Durchgelesen: Dave Eggers – „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“


Autor Dave Eggers

Cover des Romans "Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?" von Dave Eggers

Komplett in Dialogform ist „Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?“ verfasst.

Titel Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Wir haben gerade fünf Billionen für sinnlose Kriege verpulvert. Die hätten wir in das Mondprojekt stecken können. Oder in den Flug zum Mars. Oder ins Shuttle. Oder in irgendetwas, das uns auf irgendeine gottverdammte Weise inspirieren würde. Wie lange ist es her, dass wir zuletzt irgendwas gemacht haben, das irgendwen inspiriert hat?“

Diese Frage stellt Thomas, die Hauptfigur im neuen Roman von Dave Eggers (Der Circle). Thomas ist Mitte 30, Single, und mächtig sauer. Er richtet die Frage an Kev Paciorek, einen NASA-Mitarbeiter und ehemaligen Kommilitonen. Auf dem College hat Thomas ihn einst grenzenlos bewundert für seine feste Entschlossenheit, einmal Astronaut zu werden. Nun ist Thomas empört – noch viel mehr als Kev selbst –, dass sein einstiger Held wegen des Sparprogramms der NASA vielleicht niemals seinen Traum vom Flug ins All verwirklichen kann.

Der Clou dabei: Thomas trifft Kev, der die flüchtigen Begegnungen aus gemeinsamen Studententagen längst vergessen hat, nicht etwa bei einer Jahrgangsfeier oder zufällig am Tresen einer Bar. Er hat ihn entführt, in eine Baracke der stillgelegten kalifornischen Militäranlage Fort Ord gebracht und dort an einen Pfeiler gekettet. Denn er versteht nicht mehr, warum die Welt nicht so funktionieren will, wie er sich das immer vorgestellt hat. Thomas will nicht mehr warten, bis ihm die Erfahrung vielleicht das nötige Verständnis dafür vermittelt. Er will Antworten. Sofort. Notfalls mit Gewalt.

Im Gespräch mit Kev, das manchmal ein Verhör, manchmal eine Plauderei, manchmal ein psychologisches Experiment ist, fallen Thomas weitere Fragen ein, und weitere Ideen, wer sie vielleicht beantworten könnte. Also entführt er nach und nach immer mehr Menschen, jeder von ihnen bekommt eine eigene Baracke in Ford Ord. Der ehemalige Kongressabgeordnete Dickinson gehört ebenso dazu wie Mr. Hansen, ein ehemaliger Lehrer von Thomas, und einige weitere.

Dave Eggers schafft es in Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? nicht nur, aus diesem Ansatz das faszinierende Psychogramm eines jungen Mannes zu machen, der gemerkt hat, dass er erwachsen ist, aber keinerlei Ahnung davon hat, woran er sich in dieser Lebensphase orientieren soll. Es gelingt dem Autor auch (wie in seinen letzten Romanen, vor allem Ein Hologramm für den König), brisante und hoch aktuelle Themen zu durchleuchten: Polizeigewalt, fehlende Ideale der Jugend, fragwürdige Verwendung von Steuergeldern und Pädophilie (und die Hexenjagd, die auch dann nicht mehr aufzuhalten ist, wenn sich der Beschuldigte als unschuldig erweist) zählen dazu.

Der Roman ist eine Reflexion über die Lage des Landes, beinahe könnte man sagen: eine Meditation. Das Meisterhafte dabei ist, wie radikal Dave Eggers bei Beibehaltung seiner thematischen Vorlieben dabei die Form variiert: Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? ist komplett in Dialogform geschrieben. Es gibt keine einzige Regieanweisung, keine Einleitung, keinen Autortext zur Beschreibung des Ortes. »Der Roman fügt sich […] in ein zwischen fiktionalen und nicht-fiktionalen Textformen changierendes, stilistisch weit gefächertes Werk; diesmal kommt Eggers der Bühnentauglichkeit so nah wie nie«, lautet die Klassifizierung, die Spiegel Online dafür gewählt hat.

Mit Thomas gibt es eine sehr vielschichtige Hauptfigur, die manchmal einschüchternd ist, oft aber auch bemitleidenswert. Er hätte gerne etwas erlebt, „das alle durch ein gemeinsames Ziel vereint hat und durch eine gemeinsame Opferbereitschaft“, sagt er an einer Stelle – das Fehlen dieses Überbaus ist der Kern von Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig?

Die Suche nach dem Sinn des Lebens wird hier ebenso spitzzüngig wie rasant betrieben. Das Ergebnis ist ein Buch, das erstaunt; wegen seines stilistischen Mutes, wegen des enormen Qualitätsniveaus im üppigen Output von Dave Eggers und wegen der Wirkung, die dieses Werk noch lange nach dem Moment ausübt, in dem man es aus der Hand gelegt hat. Mit etwas Eile kann man Eure Väter, wo sind sie? Und die Propheten, leben sie ewig? in vier Stunden lesen – und doch steckt eine ganze Menge Aktualität, Philosophie, Relevanz und Dramatik in diesem Roman.

Bestes Zitat: „Du weißt nicht, wie es ist, ein Mann über dreißig zu sein, dem nie irgendetwas passiert ist. Du verbringst so viele Jahre mit dem Versuch, in Sicherheit zu bleiben, am Leben zu bleiben, irgendeinem unbekannten Horror zu entgehen. Und dann erkennst du, dass der Horror das Leben selbst ist. Das Nicht-Geschehen.“

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