Durchgelesen: D.W. Wilson – „Den Boden nicht berühren“


Autor D.W. Wilson

D.W. Wilson Den Boden nicht berühren Rezension Kritik

Die Kleinstadt ist das typische Setting in den Stories von D.W. Wilson.

Titel Den Boden nicht berühren
Originaltitel Once You Break A Knuckle
Verlag DTV Premium
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Wild und weit ist das Land, stur und still sind die Menschen. So stellt man sich Erzählungen aus Kanada wahrscheinlich vor, und so sind die zwölf Stories in Den Boden nicht berühren dann tatsächlich auch. Was den ersten Erzählungsband von D.W. Wilson trotzdem überraschend und besonders macht, ist die Fähigkeit, seine Figuren und Motive quer durch die einzelnen Geschichten zu verknüpfen und sie in Momenten des „Was wäre wenn?“ anzutreffen.

Er nimmt Weichenstellungen in den Blick, die meist erst im Nachhinein als solche erkennbar werden, er kreist um den mal Hoffnung stiftenden, mal marternden Gedanken, dass nicht viel gefehlt hätte, und alles wäre ganz anders gelaufen. „Hätte er einen zweiten Versuch gehabt, würde er es wahrscheinlich anders machen, ein bisschen mehr versuchen, nicht geschieden zu werden. Er hatte nie erwartet, alt und einsam zu sterben. Aber er wettete, dass niemand das erwartete“, ist eine typische Passage für diese Perspektive.

Der Schauplatz ist die Gegend, in der auch D.W. Wilson groß geworden ist: das Kootenay Valley, British Columbia. Mittlerweile lebt der Autor in Cambridge, zu seinen Referenzen gehören ein Literatur-Stipendium der University of East Anglia, der BBC National Short Story Award 2011 und ein Platz auf der Shortlist für den Dylan Thomas Prize 2013. Aber wie sehr ihn das Aufwachsen rund um den 3000-Einwohner-Ort Invermere geprägt hat, versucht er hier gar nicht erst zu verbergen.

Dieses Setting spielt eine entscheidende Rolle in Den Boden nicht berühren, als Leitmotiv wird schnell „der Fluch der Kleinstadt“ erkennbar, wie Wilson das nennt: „Es ist ja kein schlechtes Leben, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber so ein Leben sollte man erst wählen, wenn man weiß, was man wählt. Vielleicht ist das alles, was ich bereue“, lautet der Tipp einer seiner Figuren.

Seine Themen könnten keine bessere Szenerie finden und kaum alltäglicher sein: Ein Sohn kämpft gegen seinen Vater beim Judo, ein Elektriker kommt nach einem gescheiterten Versuch als Künstler zurück in seinen alten Heimatort, zwei einsame Kleinstadt-Kids finden zueinander, ein Mathematiklehrer versucht sich an die Tatsache zu gewöhnen, dass er seine Frau und sein Kind vielleicht nie wieder sehen wird.

Die Protagonisten sind oft Jungs in einem Alter, in dem das Leben noch gar nicht richtig begonnen hat, oder Männer, die vom Alter her knapp vor der Mitte ihres Lebens stehen, aber das Gefühl haben, es sei schon vorbei. Die größte Stärke dieser Erzählungen ist es, einen sehr treffenden Sound für ihren verbissenen Kampf um Glück unter sehr widrigen Bedingungen zu finden. Die Stories in Den Boden nicht berühren betonen (umso mehr im Originaltitel Once You Break A Knuckle) die Körperlichkeit des Daseins: Es geht um Schlägereien, Verwundungen, harte Handwerkerarbeit. Und die Figuren von D.W. Wilson wollen diese Körperlichkeit als Mittel nutzen, um das Glück auf ihre Seite zu ziehen – allerdings in den denkbar ungünstigsten Momenten.

Bestes Zitat: „Und ich sitze in der Küche und lausche. Das mache ich, weil es für einen Dad manchmal schwierig ist, seinen Jungen zu verstehen, aber auch aus Einsamkeit und dem Gefühl, dass keiner mehr Freunde hat wie die, mit denen man als Kind Unsinn angestellt hat. Es ist eine Gelegenheit, meine eigene Kindheit zu spüren, eine, darüber nachzudenken, wie viel unglücklicher ich sein könnte.“

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