Durchgelesen: Fjodor M. Dostojewski – „Der Idiot“ 3


Ein Dutzend Figuren – und Dostojewski blickt jeder von ihr in ihr Innerstes.

Autor Fjodor M. Dostojewksi
Titel Der Idiot
Verlag Komet
Erscheinungsjahr 1868
Bewertung ****

Am beeindruckensten sind der Fleiß, die Disziplin und die Konzentration, die Dostojewski in dieses Werk gesteckt hat. Das Figurenensemble ist ungeheuer komplex und durchdacht. Drei Dutzend Leute treten auf, und fast jeder einzelne davon ist ganz genau ausgestaltet, unverwechsel- und unverzichtbar.

Noch komplizierter ist das Geflecht von Intrigen, in das sie alle verwickelt sind. „Der Idiot“ ist dabei der einzige, der immer ehrlich ist, eben deshalb halten ihn die anderen für einen Idioten. Er wehrt sich vergebens gegen ihre Attacken und scheitert schließlich – an der Welt der wahren Idioten.

Die Kapitel beginnen oft ganz abstrakt, häufig gibt es auch plötzliche Sprünge, in denen der Erzähler auf Distanz geht, um über sich selbst, die Welt oder die Gegebenheiten des Erzählens zu reflektieren, dann schleicht sich fast ebenso überraschend Humor ein und all das gleitet unmerklich wieder in die eigentliche Handlung über, zu den Personen und bis in deren Innerstes.

Beste Stelle: „Wie kommt es, dass man nach dem Erwachen, schon ganz der Wirklichkeit wiedergegeben, fast immer die Empfindung hat, als ließe man mit dem Traum irgendein ungelöstes Rätsel hinter sich? Man lacht über die Unsinnigkeit des Traums und fühlt zugleich, dass in der Verkettung dieser Unsinnigkeiten irgendein Gedanke enthalten ist, und zwar ein wirklicher Gedanke, etwas zu unserem wirklichen Dasein gehörendes, etwas, das in unserem Herzen lebt und immer darin gelebt hat; der Traum hat gleichsam etwas Neues, Prophetisches und Erwartetes verkündet; der Eindruck ist stark, er ist freudig oder qualvoll, aber worin er besteht und was einem gesagt worden ist – das kann man weder verstehen noch sichdarauf besinnen.“


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