Durchgelesen: Louis Begley – „Erinnerungen an eine Ehe“


Tod und Liebe - "Erinnerungen an eine Ehe" kreist um die ganz großen Themen.

Tod und Liebe – „Erinnerungen an eine Ehe“ kreist um die ganz großen Themen.

Autor Louis Begley
Titel Erinnerungen an eine Ehe
Verlag Suhrkamp
Erscheinungsjahr 2013
Bewertung

Ein sehr intelligentes, humorvolles und weises Buch im Buch ist Erinnerungen an eine Ehe. Louis Begley, Jahrgang 1933, erzählt darin von Einsamkeit, Alter und Tod, vor allem aber von der Liebe, der Leidenschaft, der Lust und der Tatsache, dass wir von ihnen allen eher heimgesucht werden als dass wir uns für sie entscheiden könnten.

Der Erzähler ist Philip, ein alternder Schriftsteller. Seine Frau Bella ist gerade gestorben, die gemeinsame Tochter Agnes wurde vor Jahrzehnten von einem Ast im Park erschlagen, und damit ist von seiner Familie niemand geblieben. Philip kehrt nach Jahren des freiwilligen Exils wieder nach New York zurück und trifft im Ballett zufällig eine alte Bekannte: Lucy, die ihn an gemeinsame Zeiten im Paris der 1950er Jahre (inklusive eines One-Night-Stands) erinnert.

Die beiden verabreden sich und treffen sich bald regelmäßig. Lucy erzählt bei diesen Treffen ihre Lebensgeschichte und trinkt und trinkt und trinkt. Philip ist fasziniert und „entschlossen, zu verstehen, warum diese verdrehte, aber schöne, charmante und verführerische junge Frau, die mir im Gedächtnis geblieben war, sich so verändert hatte, so verbittert, aggressiv und zänkisch geworden war“. Er ist Zuhörer, Freund, Voyeur und Therapeut, bis er merkt, dass diese Geschichte, die eigentlich gar nicht erzählt werden möchte, auch von ihm handelt – und bis er ahnt, dass er über die Gespräche mit Lucy ein Buch schreiben wird. „Ich spürte, dass ich weiter in ihren Bannkreis gezogen wurde, als vernünftig schien“, muss er sich eingestehen.

Es ist ein doppelter Gegensatz, der diese Treffen in Erinnerungen an eine Ehe so faszinierend macht. New York ist die Heimat von Philip, oft genug war er hier der Star bei einem Cocktailempfang inmitten von Intellektuellen, Künstlern und Schöngeistern. Jetzt ist er in derselben Stadt einsam, weil „so wenige von den Leuten, mit denen ich früher in New York zusammen war, noch in der Stadt leben oder überhaupt noch am Leben und funktionsfähig sind.“

Der zweite Gegensatz offenbart sich im Leben von Lucy. Sie berichtet vor allem von ihrer katastrophalen Ehe mit Thomas, in der sich zwei Wege kreuzten, die sinnbildlich für den Wertewandel im Nachkriegsamerika stehen. Bei ihrer Hochzeit ist Lucy gesellschaftlich betrachtet auf dem Weg nach unten, wenn auch auf höchstem Niveau: Sie kommt aus einer der besten Familien New Englands, einen guten Teil des Vermögens haben aber ihre Vorfahren schon verprasst. Ihr Bräutigam Thomas ist auf dem Weg nach oben: Er ist der Sohn eines Automechanikers und arbeitete sich dann nach oben, bis er schließlich als Investmentbanker steinreich wird. Als sie heiraten, ist Lucy für ihn eine glänzende Partie, als sie sich trennen, haben sich die Vorzeichen verkehrt. Als Verliebte, als Eheleute und als Geschiedene sind sie umgeben von Geldadel, Neureichen und Snobismus, den ihnen in dieser Form nur New York bieten kann. Begley versteht es vorzüglich, die Zwänge der feinen Gesellschaft von Manhattan zu beleuchten, ihre Intrigen und ihren Stolz, sodass Erinnerungen an eine Ehe manchmal wirkt wie Der große Gatsby mit mehr Sex.

Vor allem mit Lucy gelingt Begley eine schillernde, unvergessliche Figur: Ihr Unglück ist, dass sie das wohlgeordnete Leben nicht erreicht, das als Standard gilt und das alle von ihr erwarten – und womöglich auch, dass sie nicht den Mut hat, sich gegen das Streben nach diesem wohlgeordneten Leben zu entscheiden, das gar nicht zu ihr passt. Bis zur letzten Seite wird Philip (und mit ihm der Leser) nicht schlau aus dieser Frau. Und nach der letzten Seite weiß er: Das Beste an Fehlern ist, dass man aus ihnen lernen kann. Und das Schlimmste an Fehlern ist, dass man sie auch zweimal machen kann.

Bestes Zitat: „Warum geht es Familien nicht in den Kopf, dass die Begabung zum Geldmachen nicht erblich ist, nicht auf einem Gen sitzt, das vom Urururgroßvater an irgendeinen spätgeborenen Trottel weitergegeben wird, bloß weil er ein direkter Nachfahre ist? Das werde ich nie verstehen.“

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