Durchgelesen: Christopher Clark – „Die Schlafwandler“ 1


Nicht das Warum, sondern das Wie stellt Christopher Clark in "Die Schlafwandler" in den Mittelpunkt.

Nicht das Warum, sondern das Wie stellt Christopher Clark in „Die Schlafwandler“ in den Mittelpunkt.

Autor Christopher Clark
Titel Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Christopher Clarks Die Schlafwandler ist ein Riesenerfolg in Deutschland. Die sechste Auflage ist mittlerweile erschienen, auf dem Buchcover klebt der begehrte „Spiegel-Bestseller“-Sticker, das ZDF schwärmt vom „Buch der Saison“, die Welt vom „historischen Bestseller der Saison“. Dass sein Mammutwerk mit dem Untertitel Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog ausgerechnet hierzulande so beliebt ist, erscheint wenig verwunderlich: Clark, geboren 1960 in Australien und nun als Geschichtsprofessor in Cambridge tätig, verwirft in seinem Buch die These, das deutsche Kaiserreich habe mit seinen Großmachtträumen den Ersten Weltkrieg quasi im Alleingang verschuldet.

Das ist eine erstaunliche Position, und sie ist typisch für Die Schlafwandler. Clark erweist sich in diesem Werk als ungeheuer meinungsfreudig. Sein Stil ist nüchtern, doch seine Schlussfolgerungen sind spektakulär. Als „eine Offenbarung“ hat Deutschlandradio Kultur deshalb dieses Buch bezeichnet, „fast ein Jahrhundert nach der großen Tragödie schafft es Christopher Clark, das Geschehen in seiner Komplexität neu zu sehen und zu verstehen“.

Eine Neubewertung wagt der Historiker beispielsweise hinsichtlich der (von den Zeitgenossen Anfang des 20. Jahrhunderts allgemein bezweifelten) Zukunftsfähigkeit Österreich-Ungarns oder der Bedeutung der deutschen Flottenpolitik. Dazu kommen immer wieder interessante Gedankengänge wie die Spekulationen, wie Franz Ferdinand wohl die Beziehung zu Serbien gestaltet hätte, wäre er nicht dem Attentat in Sarajewo zum Opfer gefallen, oder die Frage, ob eine damals attestierte „Krise der Männlichkeit“ vielleicht zu einer der treibenden Kräfte auf dem Weg zum Ersten Weltkrieg wurde.

Die Basis für solche Thesen sind ein akribisches Studium der Quellen und ein beinahe minutiöses Nachzeichnen des Weges hin zur Julikrise 1914. Clark fragt nicht in erster Linie, warum etwas passiert ist, sondern wie es passiert ist. Sein Buch beginnt mit einem ausführlichen Blick auf die Geschichte Serbiens und des Balkans. Der Traum vom großen, national geeinten Serbien machte aus dem kleinen Land den Katalysator der Krise. Die „großserbische Vision“, inklusive einer Ablehnung jeglicher Fremdherrschaft und der Ansprüche auf Territorien, die zum Staatsgebiet des Osmanischen Reichs und von Österreich-Ungarn gehörten, machte das kleine Land zum Brennpunkt der Entwicklung, an dessen Ende der ganze Kontinent in Flammen stand.

Danach blickt Clark auf die entscheidenden Schauplätze der Großmächte: Paris, London, St. Petersburg, Rom, Wien und Berlin. Er macht dabei deutlich, wie sehr alle Beteiligten mit der unübersichtlichen Lage auf dem Balkan gespielt haben. Die Serben hatten früh die „Ahnung, dass ein Krieg der historisch notwendige Schmelzofen für den serbischen Nationalstaat war“, schreibt Clark, doch jede der Großmächte hoffte, von einer solchen Möglichkeit ebenfalls profitieren zu können.

Dass Deutschland dabei insgesamt erstaunlich passiv daherkommt („Nur in Deutschland wird mir vorgeworfen, ich wäre deutschfreundlich“, hat der Autor kürzlich dazu augenzwinkernd angemerkt), ist eine Überraschung. Sie führt zur Frage, wer denn stattdessen Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs war, wenn es nicht die verblendeten Nationalisten in Berlin waren. Clark gibt keine Antwort darauf, denn in seinen Augen ist die Frage falsch gestellt. Er will nicht Ideologien und Schuld aufzeigen, sondern Wege und Entscheidungen.

