Durchgelesen: Gavin Knight – „The Hood“


"The Hood" zeigt, wie brutal die Jugendkriminalität in Großbritannien mittlerweile ist.

„The Hood“ zeigt, wie brutal die Jugendkriminalität in Großbritannien mittlerweile ist.

Autor Gavin Knight
Titel The Hood
Originaltitel Hood Rat. Britain’s Lost Generation
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2011
Bewertung ***

Wäre The Hood ein Roman, müsste man dieser Geschichte über Jugendkriminalität in Großbritannien einige Vorwürfe machen. Der Plot ist mit Zahlen überfrachtet. Die Figuren – egal ob Kriminelle oder Polizisten – wirken mitunter schablonen- und klischeehaft. Und vor allem scheint das Buch zur Übertreibung zu neigen. Von Achtjährigen als Gangster auf Mountainbikes ist da die Rede. Von Banden, die zur Rache an ihren Gegnern deren Mütter und Schwestern vergewaltigen. Von finsteren Ecken in London, die „genauso wie Mogadischu“ sein sollen.

In Wirklichkeit sind all dies die Stärken von The Hood. Denn Gavin Knight, der als Journalist unter anderem für den Guardian und die Times arbeitet, hat keinen Roman geschrieben. The Hood ist ein Sachbuch. Es ist spannend, mitunter sogar so spannend wie ein Thriller. Es ist lebendig. Und es ist schockierend. Der Autor hat zwei Jahre lang als embedded journalist Polizeieinheiten bei ihrem Kampf gegen die Gangkultur und Drogenkriminalität begleitet. Was er berichtet, wurde vom Independent, in Anspielung auf den Mafia-Bestseller von Roberto Saviano, nicht ganz zu Unrecht zusammengefasst als „Großbritanniens Gomorrha“. Die Scottish Mail nennt das Buch „the most important crime story of the decade“.

Knight erzählt von drei Schauplätzen. Der 14-jährige Troll, ein ehemaliger Kindersoldat aus Somalia, herrscht auf den Straßen im Osten Londons. Als Pilgrim, ein einst gefürchteter Gangleader, aus dem Gefängnis entlassen wird, kämpfen die beiden um ihr Revier. Das Mittel der Wahl heißt: erbarmungslose Gewalt ohne Rücksicht auf Kollateralschäden.

In Manchester versucht Detective Anders Svensson, den Drogenboss Merlin und dessen Vollstrecker, den eiskalten Killer Flow, zu überführen. Svensson arbeitet in einer Spezialeinheit gegen Bandenkriminalität, und seine unorthodoxen Methoden und sein legendäres Informantennetzwerk sollen helfen, die beiden Gangster in Schach zu halten. Svensson ist ein beinahe besessener Polizist, der Prototyp des unbeugsamen Kämpfers gegen das Unrecht. Die Verbrecherjagd ist sein Lebensinhalt, und sein (entsprechend zerrüttetes) Privatleben steht natürlich immer hinten an. Auch diesmal, denn die Zeit drängt: Merlin und Flow kommen bald auf Bewährung aus dem Gefängnis und sind dann wieder eine Gefahr für die ohnehin fragile Sicherheit auf den Straßen. Svensson will genug Beweise gegen sie sammeln, um sie schnellstmöglich wieder hinter Gitter zu bringen.

In Glasgow, dem dritten Schauplatz von The Hood, toben wilde Gangfights. Jedes Wochenende prügeln sich Teenager wie in einem barbarischen Ritual gegenseitig krankenhausreif. Polizeianalystin Karyn McCluskey versucht, etwas gegen die Gewalt in Europas gefährlichster Stadt zu unternehmen. Ein Modellprojekt, das der Kriminologe David Kennedy in Boston entwickelt hat, erscheint ihr interessant. Doch sie ist unsicher, ob es sich einfach so nach Schottland übertragen lässt. „Jeder sagt, bei uns ist es völlig anders. Wir sind an der Westküste, haben asiatische Gangs, unser sozialer Wohnungsbau besteht aus Hochhäusern. Die Leute finden jeden nur vorstellbaren Grund, warum es anders ist“, versucht Kennedy, sie zu überzeugen. „Aber die Gewalt ist immer gekoppelt an eine überhitzte Gruppe. Sie überqueren einen Hof und legen Leute um, die sie hassen, weil ihr Dad es genauso gemacht hat. Sie sind gefangen. Sie haben Angst. Sie suchen einen Ausweg. Sie können gehen, wohin sie wollen, es ist überall das Gleiche.“

Solche Analysen sind, neben der Anschaulichkeit, die große Stärke von The Hood. Gavin Knight hat sehr präzise recherchiert und daraus so etwas wie eine spannende Mammut-Reportage gemacht. Doch er begnügt sich längst nicht mit dem Beschreiben. Der Autor blickt auf die Biografien und Beweggründe der Täter. Er benennt auch klar die Ursachen des Problems: kaputte Familien, Einwanderer ohne Chance auf Integration, Bildung oder gar Ausbildung, schlechte Vorbilder und ein dämliches Männlichkeitsideal mit Gangsta-Attitüde, mangelnde Erziehung und Bildung, Bürokratie in den Behörden, die sich dadurch mitunter selbst im Weg stehen.

Dass all diese Faktoren wenig überraschend sind, ist vielleicht das Schockierendste an diesem Buch: Wir haben längst erkannt, was schief läuft. Doch wir haben noch kein Mittel gefunden, etwas daran zu ändern. Wenige Wochen, nachdem die englische Originalausgabe von The Hood erschien, bestätigten die Unruhen in London diese These sehr eindeutig. Dass ähnliche Zustände auch in Deutschland denkbar sind, hat unlängst beispielsweise Cem Gülay in Kein Döner Land angedeutet. All das zeigt: Es brodelt und gärt bei den perspektivlosen  Jugendlichen, nicht nur in den Großstädten. Und wir laufen weiterhin Gefahr, das Problem massiv zu unterschätzen.

Bestes Zitat: „Die Verhaftung von Merlin markiert vielleicht das Ende des Straßengenerals alter Schule. Vor zehn Jahren ging es nur um die hochrangigen Dealer, um ältere Gangmitglieder, die die jüngeren brutal ausnutzten. Sie brachten ihnen bei, dass nur zählt, wer der Brutalste, der Gewalttätigste, der Gefürchtetste von allen werden kann. Heute ist der Drogenhandel zersplittert, und den Kids bleibt nur noch die Gewalt. Die älteren Gangmitglieder, die im organisierten Verbrechen Geld machen wollen, mit Betrug oder Geldwäsche, können sie nicht mehr unter Kontrolle halten. Sie sind viel zu chaotisch, zu sprunghaft. Ein Zwölfjähriger kann es nicht erwarten, vorzutreten, einen General zu erschießen und sich einen Namen zu machen. Es ist wie bei X Factor.

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