Jess Walter – „Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten“ 2


Autor Jess Walter

Ein Biedermann wird zum Drogenhändler - die Finanzkrise macht es bei Jess Walter möglich.

Ein Biedermann wird zum Drogenhändler – die Finanzkrise macht es bei Jess Walter möglich.

Titel Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten
Originaltitel The financial lives of the poets
Verlag Blessing
Erscheinungsjahr 2009
Bewertung

Der Mann in der Krise entwickelt sich, wenig verwunderlich, zum beliebten Topos in der aktuellen US-Literatur. Das meint nicht (nur) die seit langem propagierte Krise der Männlichkeit. Sondern es meint immer öfter Männer, die tatsächlich von der aktuellen Finanzkrise heimgesucht werden. Dave Eggers hat in Ein Hologramm für den König eine solche Geschichte erzählt, auch Eric Puchner (Model Home), Jim Kokoris (The Pursuit of Other Interests) und Adam Haslett (Union Atlantic) haben diesen Ansatz gewählt. Unlängst hat sogar Franka Potente, wenn auch nur als Wahl-Amerikanerin, einen solchen Mann in den Mittelpunkt ihres ersten Romans gestellt.

Auch Jess Walter wählt für sein neues Buch Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten diese Thematik. Sein Ich-Erzähler heißt Matt Prior, und er ist in doppelter Hinsicht prototypisch: Mit Ehefrau, zwei Kindern, Eigenheim und einem dementen Vater, den er zuhause pflegt, kann er als John Doe gelten, das amerikanische Gegenstück zu Max Mustermann.

Zugleich personifiziert er – man kann das beinahe als prophetisch betrachten, wenn man bedenkt, dass die amerikanische Originalausgabe dieses jetzt in der deutschen Übersetzung von Stephan Glietsch vorliegenden Romans schon 2009 erschienen ist – viele der zentralen Elemente der Finanzkrise: Er hat als Wirtschaftsjournalist gearbeitet, sich an einem Start-Up versucht und für seine Altersvorsorge in erster Linie auf Aktiengeschäfte gesetzt. Vor allem aber hat er Schulden: Wenn er nicht innerhalb kürzester Zeit 30.000 Dollar auftreiben kann, wird er sein Haus verlieren, und damit vielleicht auch seine Frau, seine Existenz, seinen Glauben an ein System, dass ihm bis vor kurzem noch vollkommen schlüssig erschien. „Die Sache ist die: Wenn man alles im Griff hat, kann es einem trotzdem entgleiten“, muss er erkennen.

Aus dem, was zu Beginn des Buches „ganz normale Schulden“ genannt wird (eine Hypothek, ein Leasing-Vertrag fürs Auto, ein paar Kreditkarten), ist ein Strudel geworden, ein Abgrund. Alles steht auf dem Spiel, zugleich könnte ein kleines bisschen Liquidität vielleicht schon reichen, um sich wieder ein bisschen Luft zu verschaffen und alles wieder gerade zu biegen. In dieser Situation kommt Matt auf eine Idee, als er in einem Spätverkauf zufällig zwei junge Männer kennen lernt und sich von ihnen zum Jointrauchen überreden lässt: Er versucht sich als Marihuana-Dealer.

Das wirkt auf den ersten Blick vollkommen aberwitzig, ist auf den zweiten Blick aber auch nicht verrückter als die Dynamik der Krise und die Tatsache, dass man innerhalb weniger Monate sein Vermögen, sein Haus und seine Altersvorsorge verlieren kann, ohne groß etwas verkehrt gemacht zu haben. „Egal, ich werde das eh nur für ein paar Monate machen, gerade lange genug, um ein paar Zahlungen auf das Haus zu leisten und meine Kids wieder auf die katholische Schule zu schicken. Dann höre ich damit auf“, beteuert Matt im Gespräch mit einem Freund. Aber der Leser ahnt natürlich, dass er diesen Schwur brechen wird.

Der Roman entwickelt sich von diesem Ausgangspunkt zu einer wunderbaren Farce, die nicht nur den Amerikanern, sondern uns allen den Spiegel vorhält. Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten ist hoch amüsant und packt zugleich einige bittere Wahrheiten an, ähnlich wie das Nick Hornby in How To Be Good praktiziert hatte (Hornby lobt dieses Buch übrigens als „den witzigsten Roman des Jahres“).

