Jonathan Franzen – „Unschuld“


Autor Jonathan Franzen

Cover des Romans "Unschuld" von Jonathan Franzen

Als sein Opus Magnum will Jonathan Franzen „Unschuld“ verstanden wissen.

Titel Unschuld
Originaltitel Purity
Verlag Rowohlt
Erscheinungsjahr 2015
Bewertung

Als Opus Magnum von Jonathan Frantzen ist Unschuld angekündigt. Der Autor, 56, scheint im richtigen Alter dafür. Auch der Umfang spricht dafür: 832 Seiten hat sein neuer Roman, also noch mal rund 50 mehr als sein auch schon üppiger Weltbestseller Die Korrekturen aus dem Jahr 2001. Vor allem aber ist es die schiere Menge an Ideen, Beziehungen, Bonmots, Verweisen und ganz großen Themen, die Jonathan Franzen hier angeht, die diese Bezeichnung zu rechtfertigen scheinen.

Gleich auf den ersten beiden Seiten tauchen Schindluder mit Erneuerbaren Energien, Zwänge durch Studienschulden und Too-Big-To-Fail-Banken auf. Später kommen noch die Stasi, Wikileaks, Sex mit Minderjährigen, die Finanzkrise, naive Internet-Begeisterung oder bewusste Ernährung hinzu. Es gibt in der Tat ein paar Stellen in Unschuld, an denen man als Leser aufstöhnen möchte vor lauter Relevanz und Aktualität. Manchmal merkt man auch, dass Jonathan Franzen hier lediglich ein Forum für lange ausgebrütete Gedanken gesucht (und gefunden) hat, ob sie nun zwingend in diesen Plot gehören oder nicht.

Aber was für einen Plot er dann doch bietet! Und was für Figuren! Unschuld beginnt mit der Vorstellung von Pip Tyler, die eigentlich Purity heißt und dem Roman seinen Namen verliehen hat. „Ich weiß, ich bin abnormal. Das ist der Refrain meines Lebens“, lautet die Selbstbeschreibung der 23-Jährigen. Ihre depressive Mutter verheimlicht ihr schon ein Leben lang, wer ihr Vater ist. Ihre WG in einem besetzten Haus in Oakland gleicht einem Horrorkabinett. Ihr Liebesleben sieht auch nicht gerade blendend aus.

Die zweite Hauptfigur ist Andreas Wolf. Er ist Anfang 50 und stammt aus einem Haus, das man in jedem anderen Land als der DDR „bürgerlich“ genannt hätte, mit einer Professorinnen-Mutter und einem Parteibonzen-Vater. In Ost-Berlin wurde er erst zum Dissidenten, dann zum telegenen Bürgerrechtler. Schließlich gründete er die Enthüllungsplattform „Sunlight Project“, die er von Bolivien aus betreibt, weil ihn sein Engagement als Whistleblower in fast allen anderen Ländern der Welt zur Persona non grata gemacht hat.

Pip und Andreas verbindet eine ebenso intensive wie gestörte Beziehung zu ihrer Mutter und die Tatsache, dass beide nicht wissen, wer ihr richtiger Vater ist. Sie ist auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage, er hat sich damit abgefunden, dass ihm ein Leben lang ein anderer Mann als angeblicher Vater vorgesetzt worden ist, nachdem er als Teenager davon erfahren hat, dass der mysteriöse Parteifunktionär ihn zwar großgezogen, aber nicht gezeugt hat.

Durch etliche Irrungen und Wirrungen begegnen sich Pip und Andreas in diesem deutsch-amerikanischen Gesellschaftsroman und stellen fest, dass sie noch viel mehr verbindet. Dass Jonathan Franzen mit einer so unverhohlen konstruierten Beziehung durchkommt, zeugt von seiner Stärke als Erzähler. Immer wieder gibt es in Unschuld tolle Dialoge, die Konflikte zutage treten lassen, die man beinahe großartig nennen will, weil sie genau im richtigen Maße authentisch und poetisch, echt und überhöht sind.

