Durchgelesen: John Peel – „Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt“


Autoren John Peel und Sheila Ravenscroft

Als Kenner, Enthusiast und Witzbold erweist sich John Peel in seinen halbfertigen Memoiren.

Als Kenner, Enthusiast und Witzbold erweist sich John Peel in seinen halbfertigen Memoiren.

Titel Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt
Originaltitel Margrave Of The Marshes
Verlag Rogner & Bernhard
Erscheinungsjahr 2005
Bewertung

In einem Schulzeugnis wurde der kleine John Peel, der damals noch John Robert Parker Ravenscroft hieß, von seinem Lateinlehrer einmal als „auf liebenswürdige Weise inkompetent“ bezeichnet. Es ist nicht allzu böse, dieses Urteil auch auf seine Radiosendungen zu übertragen.

John Peel war legendär für seine Eigenart, Platten gelegentlich bei der falschen Geschwindigkeit abzuspielen, gefolgt von einem „Sorry, folks“, das beinahe zu seinem Markenzeichen geworden ist. Er war inkompetent in dem Sinne (und in den Augen etlicher Kollegen), dass er in keiner Weise in der Lage war, sich den gängigen Anforderungen des jeweiligen Radioformats anzupassen, das er betreute. Und nicht zuletzt machte sein persönlicher Charme einen großen Teil seines dauerhaften Erfolgs aus. „Es wuchs immer eine Generation nach, die ihn für sich entdeckte und durch ihn Entdeckungen machte. Dafür wurde er geschätzt. Geliebt wurde John Peel, weil er John Peel war. Aufrichtig und unbestechlich, ohne Allüren, den Bullshit-Detektor stets in Betrieb“, schreibt Wolfgang Doebeling, der beste Musikkritiker Deutschlands, passend dazu im Vorwort zur deutschen Ausgabe dieses Buchs.

Doebeling ist einer in der Legion all derer, die von John Peel geprägt wurden, durch die persönliche Begegnung, aber auch als Teil seines Publikums. „Ihm allein war es zu verdanken, dass die Welt diese Platten von kleinen und kleinsten Labels zur Kenntnis nahm, die irrlichternde Vielfalt von Bands, die weit unterhalb des Radars etablierter Labels ihrer Leidenschaft frönten, unerhörte neue Klänge kreierend, unbotmäßige Botschaften verbreitend. Peel war Inspirator und Katalysator zugleich, als Radio-DJ natürlich, aber auch als Kolumnist und Kritiker“, würdigt Doebeling den laut Untertitel dieses Buchs einflussreichsten DJs der Welt.

Peel war fast 40 Jahre lang bei der BBC zu hören. Stets verstand er seine Sendungen als Plattform für neue, ungewöhnliche Künstler. So trug er erheblich dazu bei, dass Acts wie die White Stripes, The Smiths, Belle and Sebastian, Jimi Hendrix, Roxy Music oder David Bowie ein größeres Publikum finden konnten. Diese Biografie macht eindrucksvoll deutlich, wie unersättlich seine Suche nach dem Neuen war, nach Aufruhr und Experiment.

„Die meisten meiner Hörer halten mich fünf Jahre aus. Dann wird es ihnen zu anstrengend und sie ziehen sich auf ihre Plattensammlung zurück“, schreibt John Peel an einer Stelle in diesen Memoiren. Es ist ein typisches Zitat, denn eine seiner charakteristischsten Eigenschaften war ein toller, liebenswerter Humor, der davon lebte, dass er zwar die Musik ernst nahm, aber keineswegs das Musikgeschäft und erst recht nicht seine eigene Rolle darin. Die Lektüre von John Peel – Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt wirkt fast wie eine Sitcom: Jeder vierte Satz bringt eine Pointe. Rockstars begegnet Peel ebenso ohne übertriebene Ehrfurcht wie Programmchefs, das Buch ist entsprechend offenherzig und bietet viele amüsante Spitzen und interessante Details.

Das Werk eine „Autobiografie“ zu nennen, ist dennoch nur halb richtig: John Peel hat es nur zur Hälfte fertig bekommen, bevor er am 25. Oktober 2004 während eines Aufenthaltes in Peru (elf Tage nach seiner letzten Sendung) unerwartet starb. Der von ihm verfasste Teil reicht bis etwa Mitte der 1960er Jahre, erreicht also nicht einmal den Zeitpunkt, als er bei der BBC anheuerte. Peel macht aus diesen rund 200 Seiten eine quasi chronologische Lebensgeschichte mit Einsprengseln über seine DJ-Tätigkeit, innerhalb derer Peel in der Zeit hin- und herspringt, wie es gerade zum Thema passt. Bezeichnend: Nur selten stellt er sich dabei selbst in den Mittelpunkt. Meist geht es um die Kommunikation, also den Einfluss von Kollegen, die Begegnungen mit Musikern oder, sehr häufig, um die Korrespondenz mit seinen Hörern.

