Durchgelesen: Dan T. Sehlberg – „Mona“


Autor Dan T. Sehlberg

Keine Frau, sondern ein Computervirus ist der Namensgeber für "Mona".

Keine Frau, sondern ein Computervirus ist der Namensgeber für „Mona“.

Titel Mona
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Nach 50 Seiten dieses Debütromans muss man erst einmal Luft holen und rekapitulieren, was Dan T. Sehlberg für diesen Thriller alles an Themen aufgefahren hat: Hisbollah und Mossad, Al Qaida und Cyberkrieg, die neusten Trends der Neurowissenschaften, die Fragilität des modernen Finanzsystems, ein kaltblütiger Auftragsmord und eine ausgewachsene Ehekrise. Beinahe fühlt man sich überrumpelt von so vielen Konflikten in so kurzer Zeit, und zudem fragt man sich natürlich: Wie will der Autor es schaffen, auf den verbleibenden 400 Seiten all diese Handlungsstränge schlüssig weiterzuverfolgen und zusammenzuführen?

Soviel vorab: Es gelingt recht überzeugend. Mona bietet packende Dialoge und eine gut funktionierende Abwechslung aus Zuspitzung und Entspannung. Neben dem eigentlichen Handlungsstrang – einem originellen Thriller mit vielen Ortswechseln – gibt es auch ein paar Flirts, Reflexionen und Traumsequenzen.

Im Mittelpunkt der Handlung von Mona steht Eric Söderqvist, ein Informatikprofessor aus Stockholm. Er hat ein Brain-Computer-Interface namens „Mind Surf“ entwickelt. Mit diesem Helm kann man im Internet surfen, ohne Monitor, ohne Maus, ohne Tastatur – die Navigation erfolgt nur über die Kraft der Gedanken. Als die Technik nach jahrelanger Arbeit endlich fertig ist, testet seine Frau Hanna das brandneue System – und fällt kurz darauf ins Koma, mit lebensbedrohlichen Symptomen.

Erics Vermutung lautet: Hanna hat sich mit einem Computervirus infiziert. Sie hat bei ihrem Selbstversuch eine verseuchte Seite im Internet aufgerufen, durch den Helm wurde der Virus dann in ihren Körper übertragen. Seine Theorie klingt abstrus und stößt bei den Ärzten, die Hanna behandeln, auf taube Ohren. Als die ganze Welt aber von einem perfiden Computervirus namens „Mona“ in helle Aufregung versetzt wird, ist sich Eric sicher, dass er auf der richtigen Spur ist.

Er macht sich auf die Suche nach dem Schöpfer von Mona und landet mitten in einem weltpolitischen Konflikt. Denn hinter dem Virus steckt Samir Mustaf, ein Programmierer aus dem Libanon. Er hat durch eine israelische Splitterbombe seine Tochter und seine Frau verloren. Seitdem fühlt er sich, als sei auch sein Leben zu Ende – und er will sich rächen, indem er Mona entwickelt und damit das israelische Bankensystem infiziert hat. Geldgeber aus dem Iran und Saudi-Arabien unterstützen Samir, der einst am MIT studiert hat – und die westlichen Geheimdienste sind ihm ebenso auf den Fersen wie Eric.

Dan T. Sehlberg, Jahrgang 1969, hat damit einen Roman geschaffen, der ebenso unterhaltsam wie spannend ist und für Freunde von Technologie und Wissenschaft gleichermaßen empfehlenswert ist wie für Fans von Thrillern im Geheimdienst-Milieu oder mit Bezügen zur Zeitgeschichte. Zu den Stärken des Autors gehört seine Sachkenntnis und Recherche (der Schwede hat einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften zu bieten und mehrere IT- und Internetfirmen gegründet). Dazu kommt eine enorm kühle Sprache, die ins nüchterne Milieu der Computerexperten ebenso passt wie zur auf Effizienz getrimmten Kommunikation der Geheimdienste. Über weite Strecken reiht Sehlberg einfach Hauptsätze aneinander. „Eric hatte kein Gepäck und ging direkt durch die unbesetzte Zollkontrolle. In der Ankunftshalle blickte er sich um. Paul Clinton wollte ihn abholen. Ein unwirkliches Gefühl“, lautet eine typische Stelle.

Dass man manchmal den Eindruck hat, vor lauter Handlungsfülle habe der Autor gar keine Zeit mehr für stilistische Finessen gehabt, ist nicht allzu gravierend. Schon eher als Manko erweist sich die Tatsache, dass Mona insgesamt ein Stückchen zu kalkuliert wirkt – das Buch könnte nicht aktueller sein, wenn es speziell für die Lektüre auf dem iPhone 6 optimiert wäre. Der Thriller ist glaubwürdog in dem Sinne, dass es kaum logische Brüche innerhalb der Handlung gibt. Er ist aber nicht glaubwürdig in dem Sinne, dass er sich tatsächlich so zutragen könnte. Entschädigt wird man dafür immerhin mit Sehlbergs großem Einfallsreichtum, der übrigens noch längst nicht erschöpft ist: Mit Sinon hat er mittlerweile schon einen zweiten Thriller um Professor Eric Söderqvist vorgelegt, den es allerdings noch nicht in deutscher Übersetzung gibt.

Bestes Zitat: „Samir hatte gewusst, dass sie effektiv sein würde, aber ebenso wie Oppenheimer nach der ersten Atombombenexplosion war er trotzdem verblüfft über das Ausmaß der Zerstörung, die sein Virus verursachte. Mona hatte Israels Finanzstrukturen in einem Maße durcheinandergebracht, dass es keinerlei verwertbare Informationen mehr gab. (…) Der Virus hatte die ganze westliche Welt lahmgelegt. Samir hatte selbst Mühe, das Ausmaß der Krise zu überblicken. Unermessliche Werte waren vernichtet worden und CNN und al-Jazeera brachten ständig neue Alarmmeldungen über den Virus. Krankenhäuser, Verkehrsüberwachungsgesellschaften und Mobilfunkprovider berichteten von Betriebsstörungen. Mit solchen Auswirkungen hatte er nicht gerechnet. Er hatte die Büchse der Pandora geöffnet und eine Macht entfesselt, die sich jeder Kontrolle entzog.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.