Durchgelesen: Hélène Grémillon – „Das geheime Prinzip der Liebe“


Krieg, Liebe und die Suche nach Identität - das sind die großen Themen in "Das geheime Prinzip der Liebe".

Krieg, Liebe und die Suche nach Identität – das sind die großen Themen in „Das geheime Prinzip der Liebe“.

Autor Hélène Grémillon
Titel Das geheime Prinzip der Liebe
Originaltitel Le confident
Verlag Hoffmann und Campe
Erscheinungsjahr 2010
Bewertung ****1/2

Als wäre nicht schon alles schlimm genug. Camille hat gerade ihre Mutter bei einem Autounfall verloren. Die Beziehung mit ihrem Freund steckt in der Krise. Und jetzt muss sie sich auch noch durch Berge von nichtssagenden Beileidsbekundungen kämpfen.

Unter den Kondolenzschreiben findet sich ein mysteriöser Brief. Ein gewisser Louis erzählt darin von seiner tragischen Liebe zu Annie. Diese Annie, eine junge Malerin, trägt ein Kind für ihre wohlhabende Gönnerin aus. Der gut gemeinte Plan entzweit die einstigen Freundinnen, führt zu Misstrauen und Hass.

Camille wundert sich über diesen Brief und glaubt an eine Verwechslung. Doch das Schreiben ist eindeutig an sie adressiert, und weitere Briefe von Louis folgen. Camille ist zunächst bloß neugierig und fasziniert von der Liebesgeschichte. Louis wird für sie zu einem Vertrauten (Le confident, heißt der Originaltitel des in Frankreich schon 2010 erschienenen Romans). Nach und nach ahnt sie aber, dass sie selbst eine Rolle in dieser Erzählung spielt. Schließlich fragt sie sich: Welche der Figuren bin ich?

Mit ihrem Debüt, das in ihrer französischen Heimat ein Bestseller war und nun auch auf Deutsch vorliegt, hat Hélène Grémillon (Jahrgang 1977) einen famos komponierten Roman vorgelegt. Die Handlung von Das geheime Prinzip der Liebe springt hin und her zwischen dem Paris des Jahres 1975, in dem Camille lebt, und dem Frankreich des Zweiten Weltkriegs, in dem sich Louis und Annie zurechtfinden müssen.

Auch die Erzähler wechseln fast unmerklich, ebenso wie die Identitäten der Figuren unklar sind und die Beziehung, die Camille womöglich zu ihnen hat. Briefe, Tagebücher und Manuskripte spielen eine große Rolle und machen die Figuren ganz oft selbst zu Lesern, die nicht so recht schlau werden aus dem, was sie lesen, oder für die das Gelesene eine existenzielle Erschütterung bedeutet.

Mit dieser Methode wird eine rührende, immer wieder überraschende Geschichte erzählt, in der fast jede Figur ein Geständnis abzulegen hat. Wie weit die Liebe gehen kann, die Leidenschaft, die Selbsttäuschung – diese Fragen stehen im Mittelpunkt. Gemeint ist damit die romantische Liebe. Es geht aber viel mehr noch um die Mutterliebe, um die Grenzen von Pflichtgefühl, Fürsorge, Biologie. Das Kind, das die eine zur Welt gebracht hat und das die andere für sich beansprucht, wird vom vollendeten Beweis der Freundschaft zweier Frauen zum zerbrechlichen Mittelpunkt all ihren Neides und all ihrer Eifersucht. „Wir waren wie zwei Feindinnen, die vergeblich die Achillesferse der anderen suchten. Im Grund hatten wir dieselbe, aber wir konnten sie nicht nutzbar machen, ohne uns selbst ins Unglück zu stürzen“, beschreibt Hélène Grémillon ihr Dilemma.

Opfer werden hier zu Tätern, Randfiguren zu Protagonisten. Das Beste an Das geheime Prinzip der Liebe ist, dass man all dies verraten kann, ohne dem Leser deshalb das Vergnügen an dieser Familiensaga zu nehmen. Denn das Buch ist nicht nur eine hoch romantische Geschichte voller Intrigen und Pointen. Wenn sich Camille auf die Suche nach Louis macht, um endlich zu erfahren, welches Geheimnis hinter seinen Briefen steckt, dann ist dieser Roman auch so spannend, dass man ihn kaum mehr aus der Hand legen kann.

Bestes Zitat: „Die Liebe ist ein geheimnisvolles Prinzip, ihr Ende noch viel mehr. Man weiß vielleicht, warum man liebt, aber niemals, warum man nicht mehr liebt.“

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