Durchgelesen: James Meek – „Liebe und andere Parasiten“


Über verschiedene Wege zur Unsterblichkeit sinniert James Meek in seinem Roman.

Über verschiedene Wege zur Unsterblichkeit sinniert James Meek in seinem Roman.

Autor James Meek
Titel Liebe und andere Parasiten
Originaltitel The Heart Broke In
Verlag DVA
Erscheinungsjahr 2012
Bewertung

Einen „moralischen Thriller“ hat Schriftsteller Philip Pullman dieses Buch genannt. Da ist einiges dran. Denn James Meek, der früher als Journalist für den Guardian gearbeitet hat und schon zwei Mal für den Booker-Preis nominiert war, liefert mit seinem fünften Roman eine Geschichte, die enorm spannend ist und keinerlei Scheu hat, sich an die ganz großen Fragen unserer Zeit heranzuwagen.

Zur Spannung trägt zunächst die Ausgangssituation von Liebe und andere Parasiten bei: Ritchie Shepherd war früher ein gefeierter Rockstar. Jetzt ist er Anfang 40, verheiratet mit Karin, die damals gemeinsam mit ihm in einer Band gespielt hat, und der Vater von zwei Kindern. Er produziert eine erfolgreiche Fernsehshow – und er hat eine Affäre mit einer 15-Jährigen.

Er hat wenig Probleme damit, das mit seinem Gewissen zu vereinbaren. „Er hatte Angst, dass Karin ihn nicht liebte, was eine Katastrophe wäre, denn er liebte sie, und er liebte seine Kinder, und wenn sie ihn nicht liebte, wäre ihm das Vergnügen verdorben, sie zu betrügen und sich reingewachsen zu fühlen, wenn er voll Liebe zu ihr zurückkehrt“, fasst Meek sein schizophrenes Seelenleben zusammen. Was Ritchie schon eher beunruhigt, ist die Sorge, ertappt zu werden. Wenn sein Geheimnis entdeckt wird, würde das einen riesigen Skandal lostreten und nicht nur seine Karriere, sondern auch seine Ehe ruinieren. „Dass ihm alles genommen würde, was er hatte, war beängstigend, aber er konnte es sich nur schwer vorstellen. Der Moment der Enthüllung erschien ihm schlimmer als die Folgen. Er hatte festgestellt, dass er sich so lange nicht schämte, Karin zu betrügen, wie sie es nicht merkte. Das war die größte Entdeckung seines Erwachsenenlebens (…). Sein Gewissen regte sich nur, wenn jemand ihn darauf aufmerksam machte, dass er eins hatte und dass es gut daran täte, sich zu regen“, schreibt Meek an einer Stelle.

Dieser Unterschied zwischen Fehltritten, Lügen und Sünden, von denen man nur selbst weiß, und solchen, die öffentlich werden, steht im Kern dieser Geschichte. „Manchmal scheint es, unser Gewissen hätte uns verlassen – und wenn wir eine Verfehlung begehen, macht das nichts, solange keiner davon erfährt. Doch sobald jemand davon weiß, wird es für uns und alle anderen real. Es ist fast, als wäre ein und dieselbe Tat etwas völlig anderes, je nachdem, ob sie publik ist oder nicht“, sagt der Autor über das Thema, das hinter Liebe und andere Parasiten steckt.

Er umkreist es sehr geschickt und vor allem mit einem schillernden Figurenreigen. Neben Ritchie ist da beispielsweise noch seine Schwester Bec, die nach einem Mittel gegen Malaria forscht und dabei so ehrgeizig ist, dass sie sich selbst mit einem Parasiten infiziert, der möglicherweise gegen die Krankheit immun macht. Da sind Harry, ein Krebsforscher, der an Krebs erkrankt ist, und sein Neffe Andy, der früher der Schlagzeuger in der Band von Ritchie war, und nun daran arbeitet, das Werk seines Onkels als Naturwissenschaftler fortzusetzen. Und da ist Val, ein Zeitungsverleger ohne Skrupel, der von Bec gerade einen Korb bekommen hat.