Wie schwierig das ist, macht Die Schlafwandler sehr eindrucksvoll klar. Die Quellen bilden ein „Wirrwarr aus Versprechungen, Drohungen, Plänen und Prognosen“, schreibt Clark schon in der Einleitung, in der er die Julikrise von 1914 zudem „als das komplexeste Ereignis der heutigen Zeit, womöglich bislang aller Zeiten“ charakterisiert.

Ganz oft ist in diesem Buch von der Fluidität der Macht in jener Zeit die Rede: Alles schwankt, selbst Verfassungen klären Befugnisse und Verantwortlichkeiten nicht klar (oder werden ignoriert), selbst die Beteiligten sind nicht immer sicher, ob sie gerade ihre Pflicht erfüllen oder ihre Kompetenzen überschreiten. „Die Schwankung der Macht zwischen verschiedenen Punkten innerhalb der politischen Strukturen, in denen Entscheidungen getroffen wurden, verstärkte die Komplexität und Unberechenbarkeit der Interaktionen im europäischen internationalen System, insbesondere in jenen Momenten der politischen Krise, wenn zwei oder mehr Regierungen in einer Atmosphäre der erhöhten Spannung aneinander gerieten.“

Hinzu kommt: Alle bewegten sich in einem extrem dynamischen Umfeld, in dem zudem maximales gegenseitiges Misstrauen herrschte. Man wusste nicht, was die Feinde im Schilde führten, und meist auch nicht einmal, was die eigenen Bündnispartner dachten. Clarks meisterhafter Überblick über die geopolitische Lage vor dem Ausbruch des Krieges und die strategischen Überlegungen in den einzelnen Ländern macht klar: Die Entscheidungsträger waren wirklich nicht zu beneiden.

Freilich ist Clark weit davon entfernt, ihnen wegen dieser Strukturen einen Persilschein auszustellen. Sein Ziel ist es, „die Entscheidungen zu erkennen, die den Krieg herbeiführten, und die Gründe und Emotionen zu verstehen, die dahintersteckten“, schreibt er in der Einleitung. Das bedeutet auch: Er will zeigen, dass es Druck gab und Strömungen und Ängste und Strukturen. Zum Krieg kam es aber nur, weil es auch Entscheidungen gab – und Personen, die diese Entscheidungen getroffen haben.

Durch diesen Fokus auf die handelnden Figuren gelingt es Clark auch, das Problem der Fluidität zu relativieren. Der Fokus auf Personen und das Persönliche ist gerade deshalb so wichtig, weil im Vorfeld des Kriegs oftmals gar nicht klar war, wer überhaupt politische Macht ausübte: Monarchen? Regierungschefs? Minister, Botschafter, Militärs? Alle rangen miteinander und kochten mitunter ihr eigenes Süppchen. Das Ergebnis war „eine Phase beispielloser Unsicherheit in den internationalen Beziehungen. Die daraus folgenden Schwankungen der Politik und widersprüchlichen Signale machten es nicht nur den Historikern, sondern zuallererst den damaligen Politikern schwer, das internationale Umfeld zu deuten“, betont Clark.

Er gönnt sich ausgiebige Blicke auf den deutschen Kaiser nahe an der Unzurechnungsfähigkeit, auf einen liebestollen Generalstabschef der österreichisch-ungarischen Streitkräfte (Freiherr Franz Conrad von Hötzendorf) oder den schwatzhaften französischen Botschafter Maurice Paléologue. Das erweckt vor dem Auge des Lesers auf amüsante Weise die Figuren der Zeit zum Leben, ist aber auch ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der Politik am Beginn des 20. Jahrhunderts. „Ein merkwürdiges Kennzeichen der Julikrise von 1914 ist der Umstand, dass so viele Schlüsselakteure sich schon seit langem kannten. Unter der Oberfläche unzähliger wichtiger Verhandlungen und Transaktionen lauerten persönliche Antipathien und unvergessliche Kränkungen“, schreibt Clark und merkt später sogar an: „Man fühlt sich an ein Stück von Harold Pinter erinnert, wo sich alle Charaktere sehr gut kennen und einander kaum leiden können.“

Dass aus solchen Rivalitäten ein Weltkrieg werden konnte, lag auch daran, dass das Konzept Krieg damals in gewisser Weise und in weiten Kreisen als normal oder natürlich angesehen wurde, wie Clark herausarbeitet. Krieg wird zumindest von den Entscheidungsträgern nur als strategisches Instrument gesehen, nie als menschliche Katastrophe. Erst der Erste Weltkrieg öffnete auch ihnen die Augen dafür, wie brutal, apokalyptisch und inhuman der Krieg sein kann.

