Durchgelesen: John Grisham – „Die Erbin“


Mit "Die Erbin" knüpft John Grisham in mancher Hinsicht an "Die Jury" an.

Mit „Die Erbin“ knüpft John Grisham in mancher Hinsicht an „Die Jury“ an.

Autor John Grisham
Titel Die Erbin
Originaltitel Sycamore Row
Verlag Heyne
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Seth Hubbard hat sich erhängt. In einer beschaulichen Gegend wie Ford County ist das Aufsehen erregend genug, auch wenn viele wussten, dass der alte Mann an Lungenkrebs erkrankt war und ohnehin nicht mehr lange zu leben hatte. Doch der Selbstmord liefert noch mehr Grund für Empörung: Der eigenbrötlerische Unternehmer hat kurz vor seinem Tod seine beiden Kinder enterbt. Stattdessen vermacht er, und das befeuert im Mississippi des Jahres 1988 erst recht die Gerüchteküche, sein riesiges Vermögen seiner Haushälterin Lettie Lang. Und die ist, und damit sind wir beim eigentlichen Skandal dieses Falls, eine Schwarze.

Mit dieser Exposition schafft John Grisham in seinem neuen Roman die Grundlage für einen spannenden 700-Seiten-Thriller, den man manchmal verschlingen will, so spannend ist er. Der Vielschreiber (dies ist sein Roman #22) setzt dabei nicht auf sprachliche Finesse, philosophische Reflexionen oder glamouröse Figuren. Der Star in diesem Buch ist die Handlung.

Die Hauptfigur in Die Erbin ist Jake Brigance, ein engagierter, aber finanziell nicht auf Rosen gebetteter Anwalt. Seth Hubbard, der seinen Selbstmord minutiös geplant hat, beauftragte ihn am Tag vor seinem Freitod per Post mit der Vollstreckung des Testaments. Das ist keine einfache Aufgabe, den es geht um viele Millionen Dollar, und die beiden Kinder von Seth, die zu dessen Lebzeiten nicht viel von ihm wissen wollten, fechten das Testament an, um ihren Stück vom Kuchen abzubekommen. Sie berufen sich auf ein zwei Jahre altes Testament, das Seth damals abgefasst, kurz vor seinem Tod aber für ungültig erklärt hatte. Jake Brigance muss beweisen, dass der alte, todkranke Mann genau wusste, was er tat, als er sein neues Testament verfasste – und dass er von seiner Haushälterin Lettie nicht unzulässig beeinflusst wurde.

Es läuft nicht allzu rund für ihn – nicht nur, weil er ein ganzes Heer von Anwälten gegen sich hat. Seine Sekretärin kündigt, zwei andere Anwälte, die ihm helfen wollen, sind meistens betrunken und auch Lettie und ihre chaotische Familie sind nicht immer hilfreich bei seinen Versuchen, die Rechtmäßigkeit des Testaments zu beweisen. Nicht zuletzt plagen Jake auch Selbstzweifel, ob er, der sonst fast nur mit Bagatellen beschäftigt ist, diesem spektakulären Fall wirklich gewachsen ist. Am liebsten „würde er das Handtuch werfen und den nächstbesten Autounfall annehmen“, denkt er in einem besonders kritischen Moment. „Alles wäre besser als ein juristisches Hauen und Stechen, bei dem er nur unterliegen konnte. Das Honorar hätte er gern genommen, aber die Kopfschmerzen brauchte er nicht.“

Es ist die Brüchigkeit dieses Charakters, aus der Die Erbin einen großen Teil seines Reizes bezieht. Nicht zuletzt, weil John Grisham diesen Anwalt auf sehr geschickte Weise überhöht. Nach und nach baut er dabei zwei Fronten auf: Auf der einen Seite stehen Seth Hubbard (der nichts anderes will, als auf seinem letzten Willen zu bestehen), Jake Brigance (der nichts anderes will, als den Respekt vor dieser Entscheidung einzufordern) und Lettie Lang (die nie damit gerechnet hatte, eine Millionenerbin zu werden, jetzt aber darauf pocht, dass Recht und Gesetz akzeptiert werden). Sie alle sind weitgehend selbstlos und kämpfen in erster Linie für Prinzipien. Auf der anderen Seite stehen die Kinder des Verstorbenen mit ihren gewieften Anwälten – sie wollen nur einen möglichst großen Batzen Geld aus dem Erbe.

Das sorgt für eine beachtliche moralische Fallhöhe, die noch vergrößert wird durch den Rassismus, der hier nicht nur auf den ersten Blick das wichtigste Motiv wird. Jake wird vom Ku Klux Klan bedroht, seit er in einem spektakulären Prozess einen Freispruch für einen Schwarzen erreicht hatte (es ist der Fall, den Grisham in seinem Bestseller Die Jury erzählt hatte, in gewisser Weise kann Die Erbin also als dessen Fortsetzung gelten). Bei der Auswahl der Geschworenen ist die Hautfarbe für die Anwälte beider Seiten das wichtigste Kriterium. Und Lettie steht bald selbst vor der Frage, ob sie im Falle eines Erfolgs vor Gericht damit klar kommt, die reichste Schwarze in Ford County zu sein.

Grisham lässt seinen Plot um diesen Konflikt herumtänzeln und er hat auch in Die Erbin viele Überraschungen zu bieten. Zu den größten Kniffen zählt dabei, die Vorbereitungen für den Prozess so ausführlich zu schildern, dass man als Leser gar nicht mehr sicher sein kann, ob die Handlung am Ende tatsächlich noch im Gerichtssaal ankommt – und das ist natürlich ein herrlich ironischer Winkelzug von einem Autor, der in erster Linie für seine Justizthriller bekannt ist. Am Ende des Buchs steht eine schockierende, unter die Haut gehende Pointe – und die Erkenntnis, dass John Grisham in diesem Metier noch immer die Maßstäbe setzt.

Bestes Zitat: „Wie alle Anwälte wurde er hin und wieder von Studenten gefragt, ob er es empfehlen könne, als Anwalt zu arbeiten. Er war nie so ehrlich gewesen, mit Nein zu antworten, obwohl er viele Vorbehalte hatte. Es gab zu viele Anwälte und zu wenig gute Mandate.“

Es gibt einen Trailer zum Buch:

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