Durchgelesen: Ernst Peter Fischer – „Die Verzauberung der Welt“


Autor Ernst Peter Fischer

Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften erzählt Ernst Peter Fischer in seinem Buch.

Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften erzählt Ernst Peter Fischer in seinem Buch.

Titel Die Verzauberung der Welt
Verlag Siedler
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Die Verzauberung der Welt ist, man kann es nicht anders sagen, ein nervtötendes Buch. Der erste Grund dafür: Ernst Peter Fischer (Autor von Bestsellern wie Die andere Bildung oder der Max-Planck-Biographie Der Physiker) vertritt in seinem neuen Werk nur eine einzige These. Sie lautet: Das Wesen der Wissenschaften ist es nicht, endgültige Antworten zu liefern, sondern vielmehr, immer neue Fragen aufzuwerfen. „Die nächste Frage stellt sich immer. Es gibt kein Ende des Wunderns. Darum geht es in diesem Buch“, stellt er zu Beginn klar. „Nicht nur die Phänomene der Natur stecken voller Geheimnisse, sondern auch die Erklärungen, die von den Naturwissenschaften dazu vorgelegt werden.“

Deshalb bezeichnet er sein Buch im Untertitel als Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften. Deshalb widerspricht er im Titel der „Entzauberung der Welt“, die Max Weber 1919 in Wissenschaft als Beruf postuliert hat und die später auch Horkheimer und Adorno in der Dialektik der Aufklärung aufgriffen. „Von einer möglichen Entzauberung der Welt kann wahrlich keine Rede sein. Tatsächlich darf das genaue Gegenteil behauptet werden, dass nämlich der wissenschaftliche Zugriff einen besonderen Beitrag zur Verzauberung der uns zugänglichen Welt liefert. Sie zeigt den Menschen, wie viele Geheimnisse im Wirklichen stecken“, stellt Fischer fest.

Der zweite Grund, der diese gut 300 Seiten so anstrengend macht, ist die Penetranz, mit der Fischer seine These wiederholt. Es gibt reichlich Redundanzen in diesem Buch, und auch die nach jedem Kapitel erfolgenden Exkurse des Autors, so interessant sie gelegentlich sein mögen, tragen nicht gerade zur Stringenz von Die Verzauberung der Welt bei. Fischer gelingt es mitunter, wunderbare, sogar poetische Formen für sein Anliegen zu finden. Die großen Fragen der Physik, Chemie, Mathematik und Biologie (drei dieser vier Disziplinen hat Fischer studiert und als Beispiele diskutiert er hier etwa: Was ist Schwerkraft? Was ist Zeit? Was ist Licht?) haben seiner Ansicht nach „keine Lösung, sondern nur eine Geschichte, die sich ständig erneuert“. Aber irgendwann hat man als Leser genug davon, sich im Kreis zu drehen und auf die immer gleiche Mahnung zu stoßen.

Der dritte und entscheidende Grund, der Die Verzauberung der Welt so grässlich macht, ist die Mentalität, aus der heraus dieses Buch offensichtlich geschrieben ist. Fischer wirkt von Anfang an wie ein Klugscheißer. Schon auf der ersten Seite gibt es Medienschelte (die Wissenschaft entzaubert gar nicht so viel wie die Medien behaupten; in der Berichterstattung wird viel zu oft verschwiegen, dass Fragen offen bleiben oder neu aufgeworfen werden, wenn man Antworten findet), auf der zweiten Seite des Buchs kriegen die Schulen ihr Fett weg (die Wissenschaft ist viel mysteriöser als es in der Schule gelehrt wird). Und gerade, wenn der Autor später bei der Betrachtung einzelner physikalischer, mathematischer oder chemischer Phänomene bestimmte Aspekte auslässt, überspringt oder nur andenkt, scheint die Botschaft mitzuschwingen: Ich weiß das zwar alles, aber für dich und dein bescheidenes Laien-Niveau ist das zu hoch oder tut nichts zur Sache.

Gelegentlich meint man dem Buch, das seltsamerweise gerade für den „NDR Kultur Sachbuchpreis“ nominiert wurde, zudem eine Verbitterung zu entnehmen, die so gar nicht zum schwärmerischen Staunen passen will, das Fischer hier propagiert. Er kritisiert beispielsweise „besserwisserisches Herumgerate“, wenn es um Lösungen für das MINT-Nachwuchsproblem geht. Er wundert sich gar, „warum es – mit der einen Ausnahme von Albert Einstein – Wissenschaftlern nicht einmal im Ansatz gelingt, den öffentlichen Bekanntheitsgrad zu erreichen, der für Künstler (Schriftsteller, Maler, Musiker, Schauspieler) selbstverständlich ist“ – in völliger Verkennung der Tatsache, dass sowohl die Produktion als auch die Rezeption von Kunst ganz anders funktioniert als die von Wissenschaft, dass sie schlicht und ergreifend unterschiedlichen Logiken unterliegen.

