Durchgelesen: Greil Marcus – „Die Geschichte des Rock’N’Roll in zehn Songs“


Autor Greil Marcus

Die Geschichte des Rock'N'Roll in zehn Songs Kritik Rezension Buch

Greil Marcus findet in seinem neuen Buch überraschende Verknüpfungen.

Titel Die Geschichte des Rock’N’Roll in zehn Songs
Verlag Reclam
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Greil Marcus, im Klappentext mit nur wenig Übertreibung als „der vielleicht einflussreichste lebende amerikanische Kulturkritiker“ bezeichnet, beginnt sein neues Buch mit einer Aufzählung aller (wirklich aller!) Mitglieder der Rock’N’Roll Hall Of Fame. Danach stellt er klar, dass er es in diesem Werk keineswegs so chronologisch, ehrerbietig, vollständig und einfach angehen lassen will wie in dieser Liste. Stattdessen schwebt ihm eine andere Form vor: Zehn Lieder, ihre Entstehungsgeschichte und ihre Verbindungspunkte, sollen die Geschichte der populären Musik erzählen.

Marcus, geboren 1945 und mit Büchern beispielsweise über Elvis Presley, die Mythen des Blues oder Bob Dylan schon längst als passionierter Archäologe des Rock qualifiziert, hat gute Gründe dafür. Zum einen stellt er treffend fest, dass Rock’N’Roll nicht so sehr eine stringente oder gar teleologische Entwicklung ist, die man mit einem Zeitsrahl darstellen kann, sondern vielmehr, wie er es im Vorwort nennt, „ein Ausdrucksfeld und ein Netz von Affinitäten“. Zum anderen widerspricht eine Erzählung als bloße Chronologie dem Empfinden des Hörers, das in der Geschichte dieses Genres eine immerhin nicht unwesentliche Rolle spielt. „Die offizielle, gängige Geschichte des Rock’N’Roll ist wahr, doch sie ist nicht die ganze Wahrheit. Sie ist ganz und gar nicht die Wahrheit, sondern vielmehr eine konstruierte Story, die so ausgiebig verbreitet worden ist, dass die Leute sie glauben, doch sie entspricht nicht ihrer Erfahrung, und sie kann ihre Erfahrung sogar deformieren oder unterdrücken“, meint Marcus.

Daraus spricht die Perspektive des Fans, und es ist genau diese, die zu einer der größten Stärken von Die Geschichte des Rock’N’Roll in zehn Songs führt: Sein Schreiben über Musik ist manchmal erhabener, poetischer und leidenschaftlicher als die Musik selbst. Es ist wundervoll, Greil Marcus dabei zu begleiten, wie er der Wirkung einer Melodie, eines Solos, oder eines einzelnen Wortes nachspürt. Es ist ein ganz besonderes, genaues Hinhören, das ihn auszeichnet. Man könnte glauben, er verfüge über eine anatomische Besonderheit, die es ihm erlaubt, einen Audio-Kommentar auf einer zweiten Spur neben der eigentlichen Musik zu hören. Der Schlüssel zu diesem Tiefgang sind aber selbstverständlich nicht genetisch veränderte Ohren. Vielmehr zeigt Die Geschichte des Rock’N’Roll in zehn Songs seinen riesigen Horizont. Das Buch, in dem Marcus auch einige Passagen recycelt, die er bereits in anderen Beiträgen veröffentlicht hat, ist so fundiert, dass es 30 Seiten mit Anmerkungen gibt.

Beim Blick auf Lieder von Buddy Holly, Cyndi Lauper oder Joy Division sieht er Verknüpfungen über Jahrzehnte hinweg, erkennt erstaunliche Geistesverwandtschaften und benennt Traditionslinien, wo man nie welche geahnt hätte – auch über die Musik hinaus. Rock’N’Roll könnte „vor allem ein Kontinuum von Zusammenhängen sein, ein Drama von direkten und geisterhaften Beziehungen zwischen Songs und Performern“, lautet seine zentrale These in diesem Buch. „Er könnte eine Story sein, die davon handelt, wie ein Song nicht aufhört zu sprechen, wie er weiterhin spricht, in einem völlig anderen Kontext als dem, der ihn hervorgebracht zu haben schien, eine Story, an der jemand möglicherweise das Copyright besitzt, doch die Stimme des Songs steht unter Niemandes Kontrolle. Der Rock’N’Roll könnte vor allem eine Sprache sein, die, so erklärt sie, alles sagen kann, die alle Wahrheiten verkünden, alle Geheimnisse lüften und allen Beschränkungen entkommen kann.“

Einzene Lieder können nach dieser Logik gleich mehrere Geburtsjahre haben und sogar stärker sein als die Interpreten oder Autoren, die den Song hervorgebracht haben: „Ein erfolgreicher Song ist nie eine persönliche Erinnerung oder ein Zeitungsbericht, und ein erfolgreicher Song tut nicht genau das, was sein Autor – und das kann der Songwriter, der Sänger, der Begleitmusiker oder der Produzent sein – ihn tun lassen möchte. Man muss sich aller neuen sozialen Energien und aller neuen Ideen bedienen, die in der Luft liegen, Energien und Ideen, die den Künstler dazu bringen – ob es ihm bewusst ist oder nicht, ob er es will oder nicht -, höhere Ansprüche an das Leben zu stellen als er sie bis dahin gestellt hat.“ Auch das ist eine entscheidende Erkenntnis aus Die Geschichte des Rock’N’Roll in zehn Songs: Das Neue ist elementar bei dieser Musik, das Gefühl einer Geburt, einer Entdeckung, eines Urknalls. Das Neue ist dabei aber nicht zu verwechseln mit technischer Innovation – es geht um Gefühl, Spannung und Glaube, um die Überzeugung, etwas Neues erschaffen zu haben.

Auch in dieser Analyse zeigt sich beispielhaft, was Die Geschichte des Rock’N’Roll in zehn Songs ausmacht: die Synthese aus enorm viel Wissen und einer unbändigen Leidenschaft für Pop. Seine klügsten Gedanken gewinnt Greil Marcus nicht nur aus seinem Intellekt und nicht bloß mittels Recherche, sondern auch durch seine Besessenheit und Begeisterung, durch die Erfahrung, was man für das eigene Leben und die eigene Identität alles aus einem Song ziehen kann. Und durch die Sucht, dies immer wieder erleben zu wollen.

Bestes Zitat: „Als eine offenbar neu entdeckte Form von Sprache proklamierte der Rock’N’Roll seine Neuheit auf die gleiche Weise, auf die er sogleich selbstreferenziell wurde, eine Welt, die vollständig war, selbst als sie noch errichtet wurde, ein Turm von Babel, wo man alles, was gesagt wurde, auf der Stelle verstand, mochte es noch so unwahrscheinlich klingen.“

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