Durchgelesen: Jarett Kobek – „Ich hasse dieses Internet“


Autor Jarett Kobek

Jarett Kobek Ich hasse dieses Internet Kritik Rezension

Aus der Perspektive des Insiders rechnet Jarett Kobek mit dem Netz ab.

Titel Ich hasse dieses Internet
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2016
Bewertung

Jarett Kobek lügt. Ich hasse dieses Internet heißt sein erster Roman. Aber davon kann gar keine Rede sein. Jarett Kobek, der an der NYU studiert und dann in der kalifornischen Technologie-Branche gearbeitet hat, liebt das Internet.

Sein Buch, in dessen Zentrum eine Clique aus San Francisco steht, die diverse Online-Katastrophen erlebt (die Zeichnerin Adeline hat einen Shitstorm am Hals, weil sie sich negativ über Beyoncé und Rihanna geäußert hat; die Studentin Ellen wird unfreiwillig zum Star eines Amateur-Pornos; der Schriftsteller J. Karacehennem setzt sich mit einem Buch über islamische Terroristen in ein Wespennetz), zeigt nicht nur, wie viel Zeit er selbst im Netz verbracht hat. Aus den gut 350 Seiten spricht vielmehr ein Autor, der noch immer zutiefst gekränkt ist ob der Tatsache, dass das Internet nicht zur ultimativen Aufklärungs- und Weltverbesserungsmaschine geworden ist.

Kobek weiß, dass dies technologisch möglich wäre und theoretisch hätte passieren können. Umso größer ist nun seine Enttäuschung. „Das Internet war eine wunderbare Erfindung. Es war ein Computernetzwerk, das Menschen dazu nutzten, andere Menschen daran zu erinnern, dass sie ein mieses Stück Scheiße sind“, lautet gleich auf der ersten Seite des Buchs seine sarkastische Erkenntnis, und auch danach lässt Ich hasse dieses Internet nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig.

Twitter beispielsweise ist für ihn „ein System, mit dem Menschen, die Batman für echt hielten, Adeline in Kurznachrichten schreiben konnten, sie sei der letzte Dreck. Diese Lektion in Sachen Ethik und Moral wurde durch Computer und Handys übermittelt, die durch Sklavenarbeit in China zusammengebaut worden waren.“ Unsere Willfährigkeit und Medieninkompetenz bekommt ebenfalls ihr Fett weg: „Trotz der tyrannischen Herrschaft des Internets über Milliarden Menschen verstanden sehr wenige dieser Milliarden, wie es technisch funktionierte. Diese Milliarden waren einem komplexen Mechanismus unterworfen, von dem sie keine Ahnung hatten und den sie nicht kontrollieren konnten.“

Natürlich zielen solche Sätze nicht nur auf die Online-Welt. Die Allgegenwart des Netzes bringt mit sich, dass Kobek zwangläufig Politik, Wirtschaft und Kultur mit ins Fadenkreuz nimmt, ebenso wie die Welt des Entertainments oder den rührend nostalgischen Gedanken, ein Schriftsteller könne mit seinem Werk die Welt verändern („Der einzige Ort, an dem Worte Macht haben, ist die Klowand“, stellt er stattdessen fest). Es ist diese Ohnmacht gegenüber der Netz-Tentakel, aus der sich seine Wut speist, ebenso wie die Scham darüber, selbst in ihren Fängen zu stecken, das Spiel mehr oder minder freiwillig mitzuspielen.

Eine „raue Tirade zu Politik und Kultur, ein Aufschrei zu Macht und Gewalt in unserer globalisierten Welt“, hat die New York Times dieses Buch genannt. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bezeichnete es als „Tobsuchtsanfall gegen das Internet (und alles andere), (…) eine Art Feel-good-Roman für Pessimisten“. Der Freitag feiert den Roman als „eine bitterböse Kulturkritik“ und „wütend-komische Kulturdiagnose“.