Genau in dieser Attitüde liegt das Kernproblem von Die Verzauberung der Welt: Fischer hat immer die Perspektive des Forschers; es fällt ihm unendlich schwer, die Perspektive des Publikums (oder erst recht: die Perspektive des Laien oder gar des Banausen) einzunehmen. „Warum das Publikum sich Unsinn gefallen lässt, nur wenn eine als prominent eingestufte Person ihn in populären Talkshows von sich gibt, wundert mich schon länger. Kann mir jemand Auskunft geben – außer der, dass Unmündigkeit so bequem ist?“, fragt er sich an einer Stelle. Die Frage ist berechtigt, aber Fischer leugnet offensichtlich, dass auch die Perspektive des von ihm gescholtenen Publikums legitim ist: Die Menschen dürfen das Prominente und Populäre wünschen, sie dürfen sogar unmündig und bequem sein, wenn sie das wollen. Genau diese Freiheit passt wohl nicht in sein Weltbild, erst recht nicht der Befund, dass das Interesse der Menschen an Bequemlichkeit (derzeit) womöglich stärker ist als ihr Forscherdrang, ihre Neugier auf die Phänomene der Welt und deren Ursachen. Das kann man bedauern, aber man muss es zumindest akzeptieren. Und man muss vielleicht hinterfragen, ob nicht nur die bösen Medien, die unfähigen Schulen und die trägen Menschen zu dieser Situation beigetragen haben, sondern auch die Wissenschaft selbst. Offensichtlich gelingt es ihr nicht, ihre Themen als faszinierend, verständlich und relevant (und dabei vollständig und wahrhaftig) zu vermitteln.

Ausgerechnet Fischer, einer der renommiertesten Vertreter der populären Wissenschaft in Deutschland, schafft es nicht, das erste Axiom seiner Argumentation zu hinterfragen. Dass Wissenschaft wichtig und interessant ist, gilt bei ihm als gesetzt. Dass es vielleicht Menschen gibt, die das anders sehen, kommt ihm nicht in den Sinn. Sein Anliegen, für die Faszination der Wissenschaft zu werben, ihre Relevanz und Aktualität deutlich zu machen, ist natürlich im höchsten Maße unterstützenswert. Aber dabei gilt es, die Menschen abzuholen wo sie sind. Und nicht zu erwarten (und genau das scheint Fischer zu tun), dass sie ehrfürchtig von selbst kommen.

Diese Position ist auch deshalb so ärgerlich, weil sie eine politische Dimension hat. „Wissenschaft beginnt immer noch mit rätselhaften Erscheinungen der Natur, aber sie wandelt sie nicht mehr in verständliche Antworten um, sondern in solche, die noch rätselhafter sind als das Ausgangsphänomen. (…) Eine von der Wissenschaft gegebene Antwort ist dann gut, wenn sie den Fragenden ein Rätsel liefert oder Gedankenspiel eröffnet, mit dem sie sich anschließend selbst weiter beschäftigen können“, schreibt Fischer treffend. Er betont damit die elementare Funktion von Wissenschaft, kritisches Denken, Neugier und Kreativität anzuregen, aber er negiert den Anspruch derjenigen, die außerhalb der Wissenschaft stehen und vielleicht weiterhin so etwas wie Ergebnisse, Antworten und handfesten Fortschritt von ihr erwarten.

Das ist nicht nur der alte Streit zwischen Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung. In Fischers Logik wird die – wohlgemerkt: in den meisten Fällen aus öffentlichen Geldern finanzierte – Wissenschaft zum Selbstzweck, zu einer Spirale, in der es kein außen mehr gibt. Die Tätigkeit, die Methoden, die Kreativität der Wissenschaft werden höher gewichtet als die Ergebnisse. Würde man dies gelten lassen, gäbe es keine Möglichkeit mehr, von außen Schwerpunkte zu setzen, Kontrolle auszuüben, den Wert (und damit die Budgets) der Wissenschaft mit dem Wert anderer gesellschaftlicher Anliegen in Konkurrenz zu setzen. Zumal man, bösartig formuliert, sein Buch angesichts der ständigen Verweise auf das noch Unerklärliche und Rätselhafte auch als eine erschreckend dürftige Leistungsbilanz der Naturwissenschaften in den vergangenen 400 Jahren lesen könnte.

