Durchgelesen: Hans Weiss – „Tatort Kinderheim“


Erschütternde Schicksale hat Hans Weiss für "Tatort Kinderheim" recherchiert.

Erschütternde Schicksale hat Hans Weiss für „Tatort Kinderheim“ recherchiert.

Autor Hans Weiss
Titel Tatort Kinderheim. Ein Untersuchungsbericht.
Verlag Deuticke
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung ***

Wie rückständig ist die Kirche? Hierzulande sorgt ein katholisches Krankenhaus in Köln gerade für Schlagzeilen, das eine möglicherweise vergewaltigte junge Frau nicht behandeln wollte. Kriminalist Christian Pfeiffer beklagt, seine Arbeit bei der Aufklärung von Missbrauchsfällen werde von der Bischofskonferenz behindert und zensiert.

Ganz ähnlich sieht die Situation in unserem Nachbarland aus. Der Enthüllungsjournalist Hans Weiss zeigt in seinem neuen Buch Tatort Kinderheim auf, wie brutal und systematisch Kinder in Österreich über Jahrzehnte in kirchlicher Obhut misshandelt wurden. Auf eine Entschädigung oder Entschuldigung warten viele der Opfer noch heute vergebens. Auch etliche Täter kamen bisher ungestraft davon. Nach seinen Recherchen sind 35 nachweislich pädophilie Priester dort noch im Amt.

Ein Betroffener erzählt von einem Fall, in dem ein Mitschüler von einem Pater vergewaltigt worden war und sich an kirchliche Stellen wandte. «Er stelle Fragen und wollte Antworten haben – bekam aber keine. Die Vergangenheit sei allein sein Problem, hieß es. Die Kirche heute sei nicht besser als die Kirche damals», schreibt Weiss und liefert noch etliche andere Belege für ein ähnliches Ausmaß von Selbstgerechtigkeit. Allerdings waren auch staatliche Heime zum Schlimmsten fähig: Weiss berichtet beispielsweise von Massenvergewaltigungen im Mädchenheim St. Martin in Tirol.

Rund 100.000 Kinder wurden zwischen 1950 und 2000 in Österreich in Heimen untergebracht. Die akribische Recherche von Hans Weiss zeigt: Gewalt war dort das bestimmende Erziehungsmittel, egal, ob es sich um kirchliche oder staatliche Einrichtungen handelte. In kirchlichen Heimen kam es aber deutlich häufiger zu sexuellen Übergriffen. «Kindergulag» nennt Weiss diese Aufbewahrungslager. «Heime waren Orte, an denen systematisch Gewalt ausgeübt worden ist und Menschen gebrochen worden sind», zitiert er die Psychotherapeutin Ulrike Paul.

Die Lektüre von Tatort Kinderheim ist erschütternd. Zwangsarbeit war ebenso üblich wie sexueller Missbrauch, etliche Heimkinder wurden auch für medizinische Experimente mit unabsehbaren Spätfolgen missbraucht, deren Grausamkeit sich kaum von den Versuchen unterscheidet, die Nazi-Ärzte mit KZ-Insassen durchgeführt hatten. Weiss zeigt in einer Landkarte der sexuellen Kirchengewalt in Österreich, wie flächendeckend der Missbrauch über Einrichtungen im ganzen Land verteilt war. «Waren alle Kinder- und Jugendheime Österreichs Zentren der Gewalttätigkeit und des sexuellen Missbrauchs? (…) Ja!», stellt er als Fazit seiner Recherchen fest. Die Befürchtung, dass Ähnliches dann womöglich auch in Deutschland gang und gäbe war, liegt nicht allzu fern.

Kinder wurden in Zwangsjacken gesteckt und verprügelt oder mussten Erbrochenes essen. Bettnässer mussten ihre schmutzigen Unterhosen über dem Gesicht tragen. Wer gegen Vorschriften wie das allgemeine Redeverbot verstieß, wurde tagelang in völliger Dunkelheit eingesperrt. Das sind keine Einzelfälle, sondern Methoden, die offensichtlich in vielen Heimen angewandt wurden.

Weiss stellt dar, dass auch Frauen gerne prügelten und quälten, und dass Jungs genauso oft missbraucht und vergewaltigt wurden wie Mädchen. Als er das Schicksal von Rudolf V. erzählt, der von einem Heim ins nächste geschickt wurde, zeigt er sich selbst fassungslos: «Seine Heimgeschichte erweckt den Eindruck, als sei es dem Salzburger Jugendamt um einen österreichweiten Test gegangen mit der Frage: Wie viele Heime, wie viel Gewalt und wie viel sexuellen Missbrauch kann ein Kind aushalten?»

Schockierend ist dabei nicht nur das Ausmaß der Demütigungen, bei denen Weiss immer wieder andeutet, die Verantwortlichen seien frustrierte Altnazis oder geborene Sadisten. Tragisch ist auch die Tatsache, wie leicht ein Junge oder Mädchen im «Kindergulag» landen konnte. In den Heimen wurden die Kinder behandelt wie Straftäter – ihr Verbrechen war oftmals nur, dass sie aus einer unehelichen Beziehung stammten, dass sich ihre Eltern scheiden ließen oder dass ihre minderjährigen und allein erziehenden Mütter keine Infrastruktur vorfanden, die sie unterstützte.

Weiss, der während seines Psychologie-Studiums selbst als Erzieher in einem Heim gearbeitet und später ein Mädchen aus einem Heim als Ziehtochter adoptiert hat, beschränkt sich nicht darauf, zu protokollieren. Der Autor benennt auch Verantwortliche, arbeitet für einzelne Betroffene jede Station ihres Martyriums ab und zeigt immer wieder, wie schwer es für die ehemaligen Heimkinder ist, die jahrelangen Qualen zu verarbeiten. Trotz der traumatischen Erlebnisse zu anständigen Menschen mit einem normalen Leben zu werden, das erscheint manchmal fast unmöglich – auf Bildung oder gar eine Ausbildung konnten die wenigsten Heimkinder hoffen. Das macht sein Buch noch eindrucksvoller, und die Frage der Aufarbeitung von Gewalt in Kinderheimen noch dringlicher. Auch in Deutschland.

Bestes Zitat: «Offenbar hat die Kirche ein Problem mit Sexualität. Opfer kirchlicher Heime berichten in 66 Prozent aller Fälle von sexueller Gewalt und sexuellem Missbrauch. Bei Opfern weltlicher Heime ist dieser Prozentsatz wesentliche geringer. (…) Die Innsbrucker Psychotherapeutin Dr. Ulrike Paul kann das anhand ihrer vielen Gespräche mit Heimopfern bestätigen. Sie sagt, dass in kirchlichen Heimen sehr viel häufiger sexuelle Gewalt angewandt wurde als in weltlichen. Und dass das ‹Personal in kirchlichen Heimen besonders deformiert war – wohl nicht zuletzt aufgrund der Sozialisation, welche die Täter selbst in kirchlichen Institutionen durchlaufen haben.› Dieses Problem sei von der Kirche lange geleugnet und bagatellisiert worden.»

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