Durchgelesen: Kerry Howley – „Geworfen“


Autor Kerry Howley

Kerry Howley Geworfen Kritik Rezension

Kampfsport ist das Thema in Kerry Howleys „Geworfen“.

Titel Geworfen
Verlag Ullstein
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

„Praktisches Bewusstsein beim späten Schelling.“ „The deep problem with voluntaristic theories of political obligation.“ „Theoria cum praxi? Zum Verhältnis der Lebensformen in EN X 7-9.“ „Bridging Rationality and Accuracy.“

Das sind die Titel von Aufsätzen in aktuellen philosophischen Fachzeitschriften. Klingt exotisch? Nicht halb so sehr wie das Thema, das Kit sich für ihre Studien ausgesucht hat. Die Ich-Erzählerin von Geworfen gerät durch Zufall nach einer Philosophie-Tagung in einen Kampfabend mit Mixed Martial Arts. Sie ist wie gebannt von dieser Sportart, bei der Männer in einem Käfig mit einer Kombination verschiedener Kampfsportarten aufeinander einschlagen. „Mich überkam das seltsamste Gefühl – als sei ein Schleier vorübergehend gelüftet worden, als hätte mir jemand die Synapsen geölt, so dass die Gedanken ungehindert durch mein Gehirn flitzten und pfiffen, ohne den Reibungswiderstand, den ich bisher für die Gedanken selbst gehalten hatte“, erkennt sie – und beschließt, fortan die Mixed Martial Arts zu erforschen, als Beitrag zur deskriptiven Phänomenologie und experimentellen Philosophie.

Ihre Methode ist die teilnehmende Beobachtung. Sie wird Platzfüller bei zwei Kämpfern, also ein Teil ihrer Entourage, die nicht nur am Ring dabei ist, sondern auch beim Training, bei der Pressekonferenz, in der Umkleidekabine nach dem Kampf und in den schwierigen Tagen unmittelbar davor, wenn sich die Kämpfer auf das zulässige Kampfgewicht herunterhungern. Ihr erster Schützling ist der 32-jährige Sean. Er ist in einem Alter, in dem es für die meisten Kämpfer bergab geht, träumt allerdings immer noch davon, groß rauszukommen – auch wenn er nicht viel dafür tut. Wenig später schließt Kit sich zusätzlich dem Tross von Erik an, zehn Jahre jünger als Sean, mit viel Talent, Fleiß und einer großen Klappe ausgestattet, aber kaum in der Lage, sich aus dem Kokon der Kumpels in seiner Heimatstadt zu lösen.

Durch das intensive Kennenlernen der Athleten und das Beobachten der Kämpfe im Käfig findet Kit „einen Weg, aus meiner Haut zu schlüpfen“, wie sie an einer Stelle sagt. Was sie erleben will, sind Momente ekstatischer Erfahrung, wie sie von antiken Autoren geschildert werden. Bei ihrer ersten Begegnung mit diesem Sport hat sie dieses Gefühl erlebt, eine unmittelbare, geradezu körperliche Intensität das Wissens und der Erkenntnis, ganz ohne Reflexion.

Kerry Howley wählt damit einen höchst ungewöhnlichen Ansatz für ihren ersten Roman. Die Autorin, die als Journalistin etwa für das New York Times Magazine und das Wall Street Journal schreibt, hat für Geworfen drei Jahre lang recherchiert. Ihre Prosa wirkt manchmal wie ein journalistischer Text, manchmal wie das Protokoll von Beobachtungen, das ihre Erzählerin einer Hausarbeit beifügen könnte. In der Tat sind die beiden Kämpfer, um die es hier geht, reale Personen, auch ihre Aussagen in diesem Roman entspringen echten Interviews. Das bewirkt, dass das Buch auch für Novizen einen sehr guten Einblick in die Mixed-Martial-Arts-Szene erlaubt, auch wenn Howley nie vorgibt, einen Tataschenroman geschrieben zu haben. „Alle Erzähler, sage ich, sind Fiktion. Alle. Die zuverlässigen unter uns haben wenigstens den Anstand, es zuzugeben“, lässt sie ihre Erzählerin eine entsprechend deutliche Warnung formulieren.

Geworfen (der Titel bezieht sich auf Heideggers Gedanke, wir alle seien ungefragt und unvorbereitet in die Welt geworfen worden) verliert innerhalb dieses Ansatzes manchmal ein wenig den Faden, fasziniert aber zuerst mit der Kombination aus Philosophie und Brutalität. Es geht um die Möglichkeiten und Grenzen von Erfahrung und Wahrnehmung. Letztlich treibt Kit die Suche nach Wahrheit an, das Streben nach einem puren Sein, aber nicht als reine Körperlichkeit, sondern mit dem Kampf als Mittel der Transzendenz, was sich bald beinahe wie eine Sucht anfühlt. Nach und nach rückt statt der philosophischen Betrachtung der Gewalt und ihrer verschiedenen Wirkungsweisen dann die Person der Erzählerin selbst in den Mittelpunkt. Ihr gewagter wissenschaftlicher Ansatz und ihr kontroverses Sujet stoßen an ihrer Uni auf wenig Gegenliebe. Ihr Wille, für ihre Recherchen alles aufs Spiel zu setzen, erscheint bald genauso wagemutig (oder verrückt) wie der Schritt in den Mixed-Martial-Arts-Käfig.

Die Welt der Kämpfer empfindet sie als Gegenentwurf zu „Bequemlichkeit und Unkompliziertheit eines konformistischen Lebens“, heißt es schon zu Beginn. Als sie dann ganze Monate an der Seite von Sean und Erik verbracht hat, erkennt sie: „Dies war jetzt mein Lebenswerk. (…) Ich hatte kein anderes Leben, in das ich zurückkehren konnte.“ Geworfen wird so nicht nur zu einer klugen, faktenreichen und originellen Betrachtung eines wenig angesehenen Milieus. Sondern auch zu einer Geschichte über Besessenheit.

Bestes Zitat: „Kämpfen ist die Beschleunigung der Schlacht, die zu verlieren wir alle verdammt sind.“

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