Durchgelesen: Herfried Münkler – „Der Große Krieg“ 1


"Der Große Krieg" ist die erste deutsche Gesamtdarstellung zum Ersten Weltkrieg seit 1968.

„Der Große Krieg“ ist die erste deutsche Gesamtdarstellung zum Ersten Weltkrieg seit 1968.

Autor Herfried Münkler
Titel Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Das Jubiläumsjahr steht vor der Tür, und im Chor all jener, die sich 2014 zum Ersten Weltkrieg äußern werden, wird Herfried Münkler eine gewichtige Stimme sein. Der Politikwissenschaftler und Historiker (Die neuen Kriege, Die Deutschen und ihre Mythen) hat mehrere Standardwerke der Ideengeschichte vorgelegt. Auch Der Große Krieg. Die Welt 1914-1918, die erste deutsche Gesamtdarstellung zum Ersten Weltkrieg seit dem Jahr 1968, wird sich in diese Reihe einfügen.

Nach Christopher Clarks Die Schlafwandler ist Der Große Krieg die zweite sehr erhellende, überraschende und wichtige Monographie rund um den 100. Jahrestag des Kriegs, der 17 Millionen Tote forderte und „den ganzen Kontinent in den Abgrund riss“, wie Münkler es formuliert. Der Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs, die Clark so gekonnt analysiert hat, nimmt auch hier viel Raum ein. Ebenso wie Clark kommt auch Münkler zum Urteil: Der Krieg wäre vermeidbar gewesen, vor allem Russland hätte seiner Ansicht nach die Möglichkeit gehabt, die Eskalation zu stoppen. Und ebenso wie sein Kollege aus Cambridge wartet auch der Berliner Professor mit einigen erstaunlichen Neubewertungen auf.

Eine weitere Parallele ist der Hinweis auf die Aktualität des Geschehens. „Der Erste Weltkrieg war der Brutkasten, in dem fast all jene Technologien, Strategien und Ideologien entwickelt wurden, die sich seitdem im Arsenal politischer Akteure befinden“, schreibt Münkler gleich am Beginn seines Buchs. Er zeigt auf, wie der Erste Weltkrieg zum Ausgangspunkt vieler Konflikte wurde, die heute noch den Nahen Osten oder die arabische Welt prägen. Selbst für die Tagespolitik findet er Anknüpfungspunkte. Ein Abschnitt heißt beispielsweise „Das heutige China in der Position des wilhelminischen Deutschlands“, und gegen Ende kommt der Autor zum mahnenden Hinweis: „Aus keinem Krieg kann (…) mehr gelernt werden als aus dem Ersten Weltkrieg. Er ist ein Kompendium für das, was alles falsch gemacht werden kann.“

Die erste wertvolle Stärke von Der Große Krieg – auch im Vergleich zu den Schlafwandlern – ist die spezifisch deutsche Betrachtungsweise. Münkler bricht immer wieder die Fixierung auf die Schuldfrage und die Verzahnung mit dem Zweiten Weltkrieg auf, die hierzulande noch immer die Sichtweise auf den Ersten Weltkrieg prägt. Stattdessen liegt sein Fokus auf dem Konflikt zwischen Politik und Militär. Wie es zur Quasi-Diktatur der Obersten Heeresleitung kommen konnte und warum sich die Politik als unfähig erwies, in den entscheidenden Momenten politisch zu handeln – das sind zentrale Fragen in diesem Buch.

Münkler arbeitet sehr anschaulich die Unterschiede und Widersprüche zwischen militärischer und politischer Planung im Deutschen Reich heraus und zeigt damit: Das Primat des Militärs über die Politik führte erst in den Krieg und dann in seiner Anfangsphase dazu, dass viele Chancen verspielt wurden, sowohl in taktischer Hinsicht als auch im Hinblick auf einen möglichen Vertragsfrieden zu akzeptablen Bedingungen. „Als Macht in der Mitte Europas hätte das Deutsche Reich eine besonders achtsame und die Eskalationsrisiken moderierende Politik betreiben müssen. In der Julikrise von 1914 tat es das genaue Gegenteil“, meint er.

