Durchgelesen: David Wagner – „Leben“


Eine zweite Chance bekommt der Ich-Erzähler in "Leben".

Eine zweite Chance bekommt der Ich-Erzähler in „Leben“.

Autor David Wagner
Titel Leben
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Ein Geschenk, ein echtes, das diese Bezeichnung auch verdient, kann es nur ohne die Erwartung auf eine Gegenleistung geben, behauptet der französische Philosoph Jacques Derrida. Eine solche „Gabe“ in Reinform sei aber praktisch gar nicht möglich, meint er.

Der Ich-Erzähler in Leben kennt diese Theorie, doch er liefert den lebendigen Beweis, dass sie nicht stimmt. Denn er hat ein Geschenk ganz ohne Gegenleistung erhalten: eine Spenderleber. Ein neues Leben. Er weiß nicht, was er damit anfangen soll. Und er weiß erst recht nicht, ob er ein solch wertvolles Geschenk überhaupt verdient hat.

David Wagner macht aus dieser Situation in seinem 14. Buch, für das er kürzlich mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, eine poetische, rührende Reflexion über Hoffen und Bangen, über das, was zwischen Leben und Tod liegt.

Die Handlung, aufgeteilt in 277 Miniaturen, beginnt mit einer Notoperation. Der Ich-Erzähler leidet, wie Wagner, an Autoimmunhepatitis. Seine Leber wird von seinem eigenen Körper nach und nach zerstört. Eines Abends spuckt er Blut, landet im Krankenhaus und kann dem Tod gerade noch einmal von der Schippe springen. Besserung ist allerdings nicht in Sicht: Sein Zustand wird immer schlechter, bis sich durch das Spenderorgan die Möglichkeit einer nachhaltigen Genesung bietet.

Fast den gesamten Roman über liegt der namenlose und rund 40-jährige Ich-Erzähler im Krankenhaus. Er beschreibt die Routinen des Klinikalltags und erzählt die Leidensgeschichten, die ihm seine Zimmernachbarn ungefragt auf die Nase binden. Er schwelgt in Erinnerungen an unbeschwerte Zeiten und denkt gelegentlich an seine dreijährige Tochter. Und er geht noch einmal die Geschichte seiner eigenen Krankheit durch, die ihn mehr als sein halbes Leben begleitet und entsprechend geprägt hat. „Ich nehme meine Medikamente seit dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig Jahren, morgens, mittags und abends, und nehme die Medikamente gegen die Nebenwirkungen der Medikamente. Manchmal, bilde ich mir ein, kann ich die pharmakologische Symphonie meiner Medikamente in mir rauschen hören – wie die zusammenspielen, was für ein herrlicher Lärm“, heißt es an einer Stelle.

Leben profitiert enorm davon, mit welcher Detailgenauigkeit und Sachkenntnis hier die medizinische Seite der Handlung behandelt wird. Zwischendurch gibt es sogar Auszüge aus der Krankenakte, dazu Hintergründe zu Medikamenten oder zur historischen Entwicklung von Behandlungsmethoden.

Frappierend ist vor allem, wie authentisch das Leben als Krankenhauspatient beschrieben wird, das der Erzähler (und wohl auch der Autor) aus jahrelanger eigener Anschauung kennt. Die schmerzhafte Abkopplung von der Umwelt gehört dazu, die manchmal auch wie eine Befreiung von allen Sorgen des Alltags wirken kann. Und die kleinen Abweichungen von der Monotonie, die dann plötzlich zu etwas Besonderem werden: die Berührung durch eine Schwester, eine uralte Zeitschrift, die sich im Fensterbrett findet, der Baum vor dem Fenster, der ein bisschen Abwechslung bietet. All das erscheint ihm auch dann „wie absurdes Theater“, wenn er längst nicht mehr unter den bewusstseinsverändernden Nachwirkungen einer Narkose leidet.

Die Beschreibung von Orten und Routen, auf die David Wagner in Leben immer wieder setzt, bildet einen eindrucksvollen Kontrast dazu. Alle Wege, selbst für banale Besorgungen, beschreibt der Erzähler ganz genau, mit Straßennamen und dem Hinweis auf Brücken oder Büdchen am Straßenrand. Einerseits ist das natürlich eindeutig Kompensation dafür, dass sein Lebensraum nun wochenlang auf die Größe eines Bettes beschränkt ist. Andererseits steckt darin womöglich die Botschaft: Es geht nicht nur um das Ziel, sondern auch um den Vorgang des Hingelangens. Dieser Gedanke schimmert, gepaart mit einer guten Dosis Zweifel, auch dann durch, wenn der Erzähler in seiner Fantasie viele seiner Fernreisen noch einmal durchmacht: War das alles eitel, verschwendete Zeit? Oder war es der Sinn, der Inhalt seines Lebens?