Das tiefe Einverständnis zwischen Pip und Andreas rührt auch aus einem sagenhaften Ausmaß an Verzweiflung, das in diesem Roman zum Charakteristikum fast aller Protagonisten wird. Das gilt für Tom Aberant, der einmal ein Freund von Andreas war und später der Boss von Pip wird, oder für Pips Mutter Anabel, die in völliger Abgeschiedenheit lebt und ihren echten Namen ebenso verbirgt wie etliche weitere Geheimnisse ihrer Biographie.

Glück gibt es in diesem Roman für sie alle nur ganz kurz, oft in der Natur, und oft unmittelbar nach einer schmerzhaften Episode: Pip erlebt es beim Entdecken der Wälder in Bolivien, wo sie als Praktikantin des „Sunlight Project“ von allen gemieden wird, die eigentlich ihre Mitstreiter sein sollten. Andreas spürt es beim Freudentanz im Oderbruch, wo er gerade ein Verbrechen verschleiert hat, das ihn jahrelang belastet hat. Anabel genießt es beim Sex-Marathon im Wald mit ihrem Ex-Mann, nachdem sie sich zuvor einen unfassbar grausamen verbalen Schlagabtausch mit ihm geliefert hat.

Das ist alles extrem gekonnt, sprachlich ein Hochgenuss, spannend und launig. Trotzdem fragt man sich als Leser von Unschuld lange, was Jonathan Franzen zu diesem Thema getrieben, ihn an dieser Geschichte gereizt hat. Der vorletzte Kapitel liefert die Antwort: Andreas Wolf schildert darin die Erkenntnis seines Lebens: Das Internet sei, von seinen psychologischen Mechanismen über die Strategien seiner Verfechter bis hin zur Allgegenwart seiner Technologien genau wie die DDR. Also: totalitär, unentrinnbar, ohne Sinn für Schönes und letztlich schockierend langweilig. In diesem Widerspruch zur Ideologie der totalen Transparenz, die im Internet herrscht, erinnert Unschuld deutlich an Dave Eggers’ Der Circle.

Die Web-Aversion des Autors kennt man schon längst, und hier darf sie sich richtig austoben. „Das Ziel des Internets und der mit ihm verbundenen Technologien war es, die Menschheit von Aufgaben – etwas tun, etwas lernen, sich an etwas erinnern -, die dem Leben zuvor einen Sinn gegeben und es folglich ausgemacht hatten, zu ‚befreien‘. (…) Es war, als bestünde die einzige Aufgabe, die noch einen Sinn hatte, in der Suchmaschinenoptimierung“, schreibt Franzen an einer zentralen Stelle. Doch erfreulicherweise ist Unschuld kein als Roman getarntes Anti-Social-Media-Manifest. Denn erstens ist die Parallele zwischen DDR und Internet zu überraschend, um plump zu sein. Zweitens findet der Autor geeignete poetische Mittel, um seine These zumindest bedenkenswert zu machen.

Zum einen betrachtet er dabei den – nicht erst im Internet-Zeitalter entstandenen – Wunsch, jemand anders sein zu können, den hier Andreas Wolf verkörpert, und für dessen Umsetzung sich durch die neuen Technologien geradezu faustische Möglichkeiten bieten. Zunächst ohne es selbst zu ahnen, dann generalstabsmäßig organisiert und von einem hohen Maß an Reflexion begleitet, steuert er auf ein klares Ziel zu: gar kein Mensch mit Schwächen, Fehlern und Leichen im Keller mehr zu sein. Sondern eine Inszenierung, die Summe von optimierten, selektierten, manipulierten, herausgeputzten Treffern in einer Suchmaschine.

Zum anderen seziert Jonathan Franzen das Wesen von Geheimnissen. Sie sind in Unschuld der Grund für sehr viel Ärger und reichlich Zerwürfnisse. Sie sind, und das zeigt der Roman auf wunderbare Weise, aber auch das, was uns zu Menschen macht und unsere Persönlichkeit vielleicht mehr prägt als alles andere.

Bestes Zitat: „Nur ein einziges Mal und als sehr junger Mann war es mir möglich, meine Identität mit der eines anderen Menschen zu verschmelzen, und solch einzigartige Geschehnisse sind es, in denen wir die Ewigkeit finden.“

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