Durchgelesen: Jochen Distelmeyer – „Otis“


Autor Jochen Distelmeyer

Jochen Distelmeyer geht mit "Otis" unter die Schriftsteller - und verhebt sich.

Jochen Distelmeyer geht mit „Otis“ unter die Schriftsteller – und verhebt sich.

Titel Otis
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Jochen Distelmeyer ist Musiker. Vielleicht muss man das noch einmal erklären, denn vielleicht ist es Teil des Problems. „Kein anderer deutscher Songschreiber beherrscht es in gleicher Weise, die fein nuancierten, manchmal furchtbar diffusen Gefühle, die uns umtreiben, so anrührend und präzise, so brutal klar in Worte und Musik zu fassen wie er“, hat ihn Spiegel Online gepriesen. Im vergangenen Jahr badete er bei der Jubiläums-Tour von Blumfeld in den Meriten, die sich die Band mit Platten wie L’État et moi oder Testament der Angst erarbeitet hatte. Jetzt will er Schriftsteller sein: Heute erscheint Otis, sein erster Roman.

Seine Hauptfigur ist Tristan Funke, ein Thirtysomething, der aus Liebeskummer von Hamburg nach Berlin gezogen ist, nachdem seine Freundin Saskia ihn für einen anderen verlassen hatte. Jetzt will Tristan einen Roman schreiben, mit einer Hauptfigur namens Otis und einer Idee, die er in einem Gespräch so umreißt: „Ich versuche die Odyssee von Homer mit der Geschichte eines flüchtigen Filesharing-Programmierers kurzzuschließen.“

Richtig gut voran kommt Tristan nicht, was – ebenso wie die nicht überwundene Trennung von Saskia, weitere Frauenprobleme und permanente Geldsorgen – sein Selbstvertrauen arg leiden lässt. Er sieht „sich selbst als Ausdruck einer heruntergewirtschafteten Epoche“, heißt es an einer Stelle, und seine Mitmenschen meinen es auch nicht gut mit ihm, als die Handlung im Februar 2012 einsetzt. Sein bester Freund Ole will in die USA auswandern, nebenan entsteht eine riesige Baustelle, die konzentriertes Arbeiten an seinem Roman unmöglich macht, und dann soll Tristan auch noch auf seine 18-jährige Cousine Juliane aufpassen, die zu Besuch in Berlin ist.

Das ist schon fast alles, was der Plot von Otis hergibt, und wer das etwas dünn findet, liegt völlig richtig. Schwerer als die Abwesenheit von Spannung, Relevanz oder einem halbwegs tragfähigen Konflikt (manchmal wirkt Tristan wie der Protagonist aus Benjamin von Stuckrad-Barres Soloalbum, um 15 Jahre gealtert, aber kein bisschen schlauer geworden) wiegt hier aber die völlig missratene Form. Mit seiner Idee vom Buch im Buch und den Bezügen zur antiken Literatur (natürlich durchlebt auch Tristan hier seine ganz eigene Odyssee) verhebt sich Distelmeyer kolossal.

Nach einem knappen Fünftel dieser 282 Seiten gewährt er einen Blick ins Arbeitszimmer seiner Hauptfigur. „Auf den Fensterbänken, einem Schreibtisch und dem kleinen Sideboard neben dem Bett stapelten sich Bücher, Notizen und Zeitungsausschnitte, die er für seine Arbeit zusammengetragen hatte. Stumme Zeugen seiner Gedankengänge“, heißt es da, und die potenziellen Themen reichen von Amokläufen über Dopingskandale bis hin zu schamanistischen Heilritualen.

Genau diese chaotische Themenfülle ist das Kernproblem von Otis, denn sie prägt nicht nur die Arbeitsweise des fiktiven Schriftstellers Tristan Funke, sondern auch die des realen Schriftstellers Jochen Distelmeyer. Der Autor meint offensichtlich, hier alles reinpacken zu müssen, was ihn irgendwann innerhalb der vergangenen Jahre beschäftigt hat, und so enthält Otis seine überschaubar originellen Gedanken beispielsweise zur Interpretation der Odyssee, zur Affäre um Christian Wulff, zum Berliner Holocaust-Mahnmal oder zur Faszination des professionellen Dartsports. Dazu baut Distelmeyer noch ein halbes (und durchaus amüsantes) Theaterstück ein.

Was das alles mit der hier zu erzählenden Geschichte zu tun haben soll, fragt man sich schnell, doch der Autor bleibt eine Antwort schuldig. Auch die Idee, das selbstverliebte, pseudo-philosophische Schwafeln der Berliner Kreativen als Stilmittel einzusetzen, geht schief, weil Distelmeyer in diesem Buch selbst nicht frei davon ist. Zusätzlich aufgebläht wird der Roman durch ausgiebige Schilderungen nebensächlicher Äußerlichkeiten, eine Unart, die Distelmeyer von Joachim Bessing übernommen zu haben scheint. Die Marken und Schnitte der Klamotten, das Menü im Sternerestaurant, die Inneneinrichtung einer Bar – alles wird in größter Detailgenauigkeit referiert, ohne irgendeinen Mehrwert für den Plot, die Figurenzeichnung oder die Atmosphäre von Otis zu liefern.