Meek braucht dieses große Ensemble, weil er offensichtlich ganz viele Gedanken, Weltbilder und Themen in sein Buch packen möchte. Zunächst wirkt es wenig elegant, dass er dafür auf das nächstliegende Mittel zurückgreift, nämlich ganz viele Figuren einzuführen, die ganz viele dieser Ideen verkörpern und deren Schicksale dann nach und nach (und nicht immer ganz überzeugend) miteinander verknüpft werden. Insgesamt ist es aber durchaus faszinierend, wie Meek es schafft, die Fäden zu verbinden und dabei immer sein Thema im Blick zu behalten. Zwischen den Zeilen stellt er immer wieder die Frage: Rund um welche Werte bauen wir eigentlich unsere Gesellschaft auf in einem Zeitalter, in dem Religionen zumindest im Westen nicht mehr ernst genommen werden? Gibt es überhaupt noch eine innere Instanz, die für so etwas wie „Moral“ stehen kann?

„Ich hoffe, dass die großen Themen sich im Handeln der Figuren spiegeln, die unterm Strich schlicht und einfach Menschen sind, mit all ihren Schwächen, ihrem Humor, ihren Lieben – Menschen unserer Zeit“, sagt James Meek. Sie sehnen sich nach Liebe, sie fürchten sich vor dem Tod und sie ahnen, dass die Liebe uns vielleicht gerade deshalb so bedeutend erscheint, weil wir vom Tod wissen.

Gleich auf mehreren Ebenen wird in Liebe und andere Parasiten der Wunsch nach Unsterblichkeit thematisiert, dem man womöglich durch eigene Kinder, durch die Erinnerung seiner Hinterbliebenen oder tatsächlich durch die Medizin näher kommen könnte. Der Kampf zwischen Wissenschaft und Religion, Gewissheit und Glaube ist ein weiteres zentrales Motiv.

Liebe und andere Parasiten schafft es, die Ernsthaftigkeit solcher Fragestellungen und einen großen Horizont mit Humor und Nervenkitzel zu verbinden. Meek schreckt nicht davor zurück, sich in einigen Passagen wissenschaftlichen Details wie dem Aufbau der Zelle oder den Namen von Proteinen zu widmen. Er baut aber immer wieder auch Ironie und Witz ein. Manches in diesem Buch erinnert an Nick Hornby – in der Schärfe der Beobachtungen und Formulierungen, und vor allem in dem Filter aus Humor und Wärme, durch den das Leben der Figuren betrachtet wird. Dieser Filter ist auch deshalb so wichtig und wirkungsvoll, weil die Hauptfiguren in diesem Roman allesamt Engländer (also durchweg geborene Zyniker) sind.

Liebe und andere Parasiten wird somit anspruchsvoll und beweist einen großen Horizont, ist aber zugleich unterhaltsam und gut lesbar. Und es zeigt: Auch die schlausten Menschen begehen gelegentlich eine Dummheit, und auch die anständigsten haben Dreck am Stecken.

Bestes Zitat: „Das geteilte Bett, dachte er, hier verändert sich alles, oder es verändert sich nicht. Der Sex war von allem, was man teilte, das Geringste. Heutzutage lebten selbe Könige und Milliardäre wie die reinsten Kommunisten, was das Bett betraf. Man teilte das Laken, die Decke, die Matratze, die Luft. Man einigte sich oder zankte sich über die Beleuchtung. Man weckte sich gegenseitig mit seinem Wälzen, seinem Schnarchen, seinen Albträumen, seiner vollen Blase. Wenn einer was sagte, musste der andere antworten. Man war nackt. Man war verletzlich. Aber wenn man sich fürchtete, konnte man sich an jemanden festhalten.“

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