Mit viel Intelligenz und Herzenswärme blickt Jess Walter auf seine Figuren und die Welt, die für Matt nur noch mit einem herrlich trockenen, gerne die Grenze zum Zynismus überschreitenden Galgenhumor zu ertragen ist. Wie messerscharf und erbarmungslos sein Blick sein kann, zeigt beispielsweise die Analyse seiner Ehe: „Wir befinden uns in einer Sackgasse, einer fortwährenden Pattsituation. Ich kann nachvollziehen, wie wir uns da hineinbugsiert haben: Nach jeder schlechten Entscheidung, jedem Scheitern, haben wir schweigend an unseren Vorwürfen festgehalten, unseren sorgsam gehegten Ressentiments. Wir haben Beweismaterial gegen den anderen zusammengetragen, ohne jemals Anklage zu erheben. Solange es dazu nicht kam, hatten wir ein stillschweigendes Friedensabkommen: Du sprichst dies nicht an, ich spreche das nicht an – wobei aus dies und das mit der Zeit alles und jedes wurde, bis diese Brücke aus totgeschwiegenen Schuldzuweisungen zwischen uns war.“

Matt macht sich zudem Vorwürfe, dass er mit der Idee einer Website, auf der es Anlageberatung in Versform geben sollte, viel Geld in den Sand gesetzt hat. Jess Walter streut etliche solcher Gedichte ein, die zeigen, wie albern und überheblich das Geschäftsmodell von poetfolio.com war. Sein Protagonist bereut seine leichtfertigen Finanzgeschäfte, zugleich kann er nicht fassen, wie skrupellos die Geschäftswelt nun ist, wenn man einmal auf die Schattenseite des Lebens geraten ist. Die Idee mit dem Drogenhandel erscheint ihm auch deshalb als letzter Strohhalm, weil rundum alle ebenfalls Angst vor dem Abgrund haben.

Matt kann deshalb kaum auf Hilfe von Freunden oder Kulanz von Banken setzen, doch in seinem neuen Job als Drogenhändler erweist sich dieser Trend als hilfreich. Der mittlerweile 46-Jährige hat zuletzt auf dem College gekifft, doch den Joint vor dem Spätverkauf hat er genossen und jetzt merkt er: Viele in seinem Bekanntenkreis sehnen sich ebenfalls nach einem kleinen High, das halb Nostalgie und halb Ablenkung von der Grausamkeit der Rezession ist.

Er versucht, tapfer einen Ausweg aus dem Schlamassel zu finden, und dabei zerrinnt ihm sein Weltbild wie Sand zwischen den Fingern. Vom Amerikanischen Traum, von der Behaglichkeit der Mittelschicht, von der Verlässlichkeit von Lebensläufen bleibt in Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten nichts mehr übrig als grandios fiese Witze. Besser als der Arizona Republic kann man das nicht zusammenfassen: „Would be so sad if it weren’t so funny, and so funny if it weren’t so sad.“

Bestes Zitat: „Irgendwie scheint das ganze Land davon überzeugt zu sein, wir alle hätten etwas getan, das diese Katastrophe rechtfertigt, diese globale Erwärmung, diesen ewigen Krieg, diesen Haufen Scheiße, in dem wir uns befinden. Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt, unsere Zukunft verprasst, Ressourcen geplündert, in einer Luftblase gelebt. Die Ökonomen behaupten, ihre Studien dienten einer sozialen Wissenschaft, und während die Ökonomie eine Maschinerie ist, die aus enorm komplexen Systemen besteht, ist sie darüber hinaus auch organisch, eine Reflexion der Zellen, die sie ausmachen, ein Gott, geschaffen nach unserem Ebenbild, empfänglich für Gier und Stolz, alles erstickenden Neid, irrationale Ängste, Kleingeisterei, Geiz, manische Euphorie sowie sinnlose Depression. Und Schuld. Scham.“


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2 Gedanken zu “Jess Walter – „Die finanziellen Abenteuer des talentierten Poeten“

  • Stephan Glietsch

    Es freut mich, dass Ihnen meine Übersetzung von Jess Walters Roman gefallen hat. Schade nur, dass Ihnen die Leistung des Übersetzers als einem der beiden Urheber des Buches offensichtlich wenig bedeutet. Sonst hätten Sie wohl zumindest den Namen erwähnt.