Besonders tragisch wird das, weil Die Schlafwandler auch der Frage nachgeht, ob der Krieg hätte verhindert werden können. Die Antwort von Christopher Clark lautet eindeutig: Ja. Er sucht immer wieder nach den Momenten, in denen sich die Waage auch auf die andere Seite hätte neigen können, nach den Entscheidungen, die zu Gewichten auf der Waagschale wurden und nach den Personen, die diese Gewichte dort platziert haben. Das Buch hat einige seiner besten Momente, wenn er Kleinigkeiten herausarbeitet, die vielleicht für eine entscheidende Wendung hätten sorgen können: Wenn Kaiser Wilhelm II. nicht in einer entscheidenden Stunde zum Segeln gewesen wäre, wenn das Auto Franz Ferdinands in Sarajewo sich an die Route gehalten hätte, wenn Conrad von Hötzendorf nicht seiner Geliebten unbedingt seine Männlichkeit hätte beweisen wollen, vielleicht, vielleicht wäre der Welt dann ein Blutbad erspart geblieben, das in England und Frankreich noch heute „der große Krieg“ genannt wird und 20 Millionen Tote forderte.

Auch wenn Clark sich der Schuldfrage verweigert, sind es gerade diese potenziellen Kipppunkte, die dann doch die Verantwortung der damaligen Beteiligten unterstreichen. „Jeder Entscheidungsträger hatte Optionen. Aber sie waren überzeugt, unter Zwang zu handeln. Damit haben sie sich quasi zu Automaten hinabgedacht“, hat Clark diesen Mechanismus in einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt. „Auch die Entscheidungsträger, die den Krieg mit herbeigeführt haben, waren überzeugt: Der Krieg wird nicht von uns ausgelöst, sondern nur angenommen (…). Der Krieg kommt als eine historischen Notwendigkeit von außen, ihn zu akzeptieren bringt keine Verantwortung mit sich, belastet den Einzelnen nicht mit ethischer Verantwortung.“

Sie mit dieser Entschuldigung nicht durchkommen zu lassen (egal ob sie Deutsche, Serben, Engländer, Russen oder Italiener waren), ist nicht nur mit Blick auf die historische Wahrheit wichtig, sondern auch mit Blick auf die Gegenwart. Mehrfach weist Clark in seinem Buch auf Parallelen zwischen der Ära vor dem Ersten Weltkrieg und unserer Zeit hin: Es gibt eine multipolare Mächtestruktur mit Emporkömmlingen und einstigen Weltreichen im Niedergang, begleitet von zahlreichen regionalen Krisen. „Unsere Welt ähnelt immer mehr der Welt von 1914, eine beunruhigende Entwicklung“, sagt Clark – und noch ein Grund mehr, seine grandios fundierte Analyse zu lesen.

Bestes Zitat: „Einmal mehr zeigt sich hier die Tendenz, die in der Argumentation so vieler Akteure in der Krise zu beobachten ist: nämlich sich selbst als jemanden wahrzunehmen, der unter unwiderstehlichen externen Zwängen handelt, während die Verantwortung über die Entscheidung über Krieg und Frieden eindeutig dem Gegner aufgebürdet wird.“


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Ein Gedanke zu “Durchgelesen: Christopher Clark – „Die Schlafwandler“

  • Olkus

    wieso „erstaunlich“? Jeder, der sich vorurteilslos mit der Geschichte befasst, ohne zu moralisieren, kann zu ähnlichen Sichtweisen kommen. Die osteuropäischen Nationen, nicht nur „Serbien“ sind, betrachtet man die Landkarten, erst durch den ersten Weltkrieg entstanden. Hierher kam ein Druck. Warum „durfte“ Deutschland keine nennenswerte Kriegsflotte haben? Deutschland war diplomatisch eingekreist, allein die russische Landstreitmacht war dreimal größer als die deutsche. Wir wissen alle, dass Waffen auch eingesetzt werden. Zum Zitat am Ende, genau, Hass, Projektionen und Feindbilder allenthalben. Das heisst nicht, dass man von deutscher Seite aus nicht klüger hätte damit umgehen können, siehe zur Kolonialpolitik Bismarck. Der Dumme ist, wer sich isolieren und provozieren lässt.