einen Debütroman wird. Erst recht, wenn es nicht einmal um den sportlichen Wettstreit auf dem Feld geht, sondern um die Halbzeitpause. Bei Ben Fountain war das so. „Als im Fernsehen während eines Spiels der Dallas Cowboys die Halbzeit-Show lief, habe ich sie mir mal wirklich angeschaut, anstatt sie nur im Hintergrund laufen zu lassen. Sie war (…) eine surreale, irre Mischung aus Militarismus, Pop-Kultur und Soft-Porno. Oder anders gesagt: einfach ein weiterer normaler Tag in Amerika. Da habe ich beschlossen, dass ich darüber schreiben muss“, sagt der Autor, der zuvor unter anderem für seine Erzählungssammlung Brief Encounters With Che Guevara etliche Preise gewonnen hatte.

Billy Lynn’s Long Half Time Walk, so der passende Originaltitel, hat in den USA mächtig Furore gemacht, nicht nur auf den Bestsellerlisten. Der Roman war auf der Shortlist des National Book Award 2012, er bekam den 2013 National Book Critics Circle Award, Oscar-Preisträger Simon Beaufoy (Slumdog Millionaire) arbeitet bereits am Drehbuch für die Verfilmung.

Der Titelheld ist der 19-jährige Billy Lynn. Er hat sich immer unnütz gefühlt, wegen eines Ausrasters kurz vor seinem High-School-Abschluss drohte ihm eine Haftstrafe. Um dem Gefängnis zu entgehen, trat er in die Army ein und landete im Irak. Dort hat er mit seinen Kameraden vom Team Bravo gerade ein äußerst brenzliches Gefecht gegen zahlenmäßig deutlich überlegene Gegner gewonnen. Der Clou: Ein Kamera-Team von Fox News war dabei und hat alles live in die amerikanischen Wohnzimmer übertragen. Aus dem Versager ist nun ein Held geworden.

Um daraus einen noch größeren Propaganda-Erfolg zu machen, werden die Soldaten für eine zweiwöchige PR-Tour durch die USA nach Hause geholt. Sie treten im Fernsehen auf, sprechen mit Schulkindern und wohnen in teuren Hotels. Krönender Abschluss soll der Besuch beim Football-Spektakel der Dallas Cowboys an Thanksgiving werden. Doch danach muss Team Bravo wieder zurück an die Front.

Es ist der Kontrast zwischen der Victory Tour zuhause und der brutalen Realität im Irak, aus dem Die irre Heldentour des Billy Lynn einen großen Teil seines Reizes bezieht. Hier Glitzerwelt, Cocktails und reichlich Schulterklopfen, dort Chaos, Blut und Scheißefressen. Ben Fountain arbeitet diesen Kontrast großartig heraus, er packt viele kritische Töne in diesen Roman, er lässt den Schrecken des Krieges mehr als nur erahnen, er schafft es aber dennoch, dabei unterhaltsam zu bleiben.

Das liegt vor allem an seiner Fähigkeit, den Jargon der Soldaten authentisch einzufangen, ihre Witze und Zoten, ihre Sticheleien, aber auch ihr Schweigen, ihre Unsicherheit und ihr Bedürfnis, über ihre traumatischen Erfahrungen zu reden. Fountain hat viel recherchiert für dieses Buch, das er durchaus in der Tradition des New Journalism à la Tom Wolfe sieht.

Billy Lynn ist dabei nicht nur eine faszinierende Hauptfigur, sondern auch das Scharnier, mit dem Ben Fountain die Perspektive des einfachen Infanteristen mit seinen eigenen Betrachtungen zum Krieg verbindet, die man gerne als politische Provokationen betrachten darf. Billy trifft überall auf Dankbarkeit und Bewunderung für seinen Heldenmut, doch je lieber er sich darauf einlassen will, desto größer wird sein Unbehagen. Lobhudelei und Töten – das passt nicht zusammen, spürt er, erst recht nicht in einem Krieg wie diesem.

Während Billy dabei für den gesunden Menschenverstand steht, für Bodenständigkeit und einfache Überzeugungen, steuert Ben Fountain die Reflexion bei, eine schonungslose Analyse des Kriegs im Irak und seiner Wahrnehmung. „Entweder ist Amerika scheiße oder er“, ist eine der schlichten Erkenntnisse, die er Billy in einem inneren Monolog gewinnen lässt. Als auktorialer Erzähler wird das weitaus poetischer: „Billy (…) hält seine Landsleute, egal wie alt oder in welcher Lebensphase, für Kinder. Kühn und stolz und selbstsicher wie Kinder, die mit zu viel Selbstwertgefühl gesegnet sind, und keine noch so große Portion Aufklärung wird ihnen je die reine Sündhaftigkeit nahebringen, auf die Krieg immer hinausläuft. Sie tun ihm leid, er verachtet sie, liebt sie, hasst sie, diese Kinder. Diese Jungen und Mädchen. Diese Krabbelkinder, diese Kleinkinder. Amerikaner sind Kinder, die erst von zu Hause weg müssen, um erwachsen zu werden, und dabei manchmal sterben.“

Mit solchen Passagen hält Ben Fountain seiner Nation den Spiegel vor, er macht aus Die irre Heldentour des Billy Lynn „ein genau beobachtetes Porträt einer Gesellschaft, in der Prioritäten beschämend durcheinandergeraten sind“, hat der New Yorker über diesen Widerstreit geschrieben, und genau darin liegt die Moral des Buches.

