Durchgelesen: Joachim Bessing – „Untitled“


Joachim Bessing erzählt in "Untitled" von einem Mann, der sich selbst entdeckt - und die Liebe.

Joachim Bessing erzählt in „Untitled“ von einem Mann, der sich selbst entdeckt – und die Liebe.

Autor Joachim Bessing
Titel Untitled
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Er ist 39. Er trifft Julia, durch Zufall, bei einer Party. Er ist hin und weg. Zum ersten Mal in seinem Leben verliebt. Doch er hat ein Problem: „Julia ist verheiratet. Und zwar nicht mit mir.“

Das ist die Ausgangssituation in Untitled, dem zweiten Roman von Joachim Bessing. Der 42-jährige Autor, mittlerweile in Addis Abeba lebend, wird spätestens seit seiner Funktion als Herausgeber des famosen Philosophier- und Schwadronierbändchens Tristesse Royale mit dem Begriff der Popliteratur verbunden. Dass er mit diesem Label offensichtlich kein Problem hat, beweist Untitled: Stilfragen spielen in diesem Roman eine ebenso große Rolle wie Coolness und scheinbare Oberflächlichkeiten. Gleich auf der ersten Seite beschreibt der namenlose Ich-Erzähler sein Outfit (erstaunlicherweise, ohne die Marke zu nennen, was eigentlich typisch für Joachim Bessing wäre), auf der zweiten Seite wird sein guter Musikgeschmack herausgestellt (er hört gerne Cat Power) und zudem die Droge seiner Wahl eingeführt (Ketamin, zumindest in dieser Szene).

Passend zu diesen Themen arbeitet der Erzähler als Modejournalist bei einem Hochglanzmagazin. Sein Weltbild, das fast nur aus Pop und Hedonismus zu bestehen scheint, umschreibt er so: „Ich habe von Anfang an nur über schöne Dinge geschrieben, weil mir zu Krisen und Kriegen, zu Immobilienpreisen oder Sportereignissen nichts einfällt. Ich verstehe nicht, worum es im Nahostkonflikt geht. Da bleiben nur die Handtaschen übrig, die Schmuckuhrenkollektionen und Parfums, die nach Buchsbaum duften, und Springreitturniere im Grand Palais. So sieht es aus.“

Als „unfassbar zeitgenössisch“, hat Rainald Goetz (der als Figur auch in Untitled auftaucht) diesen Roman in der Zeit gelobt. „Endlich wieder mal ein Buch von heute, für heute. Endlich wieder mal ein echter Poproman. Was auch heißt: das Buch klingt gut, weil Sound und Sprachaufmerksamkeit und Sprache stimmen“, schwärmr er. Es wäre freilich ein Fehler, Untitled auf die Welt des guten Geschmacks und die Attitüde des Snobs zu reduzieren. „Maßlos, hypernarzisstisch und altmodisch selbstverliebt“ hat der ORF diesen Roman genannt, und all das trifft zweifellos zu. Auch die Rolle, die iTunes, iPhone und iPad heutzutage in einer Beziehung (oder deren Anbahnung) spielen können, die viele andere Rezensenten herausgehoben haben, ist zweifellos gekonnt integriert. Aber all das ist weit davon entfernt, der Kern dieses Buchs zu sein.

Denn der Kern dieses Buches ist der Schmerz. Der Erzähler hat zu Beginn ein Riesen-Ego, das noch zusätzlich gestreichelt wird vom Jetset-Leben zwischen Fashion Week, Business Class und After-Show-Party. Dann trifft er Julia, und er weiß sofort, wie fundamental diese Begegnung ihn verändern wird. „Das wird in mir Regler verschieben, die sich nie wieder in die Ausgangsposition zurückschieben lassen“, findet Bessing ein wunderbares Bild dafür. Ab diesem Moment ergibt er sich in die völlige Aufgabe des Selbst, in das totale Verschmelzen mit Julia und mit der Liebe. „Ich musste mich setzen und empfand etwas Ungewohntes. Das war die Demut. Zum ersten Mal in meinem Leben. Unaufgefordert. Ich hätte es nie und nimmer für möglich gehalten, zu einem solch kleinlauten Gefühl überhaupt fähig zu sein. So etwas aus der Mode Gekommenes wie Demut überhaupt empfinden zu können“, lautet eine Stelle, an der ihm seine Verwandlung bewusst wird.

Auf jeder zweiten Seite liefert Joachim Bessing einen sehr schlauen Satz, nicht (nur) über Pop, Mode, Party und Musik, sondern über die Liebe, das Leben, die Menschen. „Es war der beste Kuss, den ich jemals bekommen hatte. Es war nämlich, als würde ich mich selbst küssen“, ist so ein Beispiel. Oder auch „Man will ja lieber für verrückt gehalten werden, als das Leiden zu offenbaren. Nur: beim Verliebtsein wird das irgendwann eins.“ Vieles in diesem Buch erinnert an Benjamin von Stuckrad-Barres Soloalbum, das andere Großwerk der deutschen Popliteratur, aber hier ist der Protagonist doppelt so alt, das macht alles doppelt so intensiv, doppelt so schmerzhaft und doppelt so klug.

Was dieser Mann fühlt, ist ein Verliebtsein, das keinen Platz mehr lässt für andere Gefühle und Bedürfnisse, für Hunger und Müdigkeit, Spaß und Ehrgeiz. Er steckt sehr bald fest in seiner Besessenheit und Sehnsucht, in seinem Verzehren und schafft es mehr schlecht als recht, neben all dem noch einen Alltag (und sogar einen Beruf) zu simulieren – zumal Julia ebenfalls wie berauscht ist von dieser Begegnung, ihm keine Hoffnungen macht, aber die Schwärmerei ebenso genießt und pflegt. Er flieht vor Julia und reist ihr nach, er verklärt sie, macht eine Illusion aus ihr, ein Ideal.

Er weiß genau, dass dieses Gefühl genauso sehr seiner eigenen Einsamkeit und Konstruktion entspringt wie dem Mund, den Gesten und dem Geist seiner Angebeteten („So ist das Gefühl, wenn wir miteinander sprechen: Streicheln mit Stimmen. Anfassen von Gehirn zu Gehirn“, ist eine von vielen unfassbar poetischen Umschreibungen ihrer Verbundenheit). Gerade das macht diese Figur so packend, denn Untitled ist nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern auch ein Roman über einen Mann, der sich selbst entdeckt. Es gibt viel Leid, Jammer und Qual, in diesem Buch, aber das wirkt nie larmoyant, sondern aufrichtig gefühlt, rührend. Man möchte diesen Mann bemitleiden, und man beneidet ihn zugleich um die Intensität und Unbedingtheit dieses Gefühls.

Von Anfang an wird sein Taumel immer wieder gebrochen durch den Ausblick auf den Schmerz, in den dieser Taumel führen wird. Die Sehnsucht nach Julia ist dabei so groß, dass Untitled durchaus auch spannend wird: Dass sich dieser Mann mit einem „Nein“ abfinden könnte oder einem „Lass uns gute Freunde bleiben“, ist von Anfang an ausgeschlossen. Die Botschaft am Ende ist deshalb: Die einzig mögliche Entsprechung der Liebe jenseits der Liebe ist die Kunst.

Bestes Zitat: „Und das nächste Mal, wenn ihr mit eurem Schweizer Messer ein Herz mit einem Pfeil in den Baum schneidet, sollte euch eins bewusst sein: Eines Tages kommt eine Person, die wird sein wie dieses Messer, und dann seid ihr plötzlich der Baum.“

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