Durchgelesen: Mark Costello – „Paranoia“


„Paranoia“ ist das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Autor Mark Costello
Titel Paranoia
Verlag Goldmann
Erscheinungsjahr 2002
Bewertung ****

Mit seinem zweiten Roman hat Mark Costello in den USA einiges Aufsehen erregt. „Paranoia“ wurde für den National Book Award nominiert und brachte dem Autor unter anderem Vergleiche mit Don DeLillo ein. Costello einen „Schriftsteller von hohem Rang“ (Jonathan Franzen) zu nennen oder ihn gar „in die erste Riege der amerikanischen Literatur“ zu erheben (Jay McInerney), ist vielleicht ein bisschen verfrüht. Auf jeden Fall hat Mark Costello aber das richtige Buch zur richtigen Zeit geschrieben.

In der Geschichte der Secret-Service-Agentin Vi Asplund, die für die Unversehrtheit des amerikanischen Vizepräsidenten zu sorgen hat, wird schnell klar, wer hier genau an Verfolgungswahn leidet: God’s own country höchstselbst. In einer handvoll Figuren gelingt es Costello, all die Traumata und Komplexe der USA zu konzentrieren. Die Indianer, Vietnam, Kennedy, der Rassismus, die Bigotterie, der New-Economy-Crash: All das schlummert unter der Oberfläche, wird nicht aufgearbeitet, sondern ignoriert oder verdrängt. Und so werden Menschen, Familien, Firmen, Parteien und Staaten zu höchst fragilen Gebilden.

Costello beeindruckt nicht nur mit einem unverstellten Blick auf sein Land, das er dabei gelegentlich schon einmal der Lächerlichkeit preis geben muss, sondern auch mit einer filigranen Konstruktion, die dem Roman erst ganz zum Schluss seine volle Wucht verleiht. Ein paar Szenen (etwa die Angst der Bodyguards vor der Menschenmenge, die Touren der Wahlhelfer) sind ganz famos arrangiert und packend erzählt, dazu gelingen Costello rührende Momente und intelligente Metaphern (etwa die Besiedlung Amerikas und das Westwärts-Streben als neues Internet-Computerspiel).

Seine größte Stärke ist allerdings, dass er nicht zu explizit wird. Es bleibt dem Leser überlassen, Querverbindungen zu erkennen und zu analysieren. Auch der elegante Witz Costellos drängt sich nirgends auf. Und schließlich wird das Ereignis, das dem Buch des Ex-Staatsanwalts seine Aktualität verleiht, nirgends erwähnt, ist aber dennoch allgegenwärtig: Dass sich Amerika seiner Verletzlichkeit seit dem 11. September noch mehr bewusst ist, sie sich als einzig verbliebene Supermacht aber nicht eingestehen kann – dies ist Costellos Botschaft und der Grund für die Paranoia seiner Charaktere.

Beste Stelle: „Peta rief zu Hause an. Die Mailbox sprang an, Peta hörte ihre eigene volle, wohltönende Telefonstimme. ‚Hier ist das Domizil der Familie Asplund-Boyle. Wenn sie Meinunsforscher sind, drücken sie bitte die Eins, um unsere Ansichten zu erfahren und rufen sie nicht noch einmal an; wenn sie ein Mensch sind drücken sie die Zwei und hinterlassen eine Nachricht. Einen schönen Tag noch. Bye!‘ Peta war versucht, die Eins zu drücken, weil sie dachte, sich anzuhören, was sie glaubte, könnte vielleicht beruhigend oder aufmunternd wirken, doch der Klang ihrer eigenen Stimme genügte bereits.“

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