„Seine Erinnerungen hat der DJ so unterhaltsam und exzentrisch angelegt wie seine Radio-Shows (…) Für trauernde Verehrer ist dieses Buch ein herrlicher Trost“, hat der KulturSpiegel den Charakter dieser Kapitel ganz richtig umschrieben. Peel erzählt von seiner Kindheit in den Kriegsjahren mit vielen Zurückweisungen und fast völlig ohne Erfolgserlebnisse oder Bestätigung, von Schikanen (und einer Vergewaltigung) in der Schule, von der trostlosen Zeit beim Militär und seinen Abenteuern in den USA, wo ihn sein Vater hingeschickt hatte in der Hoffnung, der Filius werde dort Karriere im Baumwollgeschäft machen können. Stattdessen gabelte der junge John Peel reihenweise US-Girls auf, die hofften, er könne sie näher an die Beatles heran bringen (schließlich, so ihre überzeugende Schlussfolgerung, war er ja auch Engländer), und startete seine ersten Versuche als Radio-DJ.

Die zweite Hälfte des Buchs hat seine Frau Sheila, seit 1974 mit Peel verheiratet, verfasst und dabei auf Aufzeichnungen und Archivmaterial zurückgegriffen. Unter anderem nutzte sie seine Tagebücher und Zeitungskolumnen, wobei sich zeigt, dass Peel in letzteren erstaunlicherweise fast so offenherzig wie in ersteren war. Dennoch sorgt die Zäsur für einen zunächst gewöhnungsbedürftigen Bruch im Stil: Teil 1 ist eine hoch amüsante, sehr kurzweilige und launige Autobiografie, Teil 2 hat eher den Charakter eines Sachbuchs. Doch zum einen zeigt dieser Bruch nur noch deutlicher, wie groß der Verlust durch den Tod von John Peel ist. Zum anderen liefert auch Teil 2 viele erhellende Hintergründe.

Peels teilweise sehr innige Beziehungen zu Rockstars wie Marc Bolan oder Robert Wyatt werden porträtiert. Es wird deutlich, dass seine Sendungen durchweg als Mitmach-Radio konzipiert waren, sie waren interaktiv, bevor es den Begriff überhaupt gab. Die Erinnerungen seiner Frau machen nicht zuletzt deutlich: John Peel war die richtige Person (ein exzellenter Musikkenner, aber noch mehr ein Enthusiast) im richtigen Medium (der goldenen Ära, als das Radio noch das Epizentrum der Popkultur war) für das richtige Publikum (eine Zeit und ein Land, die süchtig nach neuen Klängen waren). Zugleich ist John Peel – Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt das Dokument einer oft unglaublich verstockten, konservativen Zeit. Als Hippie, als Wegbereiter für Punk, als weltoffener Fürsprecher für nicht-westliche Musik eckte Peel immer wieder an, auch dann noch, als sich die Beatles bereits „Sir“ nennen durften, selbst mitten im angeblich so liberalen Swinging London.

Vor allem aber unterstreicht das Buch immer wieder, wie unbedingt die Abneigung John Peels gegen das Gewöhnliche und den Mainstream war. Ohne seine Gier auf Neues, ohne seinen Mut, auch seinen Hörern die permanente Horizonterweiterung zuzumuten, die für ihn das Wesen der Liebe zur Musik war, wären ganze Musikrichtungen unmöglich gewesen.

John Peel war für die Musikwelt das, was in der Finanzbranche ein „Inkubator“ genannt wird: ein Möglichmacher, ein Mann mit Fantasie und Wille zum Risiko, ein Mentor. Sein Investment bestand dabei freilich nicht in Risikokapital, sondern in Reichweite und vor allem in Begeisterung. „Betrachten Sie meine Sendungen als eine Art Forschungslabor. Laut und nicht immer wohlriechend, aber gelegentlich doch die eine oder andere Formel hervorbringend, die sich vermarkten lässt“, hat er dieses Konzept in einem Brief an einen Hörer einmal selbst umrissen.

Dieses Buch unterstreicht: Neugier, Enthusiasmus und die ständige Bereitschaft, sich überraschen und herausfordern zu lassen, waren der Treibstoff nicht nur für John Peels Sendungen, sondern letztlich für seine ganze Persönlichkeit. Auch das macht ihn zum Vorbild der Indie-Kultur: Er hatte nie eine klare Vorstellung von seinem Leben oder gar seiner Karriere. Er wollte am liebsten immer nur ein Musikfan sein. Und er hat es geschafft, daraus einen Lebensinhalt zu machen.

Bestes Zitat: „Damals hatte Heartbreak Hotel den gleichen Effekt auf mich, als wenn ein nackter Außerirdischer zur Tür hereinmarschiert gekommen wäre und mir verkündet hätte, er wolle bei mir bleiben bis ans Ende meiner Tage. (…) Heartbreak Hotel hatte etwas Furchteinflößendes, etwas unzüchtig Animalisches, etwas, das ernsthaft außer Kontrolle geraten war.“

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