Durchgelesen: Joachim Bessing – „Tristesse Royale“


"Tristesse Royale" ist ein Feuerwerk des Geistes.

„Tristesse Royale“ ist ein Feuerwerk des Geistes.

Autoren Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg, Benjamin von Stuckrad-Barre
Titel Tristesse Royale
Verlag List
Erscheinungsjahr 1999
Bewertung

Als Tristesse Royale im Herbst 1999 auf den Markt kam, da war die Reaktion in erster Linie: Hass. Das lag zunächst an der anmaßenden Herangehensweise. Drei Tage lang diskutierten Christian Kracht, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg, Benjamin von Stuckrad-Barre und Joachim Bessing (damals alle im Alter zwischen 25 und 35) im Berliner Hotel Adlon. Ihr Ziel war es, zum Abschluss des Treffens „ein Sittenbild unserer Generation modelliert zu haben“, wie Herausgeber Joachim Bessing im Vorwort formuliert.

Ein bisschen Palaver, angereichert um coole Songzitate, an dessen Ende die Erklärung für die Lage des Landes steht: Dieser Ansatz musste provozieren. Erst recht, weil die Autoren so versnobbt daherkamen. Und schließlich auch, weil sie das Diktat des perfekten Stils einforderten – und sich entsprechend angreifbar machten.

Nur wenige erkannten in dem Werk das Zukunftsweisende. Iris Radisch (Die Zeit) war eine davon. Sie sah im popkulturellen Quintett „Dandys der Postmoderne, aber vielleicht auch Abgesandte eines neuen Zeitalters, das Michel Houellebecq in seinem Roman Elementarteilchen groß und einfach das ’nachmetaphysische‘ nennt“. Das ist eine Interpretation, die sich bei der heutigen Lektüre immer wieder bestätigt. Tristesse Royale, von der Frankfurter Rundschau zum zehnten Jubiläum als „Höhepunkt und wohl auch Schlusspunkt der so genannten Popliteratur in Deutschland“ geadelt, ist eine messerscharfe Bestandsaufnahme und stellenweise sogar prophetisch.

Joachim Bessing beispielsweise erkennt, knapp zehn Jahre vor dem Zusammenbruch der Lehman Brothers, die Ausgangssituation für die Finanzkrise: „Wir gehen einfach davon aus, dass Geld immer da ist. Wir wissen, dass es nicht zu Ende geht. Wenn alle Karten gesperrt werden und American Express dir Briefe schreibt, erfährt man für einen Moment die Bedeutung des Geldes. Aber dieser Moment ist kurz, und es geht immer weiter.“

Er ist es auch, der beim Fantasieren über einen Popkünstler-Prototyp der Zukunft das Modell Lady Gaga vorwegnimmt: „Das wäre ja das beste Verschwinden. Wie Andy Warhol, Doppelgänger zu bezahlen, sein Äußeres ständig komplett verändern zu lassen, oder die Fotos und Filme und Artikel, die es über dich gibt, dauernd zu manipulieren – alles in alle Richtungen zu verzerren, zu verschieben und auch verschwinden zu lassen.“

Auch die Reflexionen über den Wandel im Journalismus und der Arbeitswelt beweisen einen genauen Blick für die wichtigsten Strömungen, die Wirkungsmacht der Kräfte, die dabei am Werke sind, und die Dimensionen, in denen scheinbar kleine Trends die Gesellschaft prägen können. Das, was bei ihnen noch „neue Berufe“ heißt, wird wenig später das berufliche Umfeld der „Generation Praktikum“ sein (und noch ein bisschen später das der Digitale Bohème).

Freilich muss man betonen: Tristesse Royale ist stets zukunftsweisend, allerdings ohne es sein zu wollen. Es gibt in diesem Buch keine Spur von erwachsener Tatkraft, sondern schon eher pubertäres Schwadronieren, dem durchaus auch Elemente des Angebens, des Konkurrierens und Spintisierens innewohnen. Am Konkreten, gar Politischen, ist den Autoren wenig gelegen. Man merkt ihnen an, wie sehr sie des 20. Jahrhunderts überdrüssig sind, aber sie sind weit davon entfernt, eine Utopie als Gegenmodell zu entwickeln oder Reformen anzuregen. Sie haben schlicht keine Lust, sich anzustrengen. Und sie haben erkannt, dass es im Zweifel weniger die Bundestagswahlen sind, die unser Leben prägen, als vielmehr der Plattenschrank. Nirgends wurde zuvor in Deutschland so gut erklärt, was Pop ist, wie er entsteht und wie er unsere Gesellschaft durchdringt.

Alles ist Langeweile für diese fünf Autoren, alles ist Ironie, trotzdem nehmen sie ihre Sujets todernst. Kracht, Nickel, von Schönburg, von Stuckrad-Barre und Bessing liefern ein Feuerwerk des Geistes, ebenso von Popkultur wie vom Bildungsbürgertum geprägt. Sie reflektieren, analysieren und philosophieren und zeigen so letztlich: Bei allem Verfall und Niedergang, den sie attestieren, bestimmt letztlich dennoch die Kultur das Leben und das Selbst.

Dass diese Analyse auch noch eine hoch unterhaltsame Lektüre wird (selbst 14 Jahre später noch) belegt: Ihre Exzellenz begründet sich auf Geschmack, Stil und nicht zuletzt auf Intelligenz. Sie gefallen sich natürlich als Snobs, Yuppies und Dandys. Die richtige Marke für Hemden und Anzüge wird hier mit derselben Selbstverständlichkeit und Nonchalance diskutiert wie der Einfluss von Spindoctors auf die Politik oder die Chancen, die ein weiterer Weltkrieg bieten könnte.

Nur einen Megatrend erkennen die Autoren erstaunlicherweise nicht: die Kraft des Marketings, die vielen der in Tristesse Royale besprochenen Phänomene und Widersprüche zugrunde liegt. Doch auch ohne diese Quelle zu benennen, werden die Folgen seziert, mit der erstaunlichen Erkenntnis, die auch heute noch unser Leben prägt: Die Realität ist nicht nur im Erleben flüchtig, sondern schon in ihrer Entstehung. Sie ist manipulierbar, sie kann geschaffen werden, einfach so aus dem Nichts (also: dem Marketing) heraus.

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