Durchgelesen: Franz Herre – „Napoleon Bonaparte“ 2


Franz Herre zeichnet Napoleon als Mann der Widersprüche.

Autor Franz Herre
Titel Napoleon Bonaparte. Eine Biografie
Verlag Poustet
Erscheinungsjahr 2003
Bewertung ****1/2

Heinrich Heine hat die Geschichte der Französischen Revolution einmal mit der Geschichte der deutschen Philosophie verglichen. Die Rolle Napoleons lässt er dabei Fichte zukommen. Bei beiden sieht er „die höchste Liebe und den höchsten Egoismus, die Alleinherrschaft des Gedankens, den souveränen Willen, der ein schnelles Universalreich improvisierte, das ebenso schnell wieder verschwand, den despotischen, schauerlich einsamen Idealismus“ als Wesensmerkmale.

Wie richtig Heine mit seiner Beurteilung des Mannes liegt, der sich vor 199 Jahren zum Kaiser der Franzosen krönte, zeigt die neue Auflage von Franz Herres „Napoleon Bonaparte. Eine Biografie“. Herre, der sich unter anderem mit Lebensbeschreibungen von Bismarck, George Washington oder Wilhelm II. einen Namen gemacht hat, porträtiert Napoleon als einen Mann der Widersprüche, zeigt ihn als Gefühlsmensch und Vernunftmensch, kühlen Taktiker und eifersüchtigen Ehemann, überlegenen Organisator und gekränkten Militärschüler.

Der Kaiser tritt als herrischer Gebieter beim Fürstentag und als verlorener Wicht in Liebesbriefen auf, er ist liberal und doch ein Diktator. „Napoleon verkörpert die Widersprüche des neuen Jahrhunderts, das der Revolutionär und Empereur eröffnete“, fasst Herre den zwiespältigen Charakter zusammen. Der Widerspruch reicht sogar bis in die Wirkung Napoleons auf die von ihm besetzten Länder, für die er „Beglückung und Bedrückung“ war.

Trotz aller Gegensätzlichkeiten gelingt es Herre (mit erfreulich wenig Psychologisieren), die Wesenszüge des Korsen herauszuarbeiten und somit klar zu machen, wie Napoleon ein Weltreich quasi aus sich selbst heraus erschuf, damit aber auch das Schicksal des Empire an seine Person knüpfte.

Zwei Eigenschaften definieren Napoleon vor allem: Er war ein Feldherr. Auch die Verbesserungen, die er für Verwaltung oder Bildungswesen einführte, beruhten auf militärischen Prinzipien. Und er war ein Opportunist, getrieben von maßlosem Ehrgeiz. Herre wählt dafür die schöne Formulierungen, dass sich Napoleon „sein Leben lang auf die Zehenspitzen gestellt“ habe.

Nicht nur solche sprachlichen Finessen machen die Biografie zu einem Vergnügen. Auch amüsante Anekdoten, die den Empereur privat zeigen (etwa seine Essgewohnheiten oder den Kleiderschrank der Kaiserin Josephine), tragen dazu bei. Schließlich hat Herre die seltene Gabe, das Wesentliche von historischen Vorgängen in wenigen Worten zu erfassen, dabei so gut wie nichts vorauszusetzen und doch sein Thema fest im Auge zu behalten. Somit ist „Napoleon Bonaparte“ Populärwissenschaft im besten Sinne.


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