Regelmäßig werden neue Figuren wie ein Busfahrer oder ein Verleger sehr ausführlich vorgestellt, mit Innenleben und Karrierestationen, ohne dass sie dann im weiteren Verlauf des Romans noch eine große Rolle spielen würden. Auch hier muss man vermuten, dass sie nur Platzhalter sind für noch ein paar Distelmeyer-Ansichten zu noch ein paar Distelmeyer-Themen. Das nimmt dem Leser die Möglichkeit, die Figuren selbst kennen zu lernen und nährt den Verdacht, dass der Autor es womöglich nicht vermag, seine Protagonisten mit anderen Mitteln vorzustellen und etwas behutsamer, filigraner mit Leben zu erfüllen.

Dass Distelmeyer ein wenig selbst übermannt wurde von seinem Sujet, bestätigt er im Interview mit der Welt zumindest indirekt selbst. „Bei der Arbeit zu meiner nächsten Solo-Platte begann ich bereits, mich für die Odyssee zu interessieren. Aber meine Faszination für den Stoff und meine Ideen und Gedanken wuchsen sich immer weiter aus, sodass ich den Eindruck hatte, das ist für ein Album von 12 bis 16 Songs zu umfangreich und zu viel. Möglicherweise auch von der Thematik her zu schwer. Noch in einer Phase, in der ich dachte, ich muss es vielleicht hintanstellen, sind mir bei einem Spaziergang 2011 die ersten vier Seiten zugeflogen, wie bei einer Art Spoken-Word-Text“, beschreibt er da die Initialzündung für sein Buch.

Otis enthält durchaus schlaue Gedanken, Distelmeyer ist immer dann gut, wenn er sich der Poesie annähert und der Gefühlswelt seiner Protagonisten, ihrem Liebeskummer, ihrer Sehnsucht und ihren Beziehungen. Er wird aber leider mitunter abstrus, wenn er sich zur Politik äußert. Und vor allem wirkt der Blick auf Asylpolitik oder Piratenpartei stets gezwungen, als hätte der Autor ein altes Notizbuch gefunden und versucht, ein paar darin skizzierte Gedanken notdürftig in einen Plot zu integrieren und die fehlende Substanz der Handlung durch Schwatzhaftigkeit zu ersetzen. Ausgerechnet an der Form scheitert Distelmeyer, der aufgrund seines Schaffens mit Blumfeld durchaus als ausgewiesener Stilist hatte gelten können.

Es gibt schlicht und ergreifend viel zu viele Passagen in Otis, die wie hereingepresst wirken und dem Buch einen schockierend bemühten Charakter verleihen. Ein Beispiel ist der Monolog von Tristans potenziellem Verleger: „Schicksalsglaube ist selektive Wahrnehmung. Eine die vernutzungslogische Erklärung der Welt unterwandernde, sie überhaupt erst bereichernde Verknüpfung der Dinge. Der Schicksalsgläubige wie der Künstler widersetzt sich einer selbst immer schon abergläubischen Verwertungslogik, indem er eine abweichende Sicht auf die in bloße Zufälligkeiten zerfasernde Welt eröffnet. Einen den Tausch ermöglichenden Zusammenhang stiftet, den Wert überhaupt erst setzt, indem er die Welt als beseelt und zusammenhängend darstellt und kraft seines Lebens diesen Wert beglaubigt. Damit steht der Künstler in offener Konkurrenz zu einer hysterisch-spekulativen Finanzideologie, die die Welt zum bloßen Spielball der Profiterwartungen verschachert und langfristig das Leben auf dem Planeten zerstört.“

Das ist interessant, sogar hellsichtig, aber es ist kein Stoff für Prosa, zumal der Gedanke nicht weiter verfolgt wird und der Verleger nach dieser Szene nie mehr auftritt. Eine Sammlung von Essays, ein paar Leitartikel, vielleicht auch der eine oder andere Popsong – all das wäre die viel bessere Form für das Material gewesen, das Distelmeyer hier verarbeiten möchte. Als Roman ist Otis völlig misslungen.

Bestes Zitat: „Die ihn umgebenden Materialien und Ergebnisse seiner gewissenhaften Lektüren waren statt zu Wegweisern Schutzwälle geworden, die ihn zwar vor einer womöglich schmerzvollen Auseinandersetzung mit den eigenen Erfahrungen bewahrten, ihn aber so nur mehr in die Irre geführt hatten. Über den Schreibtisch gebeugt, bemerkte er mit einem Mal, wie weit er sich von seiner Geschichte entfernt hatte. Und in dieser fast absichtsvollen Verfehlung glaubte er jetzt so etwas wie das Wesen des Literarischen selbst erkennen zu können. Im In-die-Irre-Gehen des Künstlers, dessen Selbstaufgabe und Opferung und eigentlichen Dienst für die Gemeinchaft.“

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