Durchgelesen: Hans-Peter Schwarz – „Anmerkungen zu Adenauer“


Hans-Peter Schwarz ist der beste deutsche Adenauer-Kenner.

Autor Hans-Peter Schwarz
Titel Anmerkungen zu Adenauer
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2004
Bewertung ****

„Es sind vielfach dieselben Deutschen, die sich erst in großen Scharen von dem Demagogen Adolf Hitler mitreißen oder ziemlich widerstandslos kujonieren lassen und die nur wenige Jahre später in dem so ganz anderen Adenauer den größten zeitgenössischen Deutschen erkennen“, schreibt Hans-Peter Schwarz ziemlich zu Beginn seiner „Anmerkungen zu Adenauer.“ Es ist die sicher provokanteste und wohl auch zentrale These im neuen Werk des größten Adenauer-Kenners.

Er wagt hier zum einen den Vergleich mit Hitler (was sich auch im auf Sebastian Haffner anspielenden Titel niederschlägt), zum anderen betont er Kontinuitäten in Adenauers Wirken und in dessen Rezeption.

Dass die ZDF-Zuschauer unlängst ausgerechnet den Gründungskanzler der Bundesrepublik zum „Größten Deutschen“ wählten, dürfte Schwarz kaum überrascht haben. Wie er hier zeigt, nahm der Mann, der der Bundesrepublik Stabilität, Konsolidierung und Ruhe brachte, diese Position in den Umfragen des Allensbach-Instituts schon seit Jahrzehnten ein, eine „eindrucksvolle Kontinuität über alle Gegensätze zwischen den politischen Lagern hinweg“, wie Schwarz diesen Befund zu Recht nennt.

Doch natürlich zeigt sein Essay nicht nur, wie der „George Washington der Bundesrepublik“ von der Nachwelt betrachtet wurde, sondern auch das Leben Adenauers. Viele der Gedanken, die Schwarz in seinen sieben Kapiteln darlegt, hat er schon zuvor – vor allem in seiner zweibändigen Adenauer-Biografie – erarbeitet. Aber noch nie hat er seine Erkenntnisse so treffend formuliert.

Im Kapitel „Verrat?“ setzt sich der Autor überaus gründlich wie überzeugend mit der Separatismus-Debatte auseinander, die „Außenpolitik“ bietet einen Vergleich mit Bismarck, zum Abschluss stellt er in „Was bleibt?“ den Zusammenhang zur aktuellen Politik her und geht auch auf die Frage ein: Was wird?

Nur einmal schießt der Historiker übers Ziel hinaus. Im Abschnitt „Modernisierung“ stilisiert er den Rheinländer zum Neuerer der Gesellschaft – ein bisschen ist Schwarz eben auch ein Adenauer-Fan. Wie sehr aber die Kennerschaft überwiegt (und wie gewagt die Thesen zur Modernisierung sind), macht sein abschließendes Urteil deutlich. Adenauer war eben kein „gescheiterter Utopist“ wie Hitler, sondern die Inkarnation des Realpolitikers.

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