Exemplarisch wird das im Umgang mit dem Schlieffenplan, der beinahe zum Fetisch der Entscheidungsträger wurde, wohingegen Ideen von Kanzler Theobald von Bethmann-Hollweg oder gar Debatten im Reichstag praktisch keinerlei Gewicht hatten. Welche Eigendynamik sich daraus entwickelte und wie die Politik immer wieder dabei versagte, ihrer Aufgabe nachzukommen, wird in Der Große Krieg sehr nachvollziehbar dargestellt.

Sehr erhellend sind auch Münklers Betrachtungen zu den deutschen Kriegszielen. Er kommt zu der erstaunlichen Erkenntnis: Es gab keine – und gerade dieses Vakuum hatte fatale Folgen. Denn erstens fehlte so eine Orientierung, wann der Krieg einen möglichen Endpunkt erreicht haben könnte. Zweitens sorgte das nicht vorhandene Kriegsziel für reichlich Debatten, die ideologisch in hohem Maße aufgeladen waren und zum Ausgangspunkt vieler Strömungen wurde, die dann die Weimarer Republik prägten, inklusiver der deutschen Revanchegelüste.

Als „das Problem der Deutschen, das Fehlen eines politischen Zwecks durch ein Übermaß an Sinn kompensieren zu müssen“, bezeichnet Münkler dieses Phänomen. Nicht zuletzt waren auch die theologisch-philosophischen Sinnkonstruktionen „dazu angetan, den Krieg zu entpolitisieren; sie enthoben ihn der politischen Verfügung und Verantwortung der Deutschen und verwandelten ihn in ein Geschehen, dessen Ausgang von der Vorhersehung bestimmt zu sein schien.“

Die zweite große Stärke dieser Monographie ist Münklers meisterhafte Fähigkeit zur Komposition. Der Große Krieg hat eine sehr überzeugende Gliederung, in der Quer- und Längsschnittbetrachtungen schlüssig kombiniert werden. Münkler nutzt Tagebucheinträge und Akten ebenso wie literarische Quellen, er erweist sich als exzellenter Analytiker und bewertet die damals getroffenen (oder unterbliebenen) Entscheidungen überzeugend und vor allem aus ihrer Zeit heraus.

So gelingt es, das riesige Spektrum an Ereignissen und die immense Bedeutung des Ersten Weltkriegs in eine schlüssige Form zu bringen, in der Anschauliches und Abstraktes gut verschränkt werden: Es geht um Taktik und Strategie, Ratten in den Schützengräben, den Weg der USA zur Weltmacht, Bordelle an der Front, die Rolle der Frauen an der Heimatfront, den Untergang des British Empire oder den Aufstieg des Sozialstaats.

Münkler hat sowohl die militärische Komponente im Blick („Die Überlegungen zur Verteidigung oder Aufgabe Antwerpens sind ein Beispiel dafür, dass für den Erfolg im Krieg in erster Linie nicht strategische Brillanz, sondern das Vermeiden gravierender Fehler ausschlaggebend ist“, schreibt er beispielsweise) als auch die menschliche Seite des Geschehens („Es entstand der Begriff ‚Heimatfront‘, der schon bald über die Metaphorik hinaus für eine reale Erfahrung stand. Die an dieser Front gemachte Gewalterfahrung war einseitig: Hier wurde nicht gekämpft, sondern nur gelitten. Das blieb für die Soldaten an der eigentlichen Front jedoch nicht folgenlos, denn in der zweiten Hälfte des Krieges fragten sich viele unter ihnen, was es denn nütze, diese Front zu halten, wenn man dadurch Leid und Elend doch nicht von der Heimat fernhalten könne.“), und er führt damit eindrucksvoll vor Augen, in welchem Ausmaß der Krieg sowohl die Strukturen der Gesellschaft als auch die Mentalitäten der Menschen veränderte.

