Durchgelesen: Hugh Howey – „Silo“


Autor Hugh Howey

Cover des Buches "Silo" von Hugh Howey bei Piper

Das Debüt von Hugh Howey ist ein packender Endzeit-Thriller.

Titel Silo
Originaltitel Wool
Verlag Piper
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

In gewisser Weise ist Hugh Howey, Jahrgang 1975 und vor seiner Tätigkeit als Schriftsteller unter anderem als Bootsbauer, Dachdecker und Buchhändler aktiv, ein Nestbeschmutzer. In der vergleichsweise solidarischen (und seit geraumer Zeit ob der digitalen Gefahren ziemlich verängstigten) Literaturbranche setzte er für sein Debüt ausgerechnet auf den Erzfeind: Silo veröffentlichte er zunächst als E-Book-Serie, Folge für Folge, direkt bei Amazon.

Längst gibt es das Werk nun auch zwischen standesgemäßen Buchdeckeln, seit 2013 auch in deutscher Ausgabe. Mehr noch: Ridley Scott will den Roman verfilmen. Howey ist ein gemachter Mann, ganz ohne die Unterstützung der etablierten Verlage. Und das hat einen einfachen Grund: Silo ist ein enorm packender Science-Fiction-Thriller, der Action und Tiefgründiges bietet, eine klaustrophobische Endzeitstimmung mit einem feinen Gespür für sympathische Figuren vereint.

Die Menschen leben in seinem Roman seit mehr als 150 Jahren in einem riesigen unterirdischen Bunker, weil draußen die Luft vergiftet ist. Die Versorgung der Bunker-Gemeinschaft ist ebenso komplex wie die strengen Regeln, die das Leben im Silo in geordneten Bahnen halten sollen. Es gibt verschiedene Aufgaben für die Menschen auf den verschiedenen Etagen, es gibt Schulen, Krankenstationen und Plantagen. Jeder hat einen festen Platz in diesem System. Und es gibt einen Dreh- und Angelpunkt für das Leben der Menschen im Bunker: Die Kameras und Monitore in der obersten Etage, die die Welt außerhalb des Silos einfangen und zeigen.

Wer sich entschließt, das Silo zu verlassen (oder wegen eines schweren Vergehens zu dieser Höchststrafe verurteilt wird), ist verpflichtet, die Kameralinsen zu reinigen, damit die Zurückgebliebenen weiterhin einen halbwegs klaren Blick auf die tote Landschaft mit giftigen Winden, verdorrter Erde und schwarzen Wolken haben. Es ist ein letzter Dienst für die Gemeinschaft: Niemand überlebt in der feindlichen Außenwelt länger als ein paar Minuten.

Holston, der im Silo als Sheriff arbeitet, weiß das nur zu genau. Vor drei Jahren ist seine Frau freiwillig in die toxische Welt außerhalb des Silos gegangen, seitdem liegt sein Leben in Trümmern. Jetzt will auch er raus. Ihn treibt nicht nur die Frage um, was aus seiner Frau geworden ist, mit der er notfalls wenigstens im Tod wieder vereint sein will, sondern ihn bedrückt auch das strenge Regime des Zusammenlebens unter der Erde. „Manchmal, wenn ich hier sitze und hinausgucke und sehe, wozu diese Welt uns treibt – das versetzt mir einen Stich. Einen Stich mit einer sehr langen Nadel“, beschreibt seine Chefin, die Bürgermeisterin des Silos, an einer Stelle dieses Gefühl, das auch sie gut kennt.

Man hält den Sheriff zunächst für die Hauptfigur in Silo und erkennt dann, dass man damit reichlich falsch lag. Man wundert sich, warum Hugh Howey diesen wunderbaren Bluff so schnell auflöst, um dann zu bemerken: Er hat schon wenige Seiten später den nächsten Bluff in petto. Denkt man an die Kinofilm-Pläne, dann fällt auf: Silo ist (passend zur Entstehungsgeschichte des Werks) viel eher als TV-Serie geeignet, so ereignisreich und voller Wendungen ist dieser Roman.

Während nach und nach neue Helden ins Zentrum rücken wie die Bürgermeisterin, Deputy Marnes oder die zupackende Ingenieurin Juliette Nichols, offenbart Silo seinen zentralen Konflikt: Die IT hat die wahre Herrschaft im Bunker, sie unterdrückt und überwacht die Menschen, ohne dass die davon etwas mitbekommen. Mehr noch: Sie enthält ihnen die Wahrheit über ihre eigenen Geschichte vor, ebenso wie das Wissen darum, was außerhalb des Bunkers wirklich vor sich geht. „Was passiert ist, ist die Vergangenheit, und die Vergangenheit ist nicht dasselbe wie das, was wir an die Menschen weitergeben müssen. Die Vergangenheit ist nicht unser Vermächtnis. Diesen Unterschied wirst du lernen müssen“, bekommt ein Mitarbeiter der IT eingebläut, der in die gut gehüteten Geheimnisse eingeweiht wird. Howey verknüpft durch diese Idee sehr geschickt klassische Überwachungs-Topoi à la Orwell mit dem dystopischen Blick auf das Miteinander der Menschen unter apokalyptischen Bedingungen, der beispielsweise an Richard Laymons Die Insel erinnert.

Manchmal wirkt das etwas dick aufgetragen, was wohl der Tatsache geschuldet ist, dass Howey ursprünglich die ganze Serie vermarkten und die Leser mit immer neuen Cliffhangern bei der Stange halten musste. Aber Silo entschädigt dafür mit einem sehr fantasievollen Setting und enormer Spannung. Besonders reizvoll: Der Roman greift mit der heimlichen Herrschaft von Programmierern und Datenanalysten einen hoch aktuellen Konflikt auf, der auch dadurch untermauert wird, dass es am Beginn jedes Kapitels ein Shakespeare-Zitat gibt. Was in Silo ausgefochten wird, ist der Kampf zwischen Menschlichkeit und Machthunger, Wörtern und Zahlen, Poesie und Algorithmen. Und das ist natürlich ein Thema, das auch den altmodischsten Vertretern des Literaturbetriebs gefallen dürfte.

Bestes Zitat: „Hunde tun der Seele gut. Aber das funktioniert nur, wenn man überhaupt eine hat.“

Der Trailer zum Buch.

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