Durchgelesen: Chris Abani – „Graceland“


„Graceland“ zeigt die brutale Realität Nigerias.

Autor Chris Abani
Titel Graceland
Verlag C.H. Beck
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ***

Der Titel des Buchs ist der pure Hohn. Genau wie die Namen vieler Protagonisten, die „Redemption“ heißen oder „Blessing“. Denn von Anmut kann hier ebensowenig die Rede sein wie von Erlösung oder Segen. Stattdessen zeigt dieser Roman die knüppelharte, erbarmungslose und brutale Realität Nigerias.

Der Protagonist Elvis (auch so ein sprechender Name) hat Ärger mit seinem trinkenden Vater, fühlt sich halb verführt und halb bedroht von den Ablenkungen des Slums in Lagos und träumt von einer großen Karriere als Tänzer. Das einzige, was ihm Halt gibt, ist das Tagebuch seiner früh verstorbenen Mutter. Doch auch das kann ihn nicht davor bewahren, in die kriminelle Unterwelt abzutauchen – wo ein Menschenleben wenig wert ist.

Die Handlung, die sich auf verschiedenen Zeitebenen abspielt, wird immer wieder unterbrochen durch Kochrezepte aus dem Tagebuch der Mutter und Anweisungen für uralte Rituale. So gelingt es Abani, einen spannenden Kontrast aus Moderne und Tradition, aus Großstadt und Landleben, aus Aberglaube und Nihilismus aufzuzeigen.

Davon lebt das Buch ebenso wie vom gelungen-vielschichtigen Charakter des Elvis. Wenn der sich an die idyllischen Momente seiner Kindheit erinnert oder in einer Folterkammer des Militärs Höllenqualen leidet, und zwischen all dem sich selbst, einen Sinn und eine Zukunft für sein Land sucht, dann ist „Graceland“ am stärksten.

Unterm Strich entsteht so ein schonungsloses Porträt des postkolonialen Afrika, das aber etwas mehr sprachliche Stärke und etwas weniger Pathos gebraucht hätte, um wirklich zu erschüttern.

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