Eva Ludwig und Melanie Kabus – „Sepp Herberger und das Wunder von Bern“


Autorinnen Eva Ludwig und Melanie Kabus

„Sepp Herberger und das Wunder von Bern“ ist ein gut recherchierter und unterhaltsamer Tatsachenroman.

Titel Sepp Herberger und das Wunder von Bern
Verlag Wissner
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung

Obwohl die Autorinnen nach eigenem Bekunden nichts von dem Film wussten, erscheint pünktlich zum Kinoerlebnis „Das Wunder von Bern“ auch ein Tatsachenroman, der das Leben von Sepp Herberger erzählt. Gut recherchiert und handwerklich gelungen (also wohl ganz im Sinne Herbergers) zeigt das Werk einen Mann, für den Fußball alles war.

Schon in der Kindheit in Mannheim, als der kleine Sepp noch mit dem Gedanken spielte, Lehrer zu werden. Auch in der Hochzeitsnacht, die Sepp Herberger und seine Frau Eva im Zug auf der Fahrt zu einem Spiel verbrachten. Und schließlich im Alter, als der längst pensioniere Herberger einer Herzattacke erlag, während er ein Länderspiel gegen Nordirland verfolgte.

Ganze Jahrzehnte im Leben des Trainers werden zwar übersprungen, doch „Sepp Herberger und das Wunder von Bern“ lässt auch die dunklen Seiten der Biographie nicht aus. „Für ihn war Fußball größer als alles, sogar größer als Politik“, erkennen die Autorinnen ganz richtig. Das hatte zur Folge, dass Herberger NSDAP-Mitglied wurde und sich ab 1936 als Reichstrainer von den Nazis einspannen ließ. Aber auch, dass er sogar Urkunden fälschte, um seine Spieler im Zweiten Weltkrieg vor dem Fronteinsatz zu bewahren.

Herbergers zwiespältige Rolle in dieser Zeit und die schwierige Arbeit des Wiederaufbaus nach Kriegsende sind die spannendsten Kapitel des Buches und machen die menschliche, sportliche und politische Bedeutung des späteren WM-Triumphes von Bern noch deutlicher.

Daneben liefert das Buch zeitgenössiche Quellen wie Zeitungsartikel oder Notizen Herbergers und reichlich Details rund um die Nationalelf. Wer weiß schon noch, dass Deutschland in der Qualifikation für die WM auch gegen das damals noch unabhängige Saarland antreten musste? Oder dass Herberger am Tag des Endspiels einen Autounfall hatte, als er den Rasen im Wankdorfstadion begutachten wollte?

Die Spielszenen sind etwas zu poetisch geschildert, dafür überzeugen die Autorinnen aber mit erstaunlich guten psychologischen Kenntnissen. Das wird besonders bei den Passagen über Fritz Walter, den zweiten Star des Buches, deutlich. Wie er in Kriegsgefangenschaft Holzkohle essen muss, um als Franzose zu gelten oder wie er seine Sensibilität von einer Schwäche zu einer Stärke macht, zeigt, dass die Autorinnen nachvollziehen können, was in einem Fußballspieler vorgeht, und dass sie wissen, wie eine Fußballmannschaft funktioniert. Somit wird ihr Tatsachenroman zu einer kurzweiligen Lektüre und kann als gelungene Ergänzung zum Film gelten.

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