Durchgelesen: Martin Naumann – „Wende-Tage-Buch“


Autor Martin Naumann

Wende-Tage-Buch Martin Naumann Kritik Rezension

Fotos von September 1989 bis Oktober 1990 versammelt das „Wende-Tage-Buch“.

Titel Wende-Tage-Buch
Verlag Militzke
Erscheinungsjahr 2008
Bewertung

Geschichte ist „nicht die reale Vergangenheit selbst oder ihr Abbild, sondern ein Bewusstseinskonstrukt“, hat Karl-Ernst Jeismann, emeritierter Professor für Neuere Geschichte und Didaktik an der Universität Münster, in einem 1990 erschienenen Aufsatz treffend festgestellt. Sie existiere nicht als „Abbild vergangener Realität, sondern als ihre aus Zeugnissen erstellte, auswählende und deutende Rekonstruktion“.

Wie zutreffend das ist, auch und gerade für die Zeit, in der diese Zitate veröffentlich wurden, zeigt das Wende-Tage-Buch von Martin Naumann. Als Fotograf der Leipziger Volkszeitung begleitete er den Wendeherbst 1989 in seiner Heimatstadt, ohne Auftrag der Redaktion, aber regelmäßig und akribisch. Das Buch, zum 20. Jubiläum der friedlichen Revolution erschienen, zeigt viele seiner Schwarz-Weiß-Fotos, kombiniert mit unveränderten Auszügen aus seinem Tagebuch, die um ein paar wenige Daten ergänzt sind, die relevante Hintergründe erläutern.

Seine Motivation sei es, an das Geschehen zu erinnern, aber auch zum neuen Nachdenken über die Ereignisse anzuregen, schreibt der 1932 geborene Naumann im Vorwort. Darüber hinaus gewährt er spannende Einblicke in sein Berufsleben, die medienethische Fragen aufwerfen, die auch heute noch aktuell sind. Als sich immer mehr Menschen auf die Straßen Leipzigs wagen, um ihrem Unmut über die DDR Luft zu machen, steht er vor der Frage: Wie soll man darüber berichten, in einer SED-Parteizeitung? Die Diskussionen und Entscheidungswege in der Redaktion gehören zu den spannendsten Facetten dieses Wende-Tage-Buchs.

Dazu profitiert das Buch von der großen Nähe zu den Ereignissen, die einiges hervorbringt, was im Rückblick überraschend ist oder vergessen wurde. Beispielsweise die starke Rolle der Umwelt- und Frauenaktivisten in der Protestbewegung wird hier gewürdigt. Zudem zeigen die Fotos von Martin Naumann, dass es bei der legendären Leipziger Montagsdemonstration am 9. Oktober 1989 – dem Abend, an dem ein gewaltsames Eingreifen gegen die rund 70.000 Demonstranten so wahrscheinlich war wie nie davor und nie danach – keinerlei Transparente gab. Die Bilder mit reichlich Spruchbändern, die man heute intuitiv mit diesem Datum verknüpft, sind bei späteren Demonstrationen entstanden.

Die vielleicht größte Stärke des Buchs ist die Kontinuität: Von September 1989 bis zum 3. Oktober 1990 begleitet Martin Naumann das Geschehen, ist bei allen wichtigen Ereignissen als Augenzeuge dabei. So kann er zum einen die Spannung der Ereignisse abbilden, die für die Zeitgenossen fast erdrückend gewesen sein muss. Nicht nur im Text, sondern auch in seinen Fotos fängt der Autor die Angst bei den Demonstranten, auch bei den Sicherheitskräften und nicht zuletzt bei ihm als Reporter selbst ein – sehr frisch waren schließlich noch die Erinnerungen an das Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens wenige Monate zuvor, denkbar auch ein Szenario wie im Prager Frühling.

Zum anderen zeichnet das Wende-Tage-Buch sehr gut den Wandel im Charakter der Demonstrationen und den Forderungen der Demonstranten nach. Zu Beginn ging es noch um Erneuerung der DDR, um Transparenz, Reise- und Meinungsfreiheit, woraus dann die Forderung nach freien Wahlen, Zulassung neuer Parteien und institutioneller Mitsprache erwuchs. Ziel war also eine Reform des Systems, nicht seine Abschaffung. Dem folgte eine Phase, in der die Kritik an Personen und die Forderung nach Rechenschaft dominierte. Erst Ende November, nach dem Fall der Mauer, werden deutsche Einheit und, zunächst noch stärker, D-Mark herbeigesehnt. Im Januar 1990 tauchen die ersten Neonazis bei den Montagsdemonstrationen in Leipzig auf, vier Wochen später kommt der Autor beim Blick auf die Proteste zum knappen Fazit: „Die Luft ist raus“.

Das Wende-Tage-Buch demonstriert damit ebenso die Dynamik und die inhaltliche Offenheit des Prozesses. Eine lohnende Lektüre für die Nachgeborenen ist das allemal in Zeiten, in denen friedlicher Protest gegen autoritäre Regime so gefragt ist wie schon lange nicht mehr.

Das beste Zitat beschreibt eine Szene am 26. Februar 1990: „Montagsdemonstration, wenig Demonstranten. Von einem Lastwagen herunter, der ein Münchner Kennzeichen hat, werden wieder massenhaft Bundesflaggen und Transparente ausgegeben, welche die Demonstranten gierig an sich reißen. Es ist so, als würde man Glasperlen an Eingeborene verteilen.“

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