Durchgelesen: Lena Dunham – „Not That Kind Of Girl“


Autor Lena Dunham

Befindlichkeiten und Peinlichkeiten versammelt Lena Dunham in "Not That Kind Of Girl".

Befindlichkeiten und Peinlichkeiten versammelt Lena Dunham in „Not That Kind Of Girl“.

Titel Not That Kind Of Girl. Was ich im Leben so gelernt habe
Verlag S. Fischer
Erscheinungsjahr 2014
Bewertung

Es gibt nicht viele Autoren in diesen Tagen, bei denen es gleich eine Pressemitteilung zur Folge hat, wenn sie eine Lesereise abbrechen müssen. Erst recht nicht, wenn sie erst 28 Jahre alt sind und der Welt gerade ihr erstes Buch vorstellen. Bei Lena Dunham ist das so. Anfang November sollte sie in Berlin lesen, was krankheitsbedingt scheiterte. Nun gibt es einen neuen Termin am 7. Dezember im Deutschen Theater, ebenfalls per Pressemitteilung ihres Verlags angekündigt.

Man darf gewiss sein: Es wird voll werden. Schließlich ist Lena Dunham hoch dekoriert. Für die Fernsehserie GIRLS, die sie geschrieben und produziert und dazu auch noch die Regie und die Hauptrolle übernommen hat, erhielt zwei Golden Globes. Sie war auf dem Titelbild von Vogue und Rolling Stone, das Time Magazine wählte sie 2012 zur „Coolest Person Of The Year“, im Jahr darauf unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Dunham ist so etwas wie das Aushängeschild eines neuen Feminismus geworden. Die 28-Jährige, die einer New Yorker Künstlerfamilie entstammt, bringt nach Ansicht ihres Verlags „das Lebensgefühl einer neuen Generation Frauen auf den Punkt“.

Wenn das stimmen sollte (1,5 Millionen Follower bei Twitter scheinen ein Indiz in diese Richtung zu sein), muss man hochgradig besorgt sein. Not That Kind Of Girl wird zwar von einigen Leuten in höchsten Tönen gelobt, deren Meinung ich schätze („unglaublich komisch, schlau und umwerfend persönlich“, meint Miranda July; „Lena Dunham ist genial“, hat Daniel Kehlmann erkannt; als „genauso smart, aufrichtig, raffiniert, gewagt, charmant wie ihre Fernsehserie GIRLS“, hat George Saunders das Buch bezeichnet). Doch da muss leider Exhibitionismus mit Talent, Selbstvermarktung mit Substanz verwechselt worden sein. Es ist ein Trick, der auch bei Lady Gaga schon gut funktioniert hat – und Not That Kind Of Girl legt den Verdacht nahe, Lena Dunham als die Lady Gaga der (Befindlichkeits-)Literatur zu begreifen.

„Ich bin zwanzig Jahre alt, und ich hasse mich“, lautet der erste Satz des Buches. Das Vorwort endet mit dem Bekenntnis: „Ich bin eine junge Frau mit dem ausgeprägten Interesse zu bekommen, was mir zusteht, und was hier folgt, sind die hoffnungsvollen Nachrichten von der Front, an der ich dafür kämpfe.“ Man kann daraus eine Menge ablesen, was dann typisch wird für dieses Buch: hemmungslose Entblößung und Selbstreflexion ohne Rücksicht auf Verluste, aber auch die Bereitschaft dazu (vielleicht sogar: die Lust darauf), sich in eine Märtyrer-Rolle zu begeben. Not That Kind Of Girl lässt keinen Zweifel daran: Lena Dunham ist gerne Pionier, Vorkämpferin, Sprachrohr einer Generation.

Was auf den Seiten nach dem Vorwort folgt, sind viele Mittelschicht-Probleme, die zu großen Krisen und Katastrophen aufgeblasen werden. Schnell erkennt man, dass es wohl nur in New York so leicht ist (unter anderem Woody Allen hat das bewiesen), aus so vielen Neurosen so leicht eine Karriere zu machen. Dabei stellt die 28-Jährige klar, dass sie nicht dem Klischee von der schlimmen Kindheit entspricht, die verkorkste Erwachsene hervorbringt. Sie betont mehrfach: Sie hat tolle Eltern, ist sehr behütet aufgewachsen – und trotzdem verkorkst.

