Durchgelesen: „Einsichten. Diktatur und Widerstand in der DDR“


Herausgeber Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland

Einsichten. Diktatur und Widerstand in der DDR Kritik Rezension

Dem Kampf gegen das SED-Regime widmet sich „Einsichten“.

Titel Einsichten. Diktatur und Widerstand in der DDR
Verlag Reclam Leipzig
Erscheinungsjahr 2001
Bewertung

Man könnte das Zeitgeschichtliche Forum für ein Museum zur deutsch-deutschen Geschichte halten. Schließlich ist die Einrichtung, 1999 in Leipzig eröffnet und getragen von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, so etwas wie der ostdeutsche Ableger des Bonner Stammsitzes. Und die Themen der jüngeren Ausstellungen deuten ebenfalls in diese Richtung. So wurde etwa der Wandel der Sexualmoral hierzulande behandelt, unter dem Titel „Wir gegen uns“ ging es um sportliche Duelle, auch die Geschichte von „Jugend und Musik in Deutschland“ wurde zuletzt präsentiert.

Was dabei leicht in Vergessenheit gerät, macht Einsichten. Diktatur und Widerstand in der DDR deutlich: Das Buch liefert nicht nur Ausschnitte aus der Geschichte der DDR und der deutsch-deutschen Zeitgeschichte, sondern ist auch so etwas wie ein Programm für die Arbeit des Museums selbst. Chronologisch und mit vielen Bildern der Exponate wird in 16 Kapiteln von fünf Autorinnen und Autoren die Geschichte von Diktatur, Widerstand und Oppositionsbewegung in der DDR erzählt. Und dabei wird klar: Das Zeitgeschichtliche Forum ist gegenüber seinem Thema keineswegs neutral, sondern hat einen eindeutigen Auftrag. Es wendet sich gegen Ostalgie, Verklärung und Vergessen. Die DDR darf in diesem Haus (und diesem Buch) nur als Problem betrachtet werden, keineswegs als etwas Selbstverständliches oder gar Begrüßenswertes.

Das dürfte für die meisten ostdeutschen Leser ein wenig befremdlich wirken. Bedingt durch die Perspektive, die eben nur den Widerstand gegen das Regime und nur dessen Zwangsmaßnahmen in den Blick nimmt, entsteht im Buch ein Bild der DDR, das extrem ist und sich mit der Lebenswirklichkeit der meisten DDR-Bürger kaum decken dürfte. Dass es in diesem Staat auch Akzeptanz gab, Pragmatismus, sogar Zustimmung – vor allem aber Alltag, in dem Widerstand für ganz viele Menschen kaum eine Rolle spielte und wohl nur die wenigsten für die politische und wirtschaftliche Unzufriedenheit im Land das Wort „Unterdrückung“ benutzt hätten – dieser Aspekt fehlt in den Einsichten.

Dahinter steht das erklärte Ziel, die Legitimität der DDR und vor allem der SED-Regierung nicht anzuerkennen, auch und gerade nicht im historischen Rückblick. Dieses Land und solche Lebensumstände hätte es am besten gar nicht geben dürfen, lautet die Botschaft. Keinesfalls soll jemand auf die Idee kommen, dieser Zeit nachzutrauern oder sie zu verharmlosen – das ist schließlich der explizite Auftrag des Zeitgeschichtlichen Forums. So ehrenhaft und notwendig die wissenschaftliche Aufbereitung ist, entsteht dabei allerdings auch die Gefahr, mit der Legitimität des Staates auch die Legitimität einzelner Biographien infrage zu stellen. Wer in der DDR lebte und mit Widerstand und Opposition, aus welchen Gründen auch immer, nichts zu tun hatte, wird sein Land in diesem Buch womöglich kaum wiedererkennen. Vor allem aber könnte solch ein Leser den Eindruck gewinnen, sich in einem von Repression und Überwachung geprägten System falsch verhalten zu haben.

An manchen Stellen lesen sich die Aufsätze wie verordneter bundesdeutscher Patriotismus, manchmal könnte man den Einsichten auch vorwerfen, eine Geschichte der Sieger zu sein. Das zeigt sich etwa in der Passage über die Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg – also ausgerechnet bei einem Thema, dessen Inhalt (Aufarbeitung und politische Erziehung, um das Wiederentstehen eines Terror-Regimes zu verhindern) dem Zeitgeschichtlichen Forum besonders am Herzen liegen sollte.

„Der Bundesrepublik warf [die DDR-Regierung] vor, in ihr lebe der Nationalsozialismus fort, und griff Beamte, Politiker und Militärs wegen deren Funktion und Tätigkeit im ‚Dritten Reich’ an. Doch auch in der DDR kamen ehemalige Mitglieder der NSDAP zu Ämtern und Ansehen“, heißt es da. Als Beispiele werden dann korrekterweise der erste Präsident des Obersten Gerichts der DDR, ein Volkskammerabgeordneter und ein Mitglied des Staatsrats angeführt. Was fehlt, ist der entscheidende Hinweis, dass der Vorwurf einer unzureichenden Entnazifizierung im Westen Deutschlands vollkommen zutreffend war.

In der sowjetischen Besatzungszone wurde die Entnazifizierung nachweislich härter und schneller durchgeführt als beispielsweise in der amerikanischen Besatzungszone, wo das Engagement in dieser Hinsicht ursprünglich zwar immerhin größer war als in den von Briten und Franzosen besetzten Regionen, aber letztlich dennoch nur ein Prozent der ursprünglich Beschuldigten tatsächliche Strafen oder dauerhafte Nachteile hinnehmen mussten. Auch die personellen Kontinuitäten in Spitzenämtern von Politik, Verwaltung, Justiz, Wirtschaft und Militär waren im Westen Deutschlands deutlich größer, nicht zuletzt wurde dort die Idee der „Rehabilitierung“ weitaus großzügiger umgesetzt. Solche Versäumnisse sind nicht nur ärgerlich, sondern stehen – sollten es keine Versäumnisse sein – einer Institution auch nicht gut zu Gesicht, die sich unter anderem mit der perfiden Wirkung von Propaganda beschäftigt.

Davon abgesehen ist das Buch ein sehr hilfreiches Nachschlagewerk. Die Mechanismen von Bespitzelung, Willkür und Terror gegen Oppositionelle werden ebenso nachgezeichnet wie die Strategien im Widerstand, inklusive Anknüpfungspunkten etwa zur Umweltbewegung, den Kirchen, Unterstützern aus der Bundesrepublik oder anderen Oppositionsbewegungen im Ostblock. Einsichten zur Frage „Wie war die DDR?“, wie sie das Zeitgeschichtliche Forum in seinen Ausstellungen immer wieder auf sehr gelungene Weise bietet, liefert dieses Buch nur in einem sehr kleinen Ausschnitt. Zur Geschichte einer mutigen Minderheit bietet es aber viel eindrucksvolles Material.

Bestes Zitat: „Der Weg in die Opposition und in den Widerstand konnte sehr unterschiedlich ausfallen, doch eines war allen Oppositionellen und Widerständlern gemein: das persönliche Risiko und die Gefährdung nicht nur des eigenen Lebens, sondern auch von Familienangehörigen und Freunden. Persönliches Leben und Lebensumfeld von Menschen wird nicht dadurch abgewertet, dass es sich in einer Diktatur abspielte.“

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