Ich der Tat ist Ich hasse dieses Internet (auch dank der sehr gelungenen Übersetzung von Eva Kemper) grandios frech und unterhaltsam. Oft macht das Buch den Eindruck, Kobek habe all die AGBs der App-Anbieter, Social-Media-Plattformen und Smartphone-Hersteller gelesen, die sonst nie jemand liest, sie kräftig durchgeschüttelt und dann auf eine stattliche Dosis gesunden Menschenverstands treffen lassen. Was dabei heraus kommt, ist nicht so sehr ein Roman („Es ist ein wirklich verworrenes Buch mit einer Hauptfigur, die nie auftritt. Die Handlung löst sich genau wie das Leben in nichts auf und beschreibt sinnloses seelisches Leid“, räumt der Erzähler an einer Stelle ein), sondern eher ein Rant.

Wie es Tiraden so an sich haben, ist das Buch stets plakativ und gelegentlich redundant, etwa wenn immer wieder auf die Comicbranche als prägend für die Ideologie des Internets verwiesen wird. Wie es Tiraden so an sich haben, tut die wenig ausgeprägte formale Strenge der Wirkung von Ich hasse dieses Internet allerdings keinen Abbruch. Im Gegenteil: Kobek persifliert damit gekonnt den Hypertext. Er rückt sein eigenes Buch an einer Stelle in die Nähe eines „schlechten Romans, der das Rechnernetz mit seiner belanglosen und zerpflückten Darstellung von Inhalten imitiert“. Eine Methode dabei ist die literarische Entsprechung von Tooltips: Sobald ein neuer Begriff eingeführt wird, folgt die Definition des Begriffs, manchmal verschachtelt sich das dann immer weiter, wenn innerhalb der Erklärung wiederum ein erklärungsbedürftiger Terminus auftaucht.

Ich hasse dieses Internet profitiert enorm davon, dass hier ein Kenner auf die Online-Welt blickt, mit klarem Verstand, ohne Lust auf Bullshit, Marketing, Hype oder Political Correctness. Das Ergebnis dieser Analyse ist in Zeiten von postfaktischer Massenkommunikation nicht nur hoch aktuell, sondern auch deutlich radikaler als die Dystopie, die etwa Dave Eggers in Der Circle gezeichnet hat. Ich hasse dieses Internet zeigt, wie kaputt die Welt online und offline ist, wie grundlegend sich Kommunikation, Wirtschaft und letztlich die Grundlagen unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens verändert haben – und zwar in eine unerfreuliche Richtung, weil das Internet in seiner real existierenden Silicon-Valley-Form stets das Schlechteste in uns hervorbringt, so eine der Kernthesen von Kobek.

Ebenso bedrückend wie überzeugend gerät das Buch vor allem aus einem Grund: Es stecken tatsächlich politischer Aktivismus und empörte Moral in Ich hasse dieses Internet, Kobek macht aber nicht den Fehler, den Hebel innerhalb dieser Sphären anzusetzen. Stattdessen argumentiert er streng ökonomisch, und trifft damit den Kern der Sache. Denn dass es im Netz niemals in erster Linie um Content, (Meta-)Daten, Meinungsaustausch oder technologische Innovation ging und geht, sondern stets um Geld, ist sein immer wieder beschworener Leitspruch.

„Im 21. Jahrhundert gab es den weitverbreiteten Irrglauben, die neuen Technologien, die jeden Tag auftauchten, seien neutrale Zuwächse. (…) Aber jede Technologie war das Produkt der offenen und geheimen Ideologie ihres Schöpfers. Das Internet war kein neutraler Raum, der sich der Redefreiheit verschrieben hatte. Er war etwas anderes, eine Mischung aus der paranoiden Gedankenwelt eines Kalten Krieges und den vagen Vorstellungen, die durch die San Francisco Bay Area waberten. (…) Das Internet war eine schlechte Ideologie, geschaffen von gedankenlosen Männern.“

Romantische Ideen wie ein von sozialen Netzwerken ermöglichter Arabischer Frühling, neue Möglichkeiten zur Partizipation auch in etablierten Demokratien oder ein florierender und respektvoller Austausch von Ideen im weltweiten Maßstab entlarvt der Autor als Illusion, die auch dadurch nicht weniger naiv wird, dass einige in der Internet-Branche wohl selbst daran glauben.

Bestes Zitat: „Sie tippten auf von Sklaven zusammengebauten Geräten Lektionen in Sachen Moral für Plattformen der Meinungsäußerungen, die dem Patriarchat gehörten, und brachten dem Patriarchat damit Geld ein. Irgendwie sollte so das Patriarchat zerstört werden. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

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