Durchgelesen: Gary Shteyngart – „Kleiner Versager“


Autor Gary Shteyngart

Cover des Buches  "Kleiner Versager" von Gary Shteyngart bei Rowohlt

Seine Lebensgeschichte erzählt Gary Shteyngart in „Kleiner Versager“

Titel Kleiner Versager
Originaltitel Little Failure, A Memoir
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Es ist Shteyngarts bisher bestes Buch“, hat Der Spiegel über Kleiner Versager geschrieben. Es ist naheliegend, wie man als Fan des Autors zu dieser Einschätzung kommen kann: Gary Shteyngart widmet sich seinem bevorzugtem Sujet, nämlich sich selbst und seinem Dasein als russischer Einwanderer in den USA. Es ist der Hintergrund, der schon seinen Debütroman Handbuch für den russischen Debütanten bestimmt hatte, ebenso wie seinen Beststeller Super Sad True Love Story.

In Kleiner Versager schreibt er über sein Lieblingsthema mit dem Humor und der Schwermut, die man an ihm schätzt, aber in bisher nie dagewesener Konsequenz. Das Buch trägt im englischen Original den Untertitel A Memoir. Es kommt also einer Autobiografie nahe, noch viel mehr ist es aber etwas anderes: eine Rechtfertigung – oder zumindest der Versuch davon.

Shteyngart erzählt vom Aufwachsen als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad, vom chronischen Asthma und vom Urlaub auf der Krim. Das Grauen, das Hitler und Stalin über die vorangegangenen Generationen seiner Familie gebracht haben, schimmert dabei immer wieder durch, dennoch ist der kleine Gary (der damals noch Igor heißt) ein loyaler, sogar begeisterter Sowjetbürger.

1979, als er sieben Jahre alt ist, wandert die Familie allerdings nach New York aus. Dort bietet sich nicht nur die Möglichkeit, den jüdischen Glauben ohne Repressionen zu leben. Es bietet sich auch die Chance auf Wohlstand und Freiheit. Igor wird zu Gary und erlebt einen Kulturschock: Das Land, das ein paar Flugstunden zuvor noch der Klassenfeind war, soll nun seine Heimat sein.

Es gehört zu den besten Passagen des Buches, wenn Shteyngart die ersten Wochen der Familie in den USA schildert, denn hier wird das Geschehen wirklich exemplarisch für die Schicksale vieler Auswanderer überall auf der Welt. Eine neue Sprache, ein neues Umfeld und ein neues Weltbild werden dem Grundschüler aufgezwungen, und das erweist sich als existenzielle Erschütterung: „Ich will kein Kind sein. Ich will nicht im Unrecht sein. Ich will keine Lüge sein“, ist eine der Stellen, an denen Shteygart deren Ausmaß deutlich macht.

Er soll allem abschwören, worauf er bisher stolz sein sollte, nämlich der – so heißt es – „Kultur einer Supermacht, die zwar auf dem Abfallhaufen der Geschichte gelandet ist, aber immer die Kultur von Puschkin, Schostakowitsch und Eskimo-Eis bleiben wird“. Dazu kommen materielle Nöte der Familie, die bei Null anfangen muss und in den Sohn einen großen Teil ihrer Hoffnungen auf sozialen Aufstieg projiziert.

Es erweist sich für Gary als unmöglich, eine Identität als Russe und Jude zu finden, denn sein Russischsein hielt er bisher für selbstverständlich, mit seinem Jüdischsein hatte er sich kaum auseinandergesetzt. Erst durch den Umzug in den USA hinterfragt er, wie sehr diese beiden Wurzeln seine Persönlichkeit bestimmen, nicht nur als kleiner Junge, sondern ein Leben lang.

Gary weiß nicht, wie er sich integrieren soll, sein Englisch ist miserabel, die für das Miteinander in der Schulklasse elementaren Kenntnisse der Popkultur sind bei ihm nicht vorhanden, um Gesundheit und Selbstbewusstsein ist es auch nicht gut bestellt: „Weil ich als Kind kränklich war und mir dauernd die Nase lief (auch als Erwachsener noch), nannte mich mein Vater sopljak oder Rotznase. Meine Mutter entwickelte eine interessante Mischung aus Englisch und Russisch und bastelte sich den Ausdruck failurtschka: kleiner Versager“, erklärt er seinen Spitznamen, der nun zum Buchtitel geworden ist.

Gary versucht zunächst, sich zurückzuziehen. Es folgt eine radikale ideologische Wende, ein typischer Fall von Assimilation durch Über-Identifikation. „Ich hasse mich, ich hasse die Menschen um mich herum, aber ich sehne mich nach der Erfüllung irgendeines Ideals. Das hat mit Lenin nicht geklappt; (…) aber Amerika steckt noch voller Energie, Kraft und Wut, einer Energie, Kraft und Wut, mit der ich mich bis oben hin volltanken kann“, schreibt er an einer Stelle. Der Heranwachsende wird zum glühenden Republikaner und bleibt es bis zu seinen ersten College-Tagen, die zuerst zu reichlich Drogenkonsum, dann zu spärlichen sexuellen Abenteuern und schließlich ersten literarischen Erfolgen führen.

Allerdings ist Kleiner Versager, auch in den Passagen über die frühen Lebensabschnitte des Autors, keineswegs eine Glorifizierung Amerikas. Die ersten Monate in der neuen Heimat erlebt Gary als intellektuellen und moralischen Abstieg: Schulbildung wird durch Verwahrung im Klassenraum ersetzt, Kultur durch Fernsehen, gesellschaftliches Engagement durch Konsum. Das ist ein Schock für den kleinen Jungen aus dem Ostblock.

Schließlich findet er doch eine Möglichkeit, Anschluss und Anerkennung zu finden: das Schreiben. Kleiner Versager ist in etlichen Momenten von einem beträchtlichen Maß an Eitelkeit bestimmt, aber es ist die Tatsache, dass der Autor seine Abhängigkeit vom Schreiben so unverhohlen eingesteht, die dafür sorgt, ihn weiterhin sympathisch erscheinen zu lassen. „Ich schreibe, weil es nichts Freudigeres gibt als Schreiben, selbst wenn das, was man schreibt, verquer und hasserfüllt ist, triefend vor Selbsthass, der Schreiben nicht nur möglich, sondern notwendig macht“, betont er. Längst weiß man da: Literatur zu erschaffen, ist für Gary Shteyngart nicht nur Lebenselexier und Tor zur Welt. Sondern auch Therapie.

Bestes Zitat: „Das Ziel der Politik ist, uns zu Kindern zu machen. Je ruchloser das System, desto zutreffender ist diese Aussage. Das sowjetische System funktionierte am reibungslosesten, solange die Erwachsenen – insbesondere die Männer – dazu ermutigt wurden, auf dem emotionalen Niveau eines nicht besonders hellen Halbstarken zu verharren.“

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