Passend dazu wirkt Fischers Buch immer wieder so, als sollten Laien die von ihm beschriebenen Erkenntnisse der Naturwissenschaften nicht so sehr verstehen oder gar bewerten, sondern in erster Linie bestaunen. Eklatant wird das, wenn er sich gegen Ende von Die Verzauberung der Welt einen Beruf des „Wissenschaftskritikers“ wünscht, ähnlich einem Literaturkritiker. „Wissenschaftskritiker sollen die Wissenschaft so wertschätzen und lieben wie Literaturkritiker die Literatur“, verlangt er – auch hier werden die unterschiedlichen Funktionsweisen der unterschiedlichen Sphären ignoriert, auch hier wird Fundamentalkritik (beispielsweise die These: Wir brauchen keine Wissenschaft. Oder auch nur: Wir sollten nicht so viel Geld für Forschung ausgeben.) a priori ausgeschlossen.

Die Kehrseite dieser Attitüde von Engagement und Agitation – und damit sind wir bei den positiven Seiten dieses Buchs – ist die Leidenschaft, mit der Fischer seine These vertritt. Es ist durchaus mutig, wenn ein Naturwissenschaftler immer wieder von „Verzauberung“, „Verzückung“ oder „Mysterium“ schwärmt, und es ist ungemein wohltuend, wie mutig und mit welch weitem Horizont Fischer dabei versucht, neue Schnittmengen und – um mit dem hier in mehrfacher Weise passenden Goethe zu sprechen – „Wahlverwandtschaften“ aufzuzeigen. „Wer Geheimnisse liebt und sich ihrer Dunkelheit öffnet, zeigt seine romantische Ader, und zu den Überzeugungen des Autors und den Thesen dieses Buches gehört die Behauptung, dass die Naturwissenschaften ihren Lebenssaft und ihre Qualität nicht zuletzt aus dieser Blutversorgung beziehen, selbst wenn das vielen abwegig erscheinen mag“, schreibt er beispielsweise.

Verstehen geht über das Messen und Berechnen von Daten, das Bilden von Formeln und das Entwickeln von Theorien hinaus, lautet sein Appell. Zu den spannendsten Passagen gehören die Verweise, in denen Fischer aufzeigt, wie Geisteswissenschaften und Kunst (er nennt mehrfach die Epoche der Romantik, ein Kapitel trägt gar den Titel Die romantische Dimension) das naturwissenschaftliche Denken beeinflusst und manche Ideen, Theorien und Entdeckungen überhaupt erst möglich gemacht haben. Erstaunliche Verbindungen zwischen Novalis und Max Planck, zwischen Einstein und Picasso gehören zu den wichtigen Erkenntnissen, die man aus diesem Buch ziehen kann. Nicht zuletzt ist Die Verzauberung der Welt ein wunderbares Panoptikum, auch für Laien: Wenn Fischer gekonnt erklärt, wie komplex unsere Welt organisiert ist, kann man das sich während der Lektüre einstellende Gefühl durchaus „erhaben“ nennen.

Freilich gibt es auch hier ein paar Defizite. Manchmal zeigt der Autor ein seltsames Verständnis von Geisteswissenschaften, wenn er sie mit Literatur gleichsetzt oder ihr Denken in deren Nähe rückt – als seien die Methoden der Geisteswissenschaften näher an der Kunst als an denen der Naturwissenschaft. Nicht zuletzt schießt er mit seinem Plädoyer für das Magische, Märchenhafte, Poetische übers Ziel hinaus. Diese Elemente können in der Wissenschaftskommunikation gelegentlich gute Dienste leisten, wie er richtig anmerkt, aber sie haben in der Wissenschaft selbst, in ihren Arbeitsweisen und Ergebnissen, nichts zu suchen. Wollte Wissenschaft tatsächlich „verzaubert“ und „magisch“ sein, verlöre sie ihre Stärke und ihr Alleinstellungsmerkmal, nämlich die Basierung auf Evidenz. Sie verlöre auch das, was in einer Welt voller Spindoctors, Marketing und verfälschter Statistiken so dringend nötig ist: nämlich einen klaren Blick auf Fakten, der einen klaren Blick auf Unsicherheiten und Methoden mit einschließt.

Bestes Zitat: „Eine bessere Welt wird möglich, wenn sich Menschen daran erinnern, dass es zu jeder Ansicht eine andere gibt, die ihr auf Augenhöhe widerspricht und damit ebenso Gültigkeit beanspruchen kann. Die bessere Welt ist die Welt des Dialogs von komplementären Gegenübern – und Kunst und Wissenschaft gehören dazu.“

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