Diese existenzielle Frage wird in David Wagners Buch auch ganz explizit gestellt. Leben hat formal ein paar Überraschungen zu bieten (es gibt nach etwa einem Drittel plötzlich eine Sammlung skurriler Todesfälle, später eine halbe Seite lang immer bloß den ständig wiederholten Satz „Ich warte.“, schließlich ausführliche Betrachtungen über Schlafmangel im Kapitel Die müde Giraffe). Aber sein eigentlicher Wert liegt in der philosophischen Ebene.

Zwei Fragen stehen dabei besonders im Zentrum. Die erste ist das Problem der Identität. Der Körper wird in diesem Buch zur Sache, fremd, ein Versuchsfeld – nicht nur für die Ärzte, sondern auch für den Erzähler selbst. Er zweifelt an seinem Ich, auch wegen der Wirkstoffe der Tabletten, die ihn seit Jahren am Leben erhalten. „Bin ich der, der ich bin, überhaupt nur durch die schleichende Vergiftung? (…) Bin ich der, der ich zu sein glaube, nur durch die Medikamente? (…) Sind mein Fühlen, meine Wahrnehmung, chemisch induziert? Bin ich vielleicht gar nicht der Mensch, der ich zu sein glaube, weil die Medikamente, die ich schon so lange, seit so vielen Jahren nehme, mich zu einem anderen machen? Ist das, was ich fühle und zu sein glaube, nur das Ergebnis einer Krankheit? Ein Krankheitszustand?“

Noch akuter, bohrender wird dieser Zweifel nach der Organtransplantation. Wer ist der Spender? Wie viel von ihm lebt jetzt in mir? Bin ich dadurch ein anderer? Natürlich kann es auf diese Fragen keine Antworten geben, und zur Ungewissheit des Erzählers kommen nagende Schuldgefühle. Ein anderer ist gestorben, nur deshalb kann ich leben – diese Konstellation ist emotional kaum zu bewältigen und stürzt ihn in eine tiefe Sinnkrise.

Die Sorge, er könne das neue Leben nicht verdient haben, wird verstärkt dadurch, dass der Erzähler schon immer Todesfantasien hatte, vor allem in der Pubertät. „Ich erinnere mich aber, dass ich damals lieber tot sein wollte als lebendig, weil ich mir das Totsein viel leichter vorstellen konnte als das Leben, dieses Leben, das vielleicht, vielleicht aber auch nicht, noch vor mir lag. Ich hatte ja keine Ahnung, was ich damit anfangen sollte. Und wo. Und mit wem. So viele, viel zu viele Möglichkeiten. Ich konnte mir viel leichter vorstellen, nicht mehr dazusein, als irgendetwas zu werden. Zu leben ist ja viel komplizierter, als tot zu sein.“

Spätestens damit wird die zweite zentrale Frage des Buches klar: Was ist Leben? Was macht es aus? Worin besteht sein Wert? Womit haben wir es verdient? Auch darauf findet der Erzähler, welch Wunder, keine Antwort. Dafür entwickelt er zumindest eine Ahnung dafür, was sein eigentliches Problem sein könnte: Es ist letztlich dasselbe öde Leben, mit all seinen Problemen, Sorgen, Enttäuschungen und Ungewissheiten, das ihn erwartet – auch nach der Transplantation.

Daraus erwächst für den Leser auch die Erkenntnis und Mahnung: Das Leben bekommt man geschenkt. Ungefragt, unvorbereitet, ohne die Möglichkeit, sich dafür zu bedanken oder die Annahme des Geschenks zu verweigern. Das Leben kann ganz schnell vorbei sein, und wenn es soweit ist, sollte man besser etwas Sinnvolles damit angestellt haben. Das gilt für die zweite Chance, die man vielleicht durch eine Spenderleber bekommt. Es gilt aber auch schon für die erste Chance, die für jeden von uns mit der Geburt beginnt.

Bestes Zitat: „Dabei müsste ich doch so dankbar sein, unendlich dankbar. Ich müsste so dankbar sein, wie es dankbarer nicht geht. Das Problem mit der Dankbarkeit, die ich eigentlich empfinden müsste: Sie müsste viel, viel größer sein.“

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