Durchgelesen: David Finck – „Das Versteck“


Das Spiel mit Identitäten ist die treibende Kraft in "Das Versteck".

Das Spiel mit Identitäten ist die treibende Kraft in „Das Versteck“.

Autor David Finck
Titel Das Versteck
Verlag Schöffling
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Das Versteck, der Debütroman von David Finck, ist ein Buch über ganz besondere Beziehungen. Zu Arbeitskollegen, Kunden und Mandanten, zu Nachbarn und alten Studienfreunden, zu dem Menschen, den man liebt.

Die wichtigste Beziehung in diesem Buch ist allerdings die zwischen Bernhard Duder und seinem älteren Bruder Jonas. Bernhard ist die zentrale Figur in diesem Roman, er lebt als Anwalt in Leipzig und ist seit fünf Jahren in einer glücklichen Beziehung mit Gabriele. Sein älterer Bruder Jonas war immer sein bester Freund – und ein Vorbild, von dem er ahnte, dass er ihm nie ebenbürtig sein könnte. Doch am Tag, als Bernhard auf einer Party von Jonas mit Gabriele anbandelt, verschwindet der Bruder plötzlich spurlos.

Seitdem ist er wie vom Erdboden verschluckt, seit fünf Jahren. Für Bernhard allerdings bleibt er präsent, genauso wie das schlechte Gewissen, gespeist von dem Verdacht, dass vielleicht auch Jonas in Gabriele verliebt war und sich deshalb aus dem Staub gemacht hat. Schließlich hatten sich die beiden Brüder geschworen, sich niemals in die Quere zu kommen, wenn es um Frauen geht.

Der abwesende Jonas wird zu einem düsteren Alter Ego von Bernhard, er sucht ihn erst in seinen Träumen heim, dann wird er auch im täglichen Leben immer präsenter. „Stattdessen hatte er sich in seine Träume eingeschlichen und es sich neben dem Doppelbett bequem gemacht, von wo aus er Gabriele und Bernhard wie etwas betrachtete, das er vielleicht kaufen wollte. Unschlüssig hatte Jonas dreingeschaut. Und diese Unschlüssigkeit war das Entsetzliche“, heißt es an einer Stelle. Als Bernhard die Situation kaum noch ertragen kann, macht er sich auf die Suche nach Jonas.

David Finck, der 1978 in Düsseldorf geboren wurde und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig studiert hat (an manchen Stellen des Romans meint man zumindest als Einheimischer, geradezu eine Leuchtreklame: „Achtung, Leipzig!“ zu erkennen, dabei sind die Verweise auf Stadtteile, Parks und Straßennamen hier im Prinzip überflüssig), erzählte unlängst bei der Langen Leipziger Lesenacht, dass er mit 18 begonnen habe, an diesem Text zu arbeiten. Er hat also ein halbes Leben daran geschrieben, und die Akribie, die wohl ausschlaggebend für diese lange Dauer war, merkt man dem Roman auf erfreuliche Weise an. So gibt es viele skurrile Figuren, an erster Stelle Bernhard, der als denkbar dröge und vernünftig beschrieben wird, sich dann aber als höchst schlagfertig in den Dialogen und als beinahe abgründig erweist, je näher man ihn als Leser kennen lernt.

Auch die Konstruktion des Romans könnte kaum sorgfältiger sein, nicht zuletzt merkt man der Sprache ein hohes Maß an poetischer Verdichtung an. Das Versteck arbeitet mit sehr geschickt integrierten Rückblenden; fast unmerklich wechseln die Zeitebenen, die Orte und die Personen, deren Weg der Erzähler gerade begleitet. Immer wieder gibt es spontane, beinahe beiläufig wirkende Personalisierungen: Pfützen, die sich langweilen. Türen, die ihren Spaß haben. Qualm, der keinen Grund sieht, sich eilig zu verziehen. Diese Momente belegen nicht nur die sprachliche Fantasie von David Finck und seine exzellente Beobachtungsgabe, sondern sie verstärken auch das Unheimliche, das sich in diesem Buch nach und nach breit macht.

Denn je mehr für Bernhard zur Gewissheit wird, dass Jonas unmittelbar in seiner Nähe ist und jeden Moment wieder in sein Leben treten wird, desto weniger kann sich der Leser sicher sein, dass dieser Jonas überhaupt existiert. Bernhard – und auch etliche andere Charaktere – wirken bald nicht mehr zurechnungsfähig, als bewegten sie sich irgendwo zwischen Demenz und Schizophrenie. Genau in diesem Effekt liegt die größte Leistung von Das Versteck: Der Roman thematisiert die Dinge, aus denen man nicht ausbrechen, die man nicht abschütteln kann: Familie, Charakter, Wahrnehmung, Erinnerung. Und er hinterfragt auf sehr gewitzte Weise zentrale Kategorien, die wir für unumstößlich halten, die sich bei David Finck aber als äußerst brüchig erweisen: Wirklichkeit und Identität.

Bestes Zitat: „Bernhard wandte den Blick ab. Er hatte in den vergangenen fünf Jahren vergessen, dass Jonas niemals beabsichtigt hatte, sich vom Spiel des Lebens aufreiben zu lassen, sondern selbst Spieler war. Ging die Sonne auf, entzündete er eine Zigarette an ihr. Ging sie unter, zog er ein Feuerzeug aus der Hosentasche. Bernhard war das genaue Gegenteil. Er drehte am Morgen der Sonne den Rücken zu und überprüfte immer wieder, ob seine Bewegungen und die seines Schattens auch wirklich übereinstimmten. Am Abend ging er in die Knie, um zu finden, was er am Tag verloren hatte.“

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