Durchgelesen: Brady Udall – „Das wundersame Leben des Edgar Mint“ 1


Skurril und höchst unterhaltsam: „Das wundersame Leben des Edgar Mint“.

Autor Brady Udall
Titel Das wundersame Leben des Edgar Mint
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung ****

So wenig Mühe sich der Verlag mit der Gestaltung des Einbands gemacht hat, so richtig war die Idee, Brady Udalls Roman für die Taschenbuchausgabe einen anderen Titel zu geben. Was als Hardcover noch unter „Der Bierdosenbaum“ firmierte, heißt nun „Das wundersame Leben des Edgar Mint“.

Das ist nicht nur die getreue Übersetzung des amerikanischen Originals, sondern schlicht und einfach der beste Titel, den man diesem Werk geben kann. Denn eine Lebensgeschichte ist dies ohne Zweifel und wundersam ist sie bei Gott.

„Dürfte ich nur eine einzige Begebenheit aus meinem Leben berichten, wählte ich diese: Ich war sieben Jahre alt, als der Postbote meinen Kopf überfuhr“, heißt ihr erster Satz, der schon Brady Udalls Stärken erahnen lässt. Er hat einen tollen Blick für das Skurrile, erzählt mit einer wunderbaren Beiläufigkeit und ist gerade deshalb so witzig, weil er es so wenig darauf anzulegen scheint.

Und so wird die Biografie des kleinen Edgars, dem nach seinem Unfall noch weitere Unglücke zustoßen und dessen Schreibmaschine sein treuester Begleiter wird, zu einem wunderbar kurzweiligem Vergnügen. Wer „Forrest Gump“ mochte, kommt an „Edgar Mint“ nicht vorbei.

Bei aller Leichtigkeit hat das Buch natürlich auch seine ernsten Momente, muss sich Edgar durch Verluste, Selbstzweifel und Glaubenskrisen quälen. Insbesondere eine überraschende Erkenntnis arbeitet Udall dabei immer wieder heraus: Dieselben Gedanken, die bei einem Kind für naiv gehalten werden, würde man bei einem Erwachsenen zynisch nennen.

Beste Stelle: „Was für ein Luxus, drei bis vier Stunden pro Tag auf meiner Hermes Jubilee herumhämmern und alles aufschreiben zu können. Ich tippte, weil ich froh war, weil ich nichts anderes zu tun hatte, weil ich glaubte, alles ein bisschen besser zu verstehen, wenn ich es zu Papier brachte und das Unbenannte in Worte fasste. Ich erfand Geschichten über meine Mutter in Kalifornien, die auf einem Strand unter Palmen lebte und täglich Briefe an die Polizei schrieb, um herauszufinden, wo ich steckte. Über Art, der entdeckte, dass alles nur ein Irrtum war, dass seine Frau und seine Töchter gar nicht tot waren, sondern als Nonnen getarnt in einem Kloster gelebt hatten. Über den Postboten, der mich überfahren hatte; täglich brachte er den Leuten Briefe und Päckchen und beichtete ihnen: ‚Ich bin ein schlechter Mensch, ich habe einen kleinen Jungen getötet.‘ Ich tippte, weil das Tippen für mich den selben Zweck erfüllte wie Sprechen. Ich tippte, weil ich musste. Ich tippte, weil ich befürchtete, sonst zu verschwinden.“


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