Durchgelesen: Edith Wharton – „Dämmerschlaf“


Autor Edith Wharton

"Dämmerschlaf" wird ein satirischer Blick auf die High Society von New York.

„Dämmerschlaf“ wird ein satirischer Blick auf die High Society von New York.

Titel Dämmerschlaf
Originaltitel Twilight Sleep
Verlag Manesse
Erscheinungsjahr 1927
Bewertung

Man kann mit Fug und Recht fragen, warum ein amerikanischer Verlag 1996 auf die Idee gekommen ist, dieses bereits 1927 erschienene Buch neu aufzulegen, und warum es noch einmal 17 Jahre später eine deutsche (und sehr gelungene) Neuübersetzung erfahren musste. Die Antwort ist ganz einfach: Dämmerschlaf ist hoch aktuell.

Die Oberen Zehntausend (diesen deutschen Titel bekam Edith Whartons Roman verpasst, als er 1931 erstmals hierzulande erschien) stehen im Mittelpunkt dieses Buches, ihre Dekadenz, ihre Spleens und vor allem ihre Weigerung, die Probleme der Welt an sich heranzulassen. „Er lebte unter Menschen, die Golf für ein Universalheilmittel hielten, und in einer Welt, die an Universalheilmittel glaubte“, heißt es treffend über eine der Figuren. Wie groß die Parallelen zwischen den Roaring Twenties und heute sind, von der Faszination für alten Adel über Schönheitschirurgie-Wahn und Selbstoptimierungs-Trieb bis hin zum verzweifelten Versuch, politische Ignoranz durch Wohltätigkeit wettzumachen, ist mehr als frappierend.

Eine echte Hauptfigur lässt sich in Dämmerschlaf nicht ausmachen, aber im Mittelpunkt steht Pauline Manford, eine umtriebige Dame in der besten New Yorker Gesellschaft der 1920er Jahre. Jim, ihr Sohn aus erster Ehe, ist gerade dabei, sich von seiner bildhübschen Ehefrau das Herz brechen zu lassen. Nona, ihre Tochter aus zweiter Ehe, ist unglücklich in ihren Cousin verliebt. Und dann droht noch ein Skandal wegen eines mysteriösen Mahatmas, den sich Pauline als spirituellen Ratgeber gesucht hat.

Formal hingegen ist Dämmerschlaf keineswegs zeitgemäß. Die Sprache hat einen wunderbar altmodischen Klang, der das Buch wie eine Antiquität aus einer eleganteren, kultivierteren Welt erscheinen lässt. Nicht nur zeitlich betrachtet ist der Roman nahe am zwei Jahre zuvor erschienen Großen Gatsby, es wird ein schillernder Einblick in die Epoche des Jazz Age, voller Kunsthandwerk, Bonmots und Moden. Die neue deutsche Ausgabe sieht sich sogar bemüßigt, einige der heute weniger geläufigen Begriffe in Fußnoten zu erklären, was aber eher ärgerlich ist, wenn man feststellen muss, dass der Verlag dem Leser nicht mal zutraut, die Kapetinger zu kennen oder Iphigenie.

Der Ansatz des Romans ist ein immer geistreicher und oft satirischer Blick hinter die Fassade der High Society, aus der Edith Wharton bekanntermaßen selbst stammt, und die sie auch in früheren Büchern wie The Age Of Innocence betrachtet hatte. Selbst nach der Hälfte des Romans ist noch keine eindeutige Hauptfigur zu erkennen, auch kein klarer Plot. Dafür gibt es eine Rastlosigkeit, die zum Naturell der Protagonisten passt. Dämmerschlaf ist wie seine Figuren: hin- und hergerissen, sich sehnend nach einer alten Zeit, fasziniert von der neuen und, vor allem, im höchsten Maße stilvoll.

Alle wichtigen Protagonisten sind Schwärmer. Sie alle sind erfüllt von Lebenslügen, vom krampfhaften Glauben an die eigenen Wunschvorstellungen, von Illusionen, die stark genug sein sollen, die Realität zu bezwingen. Ausgerechnet die 19-jährige Nona ist die einzig halbwegs vernünftige Figur, doch auch sie ist – gerade deshalb – überfordert. „All diese verwickelten, unlösbar und schicksalhaft verwobenen, sich kreuzenden Fäden des Lebens – wie sollten die Hände eines Mädchens sie entwirren?“, umreißt Edith Wharton an einer Stelle ihre Situation. Später erkennt Nona: „Ich glaube, ich weiß ganz genau, wie man sich heutzutage gemein verhält. Ich wollte nur, ich wüsste auch, wie man sich anständig verhält…“ Die andere Frauen (und meist auch die Männer) in Dämmerschlaf sind von Sinnen und werden von der Autorin fast mit Abscheu gezeichnet.

Wharton war damals schon ein Star im Literaturgeschäft, 65 Jahre alt, Pulitzer-Preisträgerin und die erste Frau, die eine Ehrendoktorwürde der Universität Yale erhalten hatte. Als sie mit Dämmerschlaf der Upper Class von New York den Spiegel vorhielt, lebte sie allerdings schon seit fast 15 Jahren in Frankreich. Im Nachwort schreibt Verena Lueken, Kulturredakteurin bei der FAZ, über die Intention Edith Wartons für diesen Roman: „Ihr Zorn richtet sich nicht mehr gegen die Unterdrückung der Glücksmöglichkeiten, nicht mehr gegen repressive Verhältnisse, in denen vor allem die Frauen gefangen sind. Ihr Zorn richtet sich gegen eine Gesellschaft, in der die sofortige Befriedigung jedweden Bedürfnisses oberstes Ziel ist, eine Gesellschaft, die keine Empathie kennt, weil sie das Leiden verleugnet, eine Gesellschaft ohne Gedächtnis, aber mit jeder Menge hygienischer Armaturen.“

Formvollendet zeigt Wharton in diesem Roman, wie aufreibend sich das Nichtstun anfühlen kann, wenn man genug Geld hat, um keiner echten Beschäftigung nachgehen zu müssen. Neben etlichen Seitenhieben auf die Welt, aus der sie kommt (und die in ihrer Blasiertheit offensichtlich noch nicht einmal bemerkt hat, dass gerade ein Weltkrieg stattgefunden hat), lebt Dämmerschlaf (der Titel bezeichnet eine in Deutschland entwickelte und damals gerade in Mode kommende Methode, Frauen mittels reichlich Betäubungsmitteln eine schmerzfreie Geburt zu ermöglichen) auch von einer nervösen Spannung. Jede Partei hat ihre Geheimnisse, die auch für den Leser undurchschaubar bleiben. Entscheidende Szenen und Dialoge werden gerne übersprungen und erst, wenn überhaupt, im Rückblick erzählt, so dass auch der Leser sie nur durch den Filter eines der Beteiligten erfahren kann. Wenn sie dann berichtet werden, sind sie nicht mehr Empirie, sondern Verklärung. Auch darin zeigt sich die Weigerung dieser Figuren, einem Konflikt tatsächlich zu begegnen, einem Problem in die Augen zu schauen.

Bestes Zitat: „Wäre es an Pauline gewesen, das Leben zu systematisieren, hätte sie mit dem menschlichen Herzen angefangen und es in Serie hergestellt, ein jedes gleich, und nicht solche unsystematischen, wunderlichen, dilettantischen Gebilde wachsen lassen, auf die kein Verlass war und die man nicht mehr in Gang brachte, wenn etwas schiefging.“

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