Durchgelesen: Gabriel Garcia Marquez – „Zwischen Karibik und Moskau“


"Zwischen Moskau und Karibik" versammelt frühe Reportagen von Gabriel Garcia Marquez.

"Zwischen Moskau und Karibik" versammelt frühe Reportagen von Gabriel Garcia Marquez.

Autor Gabriel Garcia Marquez
Titel Zwischen Karibik und Moskau. Journalistische Arbeiten 1955 -1959
Verlag KiWi
Erscheinungsjahr 1983
Bewertung ***

Lange bevor Gabriel Garcia Marquez mit Hundert Jahre Einsamkeit seinen Durchbruch als Schriftsteller hatte, und noch länger bevor er mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, war der Kolumbianer Journalist. Als die Ehrung aus Stockholm auch in Deutschland für ein reges Interesse an seinem Werk sorgte, erschien dieser Sammelband, der dritte von vier Teilen mit dem journalistischen Schaffen des späteren Literaten.

Wie in seinem Werk als Schriftsteller erweist sich Gabriel Garcia Marquez auch Zwischen Karibik und Moskau als feiner Beobachter, der beinahe völlig frei von Eitelkeit ist. Er reist nach Venedig und Wien und dann durch den Ostblock bis nach Moskau, und berichtet das Erlebte für das Publikum zuhause.

Die große räumliche (und unter heutigen Maßstäben von Aktualität auch zeitliche) Distanz zwischen dem Ort des Geschehens und dem Sitz des Publikums merkt man Zwischen Karibik und Moskau durchaus an. Garcia Marquez amüsiert sich und wundert sich, gerade durch den Vergleich mit der Heimat. Er macht sich lustig, aber er nimmt niemandem die Würde.

Noch etwas war Ende der 1950er Jahre als Korrespondent möglich: Wie die Verhältnisse vor Ort tatsächlich waren, das konnten die damaligen Leser quasi unmöglich nachprüfen. Das brachte für den Berichterstatter eine besondere Verantwortung mit sich, aber auch eine besondere Freiheit. Und die nimmt sich Garcia Marquez reichlich. Nicht nur, wenn er in seinen Reportagen mit Leitmotiven oder anderen literarischen Figuren spielt. Sondern auch inhaltlich. Der Sammelband macht deutlich, „wo er improvisiert hat, wo geschummelt und wo geschludert“, bemerkt Ricardo Bada in seinem Vorwort ganz richtig. Einzelne Passagen klingen deshalb wie ausgedacht, aber deshalb nicht weniger authentisch. Einmal macht Garcia Marquez das sogar selbst transparent: „Ich muss ehrlich zugeben, dass ich in jenem vierzehntägigen Durcheinander, ohne Russisch zu sprechen, nichts endgültig herausbekommen konnte. Aber dafür glaube ich viele bruchstückhafte, unmittelbare, oberflächliche Dinge wahrgenommen zu haben, die auf jeden Fall wichtiger sind als die einfache Tatsache, nicht in Moskau gewesen zu sein.“

Am spannendsten ist aus heutiger Sicht seine Reise durch den Ostblock. Wie er die Zerrissenheit der Polen schildert, die russische Gigantomanie oder die Depression in der DDR („Ich habe nie so verzweifelte Menschen gesehen“, sagt einer seiner Begleiter ausgerechnet beim Besuch in einem Tanzcafe in Leipzig) – all das ist mit viel Feingespür charakterisiert, ohne den historischen Weitblick zu verlieren oder zu Pauschalisierungen zu neigen. Badas Einschätzung ist deshalb sehr zutreffend: „Das erzählerische Werk des kolumbianischen Autors ist eine erschütternde Frage über die Einsamkeit des Menschen angesichts der Welt, aber seine journalistischen Arbeiten geben in beträchtlichem Maße eine Antwort auf eben diese Frage.“

Beste Stelle: „Ich nahm sogar an der Unterhaltung teil, in jenem reinen und flüssigen Polnisch, das jeder nach dem dritten Wodka zu sprechen imstande ist.“

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