Durchgelesen: Giulia Enders – „Darm mit Charme“


Verständlich und amüsant blickt Giulia Enders auf unser Innenleben.

Verständlich und amüsant blickt Giulia Enders auf unser Innenleben.

Autorin Giulia Enders
Titel Darm mit Charme. Alles über ein unterschätztes Organ
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Aus dem Musikbusiness kennt man das ja: YouTube als Plattform, um entdeckt zu werden und dann groß durchzustarten. Für die Buchbranche ist es eher ein ungewöhnlicher Weg. Aber er hat Giulia Enders, 24-jährige Medizinstudentin am Institut für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene in Frankfurt, auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste Paperback-Sachbuch geführt. Mehr noch: Er hat dazu beigetragen (ähnlich wie zuvor Florian Werners Dunkle Materie, allerdings in einer ganz anderen Dimension), das Thema „Kacke, Scheißen und Artverwandtes“ ein kleines Stück zu enttabuisieren.

Am Anfang stand ein Science Slam, der denselben Titel hatte wie jetzt ihr Buch: Darm mit Charme. Mit dem Kurzvortrag gewann die Studentin mehrere Science Slams, das Ganze landete bei YouTube, wurde dort zum Renner und schließlich von einer Literaturagentin entdeckt. Nun ist Giulia Enders, die mittlerweile auch ihr erstes Staatsexamen in Medizin hinter sich gebracht hat und später Gastroenterologin werden will, Bestsellerautorin, Talkshowgast und so etwas wie ein Star der Populärwissenschaft.

In der akademischen Welt sind solche Attribute mitunter nicht gern gesehen. Wenn man jung ist, ungewöhnliche Wege geht, dabei auch noch gut aussieht und es schafft, aktuelle Forschung höchst unterhaltsam zu erklären, gilt das bei vielen etablierten Forschern noch immer als Igitt. Wer seriös ist, muss dröge sein, lautet die althergebrachte Überzeugung. Es wird sicher den einen oder anderen Professor geben, der über Giulia Enders die Nase rümpft – nicht nur aus Neid auf Erfolg und Popularität, sondern aus dem Glauben, dass jeder, der sich ernsthaft der Wissenschaft widmet, für die Vermittlung seiner Ergebnisse an ein Laienpublikum keine Zeit mehr haben darf (oder dass diese Zeit in jedem Fall sinnvoller genutzt werden könnte). Man sollte lieber in Nature auftauchen als bei Markus Lanz – das ist das Credo.

Wie falsch diese Denke ist, beweist Darm mit Charme sehr eindrucksvoll. Das Buch zeigt, wie spannend die Forschung ist, wie anschaulich sie aufbereitet sein kann und nicht zuletzt, welche Relevanz sie hat. Immer wieder bemüht sich Giulia Enders um praktische Lebenshilfe auf Basis neuster wissenschaftlicher Studien (die Bibliographie am Ende des Buches enthält etliche Zeitschriftenbeiträge aus dem Jahr 2013), im besten Falle verhilft ihr unterhaltsames Format damit etlichen Lesern dazu, die persönliche Gesundheit zu verbessern.

Der Tonfall ist flapsig, sogar schnoddrig – wer den Science Slam von Giulia Enders gesehen hat, der erkennt: Sie schreibt, wie sie spricht. Das hilft enorm dabei, Berührungsängste und Schamgrenzen zu überwinden, wenn es einen Exkurs namens „Eine kleine Lektüre zum Kot – Bestandteile. Farbe. Konsistenz“ gibt, der erstaunlich spektakuläre Weg eines ordinären Stücks Torte durch den Körper nachgezeichnet oder die genaue Funktion des Blindarms erklärt wird.

Das Thema erweist sich dabei als Glücksfall. Denn Verdauung ist zum einen ein Tabu, das man wunderbar für Witze und Wortspiele rund um Pupsen und Durchfall und einen höchst ungewöhnlichen Blick aufs Innenleben nutzen kann. Zum anderen ist das Geschehen im Darm eines der aktuell spannendsten Forschungsgebiete der Lebenswissenschaften.

Darm mit Charme ist einerseits so etwas wie eine Einführung in die Gastroenterologie, andererseits ein schlüssiger Überblick über neue Erkenntnisse rund um die Rolle des Verdauungstrakts. Dass unsere Ernährung und die Zusammensetzung der Bakterienkulturen im Darm nicht nur unsere Figur beeinflussen, sondern auch unsere Gesundheit und sogar unsere Psyche, wird hier sehr verständlich und fundiert dargestellt. Die Einführung in das Thema ist längst nicht nur wegen der Illustrationen sehr anschaulich, zugleich zeigt Giulia Enders damit auch, wie Wissenschaft insgesamt funktioniert.

Ein typisches Beispiel ist die Passage, in der die Autorin die Funktionsweise des Erbrechens erklärt. „Erbrechen läuft nach einem präzisen Plan. Es ist eine Meisterleistung“, heißt es da beinahe ehrerbietig. „Millionen kleine Rezeptoren testen unseren Mageninhalt, untersuchen unser Blut und verarbeiten Eindrücke vom Gehirn. Jede einzelne Information wird im riesigen Fasernetz aus Nerven gesammelt und zum Hirn geschickt. Das Hirn kann Informationen abwägen. Je nachdem, wie viel Alarm insgesamt geschlagen wird, fällt die Entscheidung aus: kotzen oder nicht kotzen. Das wird vom Hirn ausgesuchten Muskeln mitgeteilt, die sich dann an die Arbeit machen.“

Man merkt solchen Abschnitten und vielen anderen an, wie enthusiastisch Giulia Enders, die fürs Schreiben von Darm mit Charme ein Urlaubssemester genommen hat, sich ihrem Thema nähert. Sie hat kein Problem damit, zu zeigen, wenn sie staunt, und sie will unbedingt verstehen. Sie will es aber nicht dabei belassen, sondern zugleich erklären, was sie entdeckt hat, die Welt an ihrem Staunen und Wissen teilhaben lassen. „Manchmal erschreckt es mich, wenn Wissenschaftler hinter geschlossenen Türen über wichtige Erkenntnisse diskutieren – ohne dass die Öffentlichkeit darüber informiert wird“, hat sie diesen lobenswerten Anspruch im Interview mit der FAZ bestätigt.

Leider wird es einige geben, die es beim Blick auf eine wissenschaftliche Karriere als Malus betrachten, wenn jemand in sehr jungen Jahren ein interessantes, witziges und erfolgreiches Sachbuch schreibt. Dabei ist Darm mit Charme das beste Beispiel dafür, wie gut das funktionieren kann. Sollte Giulia Enders dieses Buch irgendwann einmal auf die Füße fallen und höheren akademischen Weihen im Wege stehen, kann man zumindest sicher sein: Aus ihr wird in jedem Fall eine charmante, mutige, kompetente, engagierte Ärztin werden.

Bestes Zitat: „Ähnlich wie uns die große Welt beeinflusst, in der wir leben, beeinflusst uns auch die kleine Welt, die in uns lebt.“

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