Not That Kind Of Girl bietet in unregelmäßiger Folge ein paar Listen, oft welche mit Peinlichkeiten, manchmal auch mit unbrauchbarer Lebenshilfe („Das Ende kommt nie dann, wenn man es erwartet. Es kommt immer erst zehn Meter nach dem schlimmsten Moment, und dann nach einer unerwarteten Linkskurve.“). Man weiß nach der Lektüre, wo Lena Dunhams Gebärmutter sitzt, was sie an der Vagina ihrer kleinen Schwester so faszinierend fand und wem sie ihren ersten Blowjob gegeben hat.

Ohnehin ist erstaunlich, wie sehr sich in diesem Buch alles um Sex dreht – erst recht, wenn man bedenkt, dass der Sex, von dem Lena Dunham berichtet, kein bisschen erstrebenswert (sondern meist ein totaler Reinfall) zu sein scheint. „Tatsache ist, dass du dich beim Sex immer noch so unwohl fühlst wie beim ersten Blowjob. Jede sexuelle Erfahrung hat sich wie der erste Besuch bei einem neuen Hausarzt angefühlt. Peinlich, mühsam, ein bisschen unterkühlt“, resümiert sie an einer Stelle.

Auch hier kann man durchaus eine Parallele zu Lady Gaga erkennen. Während Madonna beispielsweise die Erotik noch in der Kategorie von Lust inszenierte (also nach innen, auf sich selbst gerichtet), ist Sex bei Lady Gaga eher ein Laborexperiment, eine Art neben vielen anderen, um seine Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen (also nach außen, auf die anderen gerichtet). So kommt Sex auch in diesem Buch rüber: Man hat ihn nicht, weil es Spaß macht oder Erfüllung bringt, sondern weil es dazu gehört, erwartet wird, vielleicht interessant sein könnte – in jedem Fall aber ein Lebensbereich ist, in dem man sich positionieren muss und profilieren kann.

Genau wie Lady Gaga beherrscht Lena Dunham die mediale Klaviatur, die Inszenierung, das Spiel mit Tabus, vor allem im sexuellen Kontext. Genau wie bei La Gaga beruht ihr Erfolg neben einer unbändigen, höchst ehrgeizigen Kreativität vor allem auf der Erkenntnis, dass sie mit dem Gefühl, eine Außenseiterin zu sein, nicht alleine ist – und nicht zuletzt auf der Entschlossenheit, sich voll und ganz zu veräußern, keine Peinlichkeit, kein Geschlechtsteil und keine Drogenerfahrung auszulassen. „Ich lebe in einer Welt, die auf ganz zwanghafte Weise geheimnisbefreit ist“, fasst sie dieses Gefühl in Worte.

Diese Masche hat beiden einen erstaunlichen kulturellen Einfluss beschert, der allerdings durch kein Äquivalent in künstlerischer Hinsicht gerechtfertigt wird. Als Beichte und Tagebuch ist Not That Kind Of Girl manchmal spektakulär. Als Literatur ist es missraten. Es gibt keine halbwegs überzeugende Struktur, viel banalen College-Klatsch, aber nichts, was tatsächlich genug intellektuelles und formales Potenzial für ein Manifest hätte. Wir sind alle ein bisschen schräg und verunsichert, lautet eine zentrale Aussage dieses Buches – ist das wirklich eine so weltbewegende Erkenntnis? Und hätte man sie nicht wenigstens mit etwas mehr Poesie, Tiefgang oder wenigstens Struktur verkünden können?

Natürlich hat selten jemand so offen davon erzählt, wie unmöglich es für junge Frauen ist, den Idealen zu entsprechen, die Frauenzeitschriften (also: Männer) vorgeben. Natürlich ist es erfrischend zu lesen, wie Dunham mit viel Humor und wachem Geist ihre Defizite seziert und amüsante Anekdoten ihres nicht ganz alltäglichen Werdegangs berichtet. Natürlich ist es virtuos, wie sie auf vielen Kanälen und in ganz verschiedenen Medien ihrer Kreativität freien Lauf lässt und damit nolens volens auch ein stückweit neu definiert, was ein Schriftsteller heute alles sein kann.

Und natürlich gibt es inmitten all des Selbstmitleids und der Bettgeschichten von Not That Kind Of Girl sehr hellsichtige Momente. „Es ging nicht darum, dass meine Verknalltheiten die Tage schneller verfliegen ließen oder irgendeine wilde Sommerlust befriedigten. Auf tieferer Ebene gaben sie mir das Gefühl, weniger erwachsen zu sein. Man hatte mich plötzlich in eine Welt der Verantwortung und Verpflichtungen, der Budgets und deren Einhaltung katapultiert. (…) Romantische Abenteuer waren für mich die beste Art, meine Verpflichtungen zu vergessen, mich selbst auszulöschen und so zu tun, als sei ich jemand anderes“, schreibt sie beispielsweise.