Die Soldaten vom Team Bravo verkörpern das Wunschbild eines starken, mutigen, aufrechten Amerika. Während Billy herumgereicht wird wie ein strahlendes Souvenir von der Front, erkennt er nach und nach: Als Soldat im Irak ist er Stellvertreter für die USA, für ihre Arroganz, ihren Blutdurst, ihr Wirtschaftssystem, ihre Bigotterie, ihre Selbsttäuschung, ihre Liebe für moderne Märchen und einfache Wahrheiten. Er ist zugleich Aushängeschild und Erfüllungsgehilfe, und er ist beides gegen seinen Willen.

Der Einsatz im Irak und erst recht die Tour durch seine Heimat haben ihm neue Perspektiven eröffnet. Billy hat Dinge erlebt und Einblicke bekommen, die er nie für möglich gehalten hätte, sowohl im Hinblick auf existenzielle Tiefen, auf Todesangst, körperliche Torturen und Schikane durch Vorgesetzte, als auch hinsichtlich Luxus, Verlockungen und Anerkennung. Beides führt dazu, dass er plötzlich Dinge hinterfragt, die er stets als selbstverständlich hingenommen hatte.

Er befürchtet, dass er für eine Sache kämpft, die nicht seine ist. Er erkennt, dass vom Krieg in erster Linie die Leute schwärmen, die seine halsbrecherische Mission im Irak auf dem Flatscreen in ihrem gemütlich klimatisierten Wohnzimmer verfolgt haben. Und er ahnt, dass all diese Schwärmer instrumentalisiert werden, genau wie er selbst, von irgendwelchen Leuten, die die wahren Profiteure dieses Krieges sind. Er hat „nur Verachtung übrig für das öffentliche Schockiert- und Empörtsein, wenn wieder mal irgendwas in die Hose geht. Krieg ist Scheiße? Ach, nee. Elfter September? Manch Ding will Weile haben. Die hassen unsere Freiheit? Nee, die hassen unseren Mumm! Billy hat seine Landsleute im Verdacht, es klammheimlich besser zu wissen, aber irgendwas in diesem Land hat sich in einer pubertären Melodramatik verrannt, in frivolen Inszenierungen von geschändeter Unschuld und wohligem Suhlen in selbstmitleidigem Gefühlsmatsch.“

Bezeichnenderweise ist die einzige Perspektive, durch die er noch so etwas wie Sinn aus seinem Einsatz ziehen kann, die Aussicht auf 100.000 Dollar, die jeder Soldat aus dem Team Bravo von einem Filmproduzenten bekommen soll, weil Hollywood die Geschichte der ruhmreichen Krieger verfilmen will. Dieses Geld, der neu gewonnene Status als Kriegsheld, der dafür gesorgt hat, dass seine Jugendsünden vergeben und vergessen sind, und ein heißer Flirt mit einem Cheerleader versprechen eine verheißungsvolle Zukunft – all das macht die Rückkehr in den Irak noch schmerzhafter. Zur Fallhöhe und Spannung des Romans trägt auch ein Angebot bei, das seine Schwester Billy vermitteln will: Er könne sich von der Truppe absetzen und in der Obhut von Anwälten und PR-Profis zum Poster Boy der Antikriegsbewegung werden.

Dass die anstehende Rückkehr in den Irak ausgerechnet ihm als Kriegshelden plötzlich so sinnlos vorkommt, ist die Pointe in diesem Buch. Dass Billy Lynn dennoch mit seinem Pflichtbewusstsein ringt, mit der Loyalität zu seinen Kameraden, mit dem Rest eines Glaubens, dass die da oben dafür gesorgt haben, dass all dies schon irgendwie seine Richtigkeit haben wird, macht seine Tragik aus. Denn er weiß am Ende seiner zweiwöchigen Heldentour längst: Die Amerikaner betrachten den Krieg im Irak, als wäre er ein Footballspiel. Ben Fountain lässt Billys Zweifel im letzten Tag der Heldentour wunderbar kulminieren. Und er kann sich eine letzte bissige Anspielung nicht verkneifen: Die Dallas Cowboys verlieren an diesem Abend ihr Spiel, und zwar haushoch.

Bestes Zitat: „Er nickt, nimmt ein paar Schlucke und gibt zustimmend klingende Geräusche von sich, während die Leute von der Heimatfront ihre Gedanken und Gefühle zum Krieg ausbreiten. Alle haben so eine festgefügte Meinung dazu. Sie äußern lauter Gewissheiten, Imperative, Unbedingtheiten, Ansichten, die in dieser Umgebung auch ganz vernünftig klingen. Aber zwischen dem Krieg hüben und dem Krieg drüben liegt ein ziemlicher Abgrund, und nach Billys Erkenntnis muss man andauernd scharf aufpassen, dass man beim Hin- und Herspringen nicht stolpert.“

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