Durchgelesen: Bernd Heynemann – „Momente der Entscheidung“


Autor Bernd Heynemann mit Wolfgang Borchert

Momente der Entscheidung Bernd Heynemann Kritik Rezension

Vom Rasen in den Bundestag führte der Weg von Bernd Heynemann.

Titel Momente der Entscheidung. Mein fußballverrücktes Leben
Verlag Mitteldeutscher Verlag
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung

Ein Schiedsrichter hat dann eine besonders gute Leistung gezeigt, wenn man gar nicht gemerkt hat, dass er da ist – so heißt eine gängige Fußballweisheit. Freilich ist Unauffälligkeit nicht gerade die beste Voraussetzung, um zum Helden eines Buchs zu werden. Genau das ist das Kernproblem an Momente der Entscheidung. Mein fußballverrücktes Leben, der Autobiographie von Bernd Heynemann.

Heynemann, geboren 1954 in Magdeburg, wurde 1998 zum Schiedsrichter des Jahres gekürt, leitet fast 100 Spiele in der DDR-Oberliga, mehr als 150 Partien in der Bundesliga und etliche internationale Auseinandersetzungen. Zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buchs saß er für die CDU im Bundestag, mittlerweile ist er im Landtag von Sachsen-Anhalt vertreten, ebenso wie im Stadtrat seiner Geburtsstadt Magdeburg.

Diese Heimatverbundenheit ist ein Leitmotiv der Autobiographie und sie passt zu einem Mann, der hier kein Problem damit hat, sich als Kleinbürger und Schlagerfan zu präsentieren. Dass er sich nie selbst überhöht hat, gehörte sicherlich zu den Stärken von Bernd Heynemann als Schiedsrichter. Dem Buch ist diese Mentalität allerdings nicht zuträglich. Momente der Entscheidung ist zuerst einfallslos, dann wahllos in der Dramaturgie: Die Autobiographie erzählt die Lebensgeschichte zunächst chronologisch, dann werden einzelne Aspekte der Schiedsrichterlaufbahn in den Vordergrund gestellt, ohne dass die Systematik dahinter klar würde. Das fällt umso schwerer ins Gewicht, weil viele Erlebnisse, in Kindheit und Jugend, aber auch in der Zeit als prominenter Schiedsrichter, so banal sind.

Dabei hätte es durchaus Schlüsselmomente gegeben, die als spektakulärer Einstieg in dieses Buch gut hätten funktionieren können. So erfährt der Leser, dass Fußball einst dem kleinen Bernd Heynemann das Leben rettete: Als Kind in Magdeburg wäre Heynemann im Schwimmbad beinahe ertrunken. Ein Spieler der Mannschaft, der nach dem Ende einer Partie auf dem benachbarten Sportplatz gerade auf dem Weg zur Umkleidekabine war, fischte ihn heraus. Es gibt weitere interessante Anekdoten: Seine erste Gelbe und Rote Karte hat er selbst gebastelt (mit Tusche auf weißem Papier, das dann in eine Ausweishülle gesteckt wurde), weil man die damals nicht so einfach kaufen konnte, berichtet Heynemann, und fügt an, dass er beide „Premierenkarten“ bis heute aufgehoben hat. Er verrät auch, dass er sein zweites (und letztes) WM-Spiel unter Schmerzen leiten musste: Beim ersten Einsatz in Frankreich 1998 hatte er sich in den brandneuen Fußballschuhen Blasen gelaufen, die nun bluteten.

Am Anfang dieses Wegs steht eine behütete DDR-Kindheit mit einigen Privilegien dank des guten Jobs seines Vaters. Heynemann ist, auch das darf man wohl als Grundlage seiner Präsenz und seines Fingerspitzengefühls als Referee betrachten, ein echter Straßenfußballer. Das Buch zeigt eindrucksvoll, dass man es hier mit einem wahren Sportsmann und wirklich Fußballverrücktem zu tun hat. Auch ein paar weitere Bausteine von Bernd Heynemanns Erfolgsrezept kann man Momente der Entscheidung entnehmen: Disziplin gehört dazu („Verlässlichkeit und Pünktlichkeit sind Eigenschaften, die man – wenn man sie schon nicht hat – wenigstens anstreben sollte“, ist ein typisches Zitat), ebenso wie die Tatsache, dass Heynemann für einen Unparteiischen ungewöhnlich medienaffin und eloquent ist und einen Horizont hat, wie diese Autobiographie immer wieder aufzeigt, der über den Fußball hinaus reicht. Nicht zuletzt dürfte seine Bodenständigkeit eine Rolle gespielt haben. An einer Stelle des Buchs hat er als Selbstbeschreibung eine Formulierung gewählt, die wohl durchaus zutrifft: Er ist „einfach menschlich“.

Dazu passt, dass Heynemann keinerlei Allüren kennt, im Gegenteil: Wenn er von Begegnungen mit Prominenten wie Günther Jauch oder einstigen Fußballstars berichtet, erkennt man viel Ehrfurcht in der Beschreibung dieser Szenen. Heynemann sieht sich keineswegs auf Augenhöhe mit ihnen, sondern als Fan, und das ist sehr sympathisch. Ein paar überraschende Einblicke in sein Innenleben gewährt er auch, beispielsweise seinen Wunsch, Schlagzeug spielen zu können, oder sein Votum für das Millerntor auf St. Pauli als stimmungsvollstes Stadion in Deutschland.

Eine weitere Stärke des Buchs: Etliche legendäre Spiele lieben hier wieder auf, die Fußballfans auch jenseits der Schiedsrichterleistung in Erinnerung geblieben sein dürften. Heynemann ist sichtlich dankbar dafür, ein Teil davon gewesen zu sein dürfen, und diese demütige Haltung wird wohl ebenfalls zu seiner Karriere beigetragen haben: Er eckte als junger Mann im Osten (seine Mitgliedschaft in der SED wird im Buch freilich nicht erwähnt) nicht an, auch im von reichlich Autorität und Seniorität geprägten DFB-System fügte er sich mühelos ein.

Es ist dieser unterm Strich leider ziemlich blasse und mitunter sogar etwas schlichte Charakter, der dazu beiträgt, dass Momente der Entscheidung nie wirklich spannend oder tiefgründig wird. Ärgerlich ist dabei auch, dass das Buch so wenig Recherche bietet: Was Heynemann in den Interviews, auf denen das Buch basiert, nicht mehr in Erinnerung war, wurde von Ghostwriter Wolfgang Borchert, einem Radiojournalisten, auch nicht im Nachhinein ergänzt, obwohl man einige Fakten mit einem Blick ins Archiv hätte klären können. So bleibt ein Buch, dass allenfalls für Schiedsrichter-Fans eine lohnende Lektüre wird.

Bestes Zitat: „Hundertprozentiges Auftreten bei tausendprozentiger Ahnungslosigkeit? Diesen Rat fand ich gut, irgendwie zum Schmunzeln.“

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