Trotzdem nervt es schnell, wie egozentrisch dieses Buch ist. Bezeichnenderweise antwortete Dunham unlängst in einem Interview mit Sheila Heti auf die Frage, wie sie eine gute Beziehung definiere, sie wolle am liebsten mit jemandem zusammen sein, „der einem die Zeit und den Raum gibt, den man zum Arbeiten braucht“. Die ideale Beziehung ist also eine, die man abschalten kann, wenn sie stört, die nie der eigenen Selbstentfaltung in die Quere kommt. Autsch. Es wäre nicht schlimm, wenn „Ich“ ihr liebstes Thema wäre. Aber „Ich“ ist ihr einziges Thema. Ein Kapitel heißt „Meine Therapien und ich.“ (noch nicht einmal: „Meine Therapeuten und ich“, denn die Erwähnung anderer Personen hätte wohl zu sehr von Lena Dunham abgelenkt).

Ihre Botschaft ist: Seid ihr selbst! Dagegen ist nichts zu sagen. Aber ist da noch mehr, wofür sie steht? Die Antwort steht entweder nicht in diesem Buch, oder sie lautet schlicht: „Nein.“ Denn über den Appell zur Toleranz hinaus gibt es wenig, was man aus Not That Kind Of Girl ziehen könnte, außer der noch wichtigeren Botschaft: Bitte schenkt Lena Dunham all eure Aufmerksamkeit!

Wie sehr sie ein Publikum braucht, macht ihr Buch immer wieder deutlich. Ebenso klar tritt ihre Vorliebe für die Rolle als sich selbst aufopferndes Role Model zutage. Wenn sie wieder eine schlimme Affäre hinter sich hat, schreibt sie: „Ich sah mich als eine Art Spionin, die Undercover als Mädchen mit wenig Selbstbewusstsein arbeitete, um detaillierte Berichte über die dunklen Seiten des Lebens zusammenzustellen für junge Frauen, die mit ihrem Freund auf der Couch saßen, Friday Night Lights sahen und Take-out aßen.“

An anderer Stelle heißt es über die Erfahrung, sich in den ersten Tagen an der Uni die passende Freunde zu suchen: „Meine Leute kommen woandersher und gehen woandershin, aber sie werden mich erkennen, sobald sie mich sehen. Sie werden mich so sehr mögen, dass es egal ist, wenn ich mich selbst nicht mag.“ Daraus spricht nicht nur die Weigerung, an sich selbst zu arbeiten (man kann das „unabhängig“ nennen, aber auch „borniert“). Daraus spricht auch eine Kapitulation vor dem Selbst: Es bringt nichts, an sich selbst zu arbeiten. Glück soll von außen kommen. Das ist nichts anderes als eine irritierende Variante der dämlichen Schicksalsergebenheit von Sex And The City: Was dort der Konsum leistet, sollen hier Nerd-Freunde garantieren.

Die mitunter kruden Gedanken, mehr noch die schlecht getarnte Oberflächlichkeit des Buches bilden eine weitere Parallele zu Lady Gaga. Auch bei Lena Dunham ist nicht eigentlich dieses Buch ihr Werk (oder ihre Gedichte, oder ihre Filme, oder ihre Fernsehserie). Es ist vielmehr das Ich (oder das, was sie als solches inszeniert), das ihr Werk ist. In jedem Fall ist Text zwischen Buchdeckeln, der irgendetwas zwischen Autobiographie, Ratgeber und Zustandsbeschreibung einer Generation sein soll, nicht das richtige Medium für sie – so wie Popsongs nicht das richtige Medium für Lady Gaga sind.

Bestes Zitat: „Wenn dir jemand zeigt, wie wenig du ihm bedeutest, und du immer wieder zu ihm zurückkehrst und es noch mal probieren willst, fängst du über kurz oder lang an, dir selbst weniger zu bedeuten. Wir bestehen nicht aus mehreren Teilen. Wir sind ein Ganzes. Was zu einem Teil von dir gesagt wird, wird zu deinem Ganzen gesagt, was mit einem Teil von dir gemacht wird, wird dir als Ganzes angetan. Scheiße behandelt zu werden ist nicht witzig, und es ist auch kein grenzüberschreitendes intellektuelles Experiment. Es ist etwas, das du akzeptierst, das du billigst, bis du irgendwann glaubst, du hättest es verdient. So einfach ist das.“

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