Am stärksten ist Der Große Krieg, wenn der Autor über die kulturellen Grundlagen, Prozesse und Folgen reflektiert. Dann wird noch deutlicher, warum Münkler den Ersten Weltkrieg als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ betrachtet. Seine Gedanken zum Heldenbild der damaligen Zeit („Im Verlauf des 19. Jahrhunderts hatten die europäischen Gesellschaften einen mentalen Heroisierungsprozess durchlaufen, der im Sommer 1914 kulminierte. Die Vorstellungen von Opfer und Ehre hatten eine bis dahin unvorstellbare Relevanz für den Zusammenhalt der Gesellschaft bekommen.“) sind ebenso lesenswert wie seine Analyse des damals gängigen Fatalismus, der dazu führte, dass nicht wenige den Krieg als moralischen Retter nach einer langen Phase der Dekadenz betrachteten und ausgerechnet dem massenhaften Sterben auf den Schlachtfeldern eine kathartische Wirkung für die Moral der Menschen zuschrieben. Auch die Betrachtungen zum „Augusterlebnis“, also dem Moment der Kriegserklärung, der in vielen Zeitgenossen den Wunsch nach „Rückverwandlung der heterogenen Gesellschaft in eine homogene Gemeinschaft“ ausgelöst habe, sind herausragend hellsichtig und vielschichtig.

Dass der Autor keineswegs auf der politisch-historischen Ebene verbleibt, zeichnet dieses Buch in besonderer Weise aus. Münkler erlaubt sich Ausflüge in die Welt der Kunst, Medien und Psychologie und betont damit erst recht: Nach diesem Krieg war nichts mehr wie zuvor. „Die alteuropäische Gesellschaft der Stände und Klassen ist durch den Krieg und das egalisierende Kriegserlebnis in ihren Grundfesten erschüttert worden, und auch die moralischen und ästhetischen Wertungen, die zuvor allem avantgardistischen Widerspruch zu Trotz gesellschaftlich unerschütterlich erschienen, standen danach zur Disposition. Die Verfügung über das, was als wahr, schön und gut galt, war dem gehobenen Bürgertum und den ihm verbundenen Gelehrten entglitten“, stellt er fest.

Besonderes Augenmerk legt Münkler auch auf das – damals erstmals in moderner Weise wirksame – Zusammenspiel von Medien und öffentlicher Meinung. Der Erste Weltkrieg war kein Kabinettskrieg mehr wie die bewaffneten Konflikte bis zum 19. Jahrhundert, sondern brauchte die Zustimmung der Öffentlichkeit. Selbst in autokratisch geführten Staaten ließen sich nicht Millionen in die Schützengräben schicken, wenn sie nicht vom Sinn des Vorhabens überzeugt waren. Münkler zeigt, dass die jeweiligen Regierungen darauf zunächst mit Aufstachelung reagiert haben, dann aber auch in diesem Punkt das Heft des Handelns schon bald nicht mehr in der Hand hatten: Angesichts der erheblichen Opfer, die gebracht wurden, konnte man dem Volk nicht zumuten, den Krieg zu beenden, ohne entsprechende Gegenleistungen errungen zu haben. Das führte dazu, dass noch Siegeszuversicht verbreitet wurde, als die militärische Lage längst aussichtslos war – und dass aus Angst vor dem Volk der Krieg verlängert wurde, in dem das Volk somit weiter leiden musste.

Bestes Zitat: „Die Welt von 1914 bis 1918 war eine Welt des Übergangs, in der sich Altes und Neues miteinander verbanden, sich vermischten, aber häufig auch bloß unverbunden nebeneinanderstanden. Es war eine Zwischenwelt, die einerseits noch ganz von 19. Jahrhundert geprägt war, und in der gleichzeitig fast alle Merkmale des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden. Sie war gleichzeitig der Durchbruch in die Moderne wie die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, in der alle Schrecknisse dieser Ära ihren Ursprung hatten.“


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Ein Gedanke zu “Durchgelesen: Herfried Münkler – „Der Große Krieg“

  • Norman

    Sehr treffende Beschreibung des Buches. Die nicht genuin geschichtswissenschaftliche Arbeitsweise Münklers ist durchaus ein Gewinn für die Leser. Ich fand die Lektüre lohnend.